© NDR/Christine Schroeder

"Tatort"-Kritikerspiegel Steife Brise

Der letzte "Tatort" vor der Sommerpause ist kein laues Lüftchen. Sibel Kekillis letzter Auftritt als Sarah Brandt wird umrahmt von zwei Morden und Borowskis Liebeskummer.

Während Kiel schon beinahe im Rausch der Kieler Woche schwebt, wird eine junge Frau in ihrer Wohnung brutal ermordet. Kommissar Borowski (Axel Milberg) und seine Kollegin Sarah Brandt (Sibel Kekilli) übernehmen den Fall. Beide noch sichtlich angeschlagen von den Erlebnissen der Tatort-Folge Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes. Und als wenn das nicht genügen würde, glaubt Borowski, außerdem noch Opfer eines Brandanschlags geworden zu sein. Als dann auch noch eine zweite Leiche mit derselben Täterhandschrift auftaucht, stellt sich die Frage: Haben Borowski und Brandt es mit einem Serienmörder zu tun? Dieser Tatort ist übrigens der letzte mit Sibel Kekilli. Wir winken zum Abschied mit der Fernbedienung.

1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: Über die Gewaltszene, bei der ein Gangster sein Baby auf dem Arm hält. Dieser Tatort überschreitet Grenzen des in der Sonntagsprimetime Erlaubten.

Lars-Christian Daniels: Über die Frage, womit man denn in den nächsten Wochen nur seinen Sonntagabend verbringen soll: Dieser Kieler Tatort ist der letzte Neue vor der Sommerpause! 

Matthias Dell: Über Borowskis Schnäuzer. Und die ganzen Rücken, die man permanent vor der Nase hat.


2. Was haben Sie aus diesem Tatort gelernt?

Christian Buß: Wie klingt der Tod? Der Mörder, der eine Frau mit einem abgebrochenen Stuhlbein erschlägt, sagt, der Tod klinge so: "Es gab so ein Geräusch. Als ob man auf einen Vogel tritt und dann geht die Luft raus, und es gibt noch mal so ein Geräusch. Ich habe so was noch nie erlebt."

Lars-Christian Daniels: "Der Arzt sagt, ich bin ein medizinisches Wunder." – Klaus Borowski ist weder durch zwei Flaschen Rotwein noch durch eine Rauchvergiftung kleinzukriegen.

Matthias Dell: Dass dieser Tatort in Geschichte nicht so gut ist – die Behauptung, in 70 Jahren Deutschland sei noch jeder Bombenanschlag von der Polizei vereitelt worden, stimmt für das real existierende Deutschland schon mal nicht.


3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: Warum säuft sich hier Borowski die Hucke voll? Der Film selbst erklärt das nicht. Dieser Tatort wurde schon vor zwei Jahren gedreht und schließt an die Folge Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes an, an dessen Ende der Kommissar ein traumatisches Erlebnis hat. Das muss man wissen, um den Frust des Ermittlers zu verstehen.

Lars-Christian Daniels: Gleich mehrere, denn Drehbuchautor Markus Busch, der eine Vorlage des kurz nach den Dreharbeiten verstorbenen Bestsellerautors Henning Mankell umgesetzt hat, stