Single Eine Frau ohne Mann ist wie ein Mann ohne Penis

Es gibt in dieser Gesellschaft kaum etwas Schlimmeres als eine Frau, die Single ist. Sie muss sich bedauern, bedrängen und pathologisieren lassen. WTF! Von

Neulich habe ich meinen Exfreund wiederauferstehen lassen – als Lebenspartner, wie man das ja so spröde und wenig leidenschaftlich nennt. Es war auf einer Urlaubsreise, in einer von den Umständen zusammengefügten Gruppe, die nach dem Austausch der üblichen Eckdaten – "Wo kommst Du her?" und "Was machst Du so?" – dann schnell persönlicher wurde. Besagter Mann und ich sind seit fünf Jahren getrennt. Keine Ahnung, was er so macht. Ich ließ ihn nun aber mit wissendem Lächeln allein zu Hause bleiben, als hätten wir uns gerade erst am Flughafen Tschüss zugehaucht: Ach, er reist nicht gern. Was soll ich machen. Sagt man dann so. Statt: Ich bin Single – das klingt ein bisschen wie die kleine Schwester der Langspielplatte: schnell gespielt und rasch vorbei, die Melodie.

"Offenbar ist eine alleinstehende Frau für viele immer noch das Schlimmste, ein vollkommen inakzeptabler Zustand", hat die bayerische Wirtschaftsministerin Ilse Aigner im April dem Spiegel gesagt: "Man kann geschieden sein, zum vierten Mal verheiratet, man kann schwul, lesbisch, irgendwas sein, aber alleinstehend, das geht nicht." Aigner könnte sich keinen Partner erfinden, ohne öffentlich fürchterlich durch den Kakao gezogen zu werden. Und sie hat Glück, dass in ihrer Heimat Bayern die Kennzeichnungspflicht für unverheiratete Frauen – die links zu tragende Schleife am Dirndl – aus der Mode gekommen ist. Genauso wie der Bollenhut mit roten Wollkugeln drauf im Schwarzwald, der die Trägerin früher auf den Präsentierteller hievte. Das Gefühl, das so etwas auslösen kann, kann man heute #Singleshaming nennen: Peinlich, alle wissen Bescheid.

Für mich ist der erfundene Freund mitunter die vielleicht unehrlichste, aber dafür einfachste Methode, um als Alleinstehende dem Bedauertwerden zu entkommen. Kann sehr erholsam sein, Wellness geradezu. Mit der Versicherung, dass jemand daheim auf mich wartet, geben sich alle gern zufrieden, es folgt kein Nachbohren der üblichen Art: Warum denn das? Wie lange schon? Ist das nicht schrecklich an den Wochenenden? Und in dem Alter nicht besonders schwierig? Ich bin Ende vierzig. Ist die Wahrscheinlichkeit, auf einen Tiger zu treffen, nicht höher als die, noch mal einen Mann zu finden in diesem Lebensabschnitt?

Darauf ließe sich eine Menge erwidern, zum Beispiel, dass Zwanzigjährige gewiss eine größere Auswahl an potenziellen Partnern haben, dass man sich mit fortschreitendem Alter aber eben auch besser kennt und mehr Kompetenz darin entwickelt, sich in anderen Menschen nicht mehr pheromonberauscht zu täuschen, was etwa dem Zustand der Tränensäcke sehr zugute kommt. Und ja, weil Paare sonntags gern lange ausschlafen, danach zusammen frühstücken, dann um den See radeln und abends beim Tatort gemütlich nebeneinander auf dem Sofa liegen, muss ich mir für diesen Tag etwas anderes überlegen, denn auch bei mir lebt der Großteil meines Freundeskreises in einer festen Beziehung. Doch den Tatort finde ich sowieso zum Davonlaufen, und gemeinsames Fernsehgucken gehört ohnehin nicht zu meinen kühnsten Träumen.

Vor allem ist alleinstehend zunächst mal nur ein Statistikbegriff, der über Liebe, Sex und andere Streicheleinheiten gar nichts sagt, sondern bloß häusliche Verhältnisse erfasst. Im 2016 vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Datenreport heißt es: "Als Alleinstehende werden im Mikrozensus ledige, verheiratet getrennt lebende, geschiedene oder verwitwete Personen bezeichnet, die ohne Lebenspartnerin oder Lebenspartner und ohne Kind in einem Privathaushalt leben." 18,5 Millionen dieser Personen gab es davon im Jahr 2015 in Deutschland. 53 Prozent davon sind Frauen, 47 Prozent Männer. 89 Prozent von ihnen leben in einem Einpersonenhaushalt. Was sie da so machen, wenn sie unbeobachtet sind? Darüber wird gerne gerätselt.

Man muss wahrlich nicht in einer Zimmerecke herumstehen wie eine verstaubte Statue, wenn die anderen Pärchenzeit haben, aber lustigerweise fällt Menschen, die in Ausstellungen, Restaurants und Bars gehen, die Konzerte und Parks aufsuchen, Zeitungen und Bücher lesen und überhaupt wie die Weberschiffchen durch die Großstadt sausen, bei entsprechendem Kuschelhormonpegel manchmal nicht ein, dass das alles auch allein erlaubt ist. Was tun wir Unverpartnerten wirklich, wenn wir unbeobachtet sind? Etwas Unerlaubtes, etwas Einfallsloses, exzessives Onlineshopping mit einem Hauch der Verzweiflung womöglich?

Kann sein, dass Singles häufiger als Paare Schlemmerfilet à la Bordelaise statt langsam gegarter Lammschulter zu sich nehmen, und das sogar direkt aus der Aluschale am Küchentisch. Schon aus ökonomischen Gründen. Weiblichen Singles wird schließlich nachgesagt, unmäßig viel Geld für unbequeme Schuhe auszugeben, man billigt es jedoch als Werbungskosten. Vielleicht hocken die Alleinstehenden auch in grässlichen Kuschelsäcken auf dem Sofa, um Heizkosten zu sparen, wer weiß. Eine geteilte Wohnung ist schließlich billiger, Einkaufen in größeren Einheiten rechnet sich besser, Hotelzimmer im Doppelpack ebenfalls. Wenn nur der Streit um gemeinsame Anschaffungen nicht schon bei einer unsachgemäß ausgedrückten Zahnpastatatube losginge. Anders formuliert: Mit Mehrausgaben kann sich ein Single auch einiges an Nerven ersparen.

Wie lange habt ihr eigentlich schon keinen Sex mehr gehabt?

Dass man alleinstehend auch ziemlich vergnügt leben kann, muss man nur leider oft wiederholen. Die schlimmste Alleinstellungsfalle von allen ist die Erklärungsmühe, die Rechtfertigungsmühle. Ein Single, zumal, wenn er wie ich weiblich und kinderlos ist, hat auch heute immer noch eine Menge zudringlicher Fragen zu beantworten: als sei man verpflichtet, seine Lebenssituation zu erklären. Und zudringlich deshalb, weil sie natürlich nicht von wissenden guten Freunden, sondern von flüchtigen Bekannten oder neuen Bekanntschaften stammen, die sich auch nicht gerade gern über den Stand ihrer Beziehung aushorchen lassen möchten. Einmal möchte ich sie stellen, die Umkehrfragen: "Warum seid Ihr eigentlich zusammen?", "Wie lange habt ihr schon keinen Sex mehr gehabt?" Oder: "Wieso hast Du eigentlich Kinder?"

Aber das würde natürlich als verkniffen wahrgenommen werden, und außerdem bekommt man als Alleinstehende ja viele charmante, aufmunternde Sachen gesagt. Nur schwingt in denen bei näherer Betrachtung stets ein Vorwurf mit. Hinter dem Satz "Dass eine Frau wie Du Single ist!" steckt ja immer die Vermutung, man sei kompliziert, anspruchsvoll und mache es bei der Partnerwahl nicht unter George Clooney, der aber bitte so groß sein muss, dass er einen auch dann noch fürsorglich überragt, wenn man auf Zwölfzentimeter-Louboutins aus dem Haus möchte. Kurzum, dass man sich einen Forderungskatalog zusammengebastelt hat, den kein Mann erfüllen kann. Oder dass man letalen Mundgeruch hat oder eine riesige Glastierchensammlung. So wird das nie was. Aber muss es das denn auch um jeden Preis?

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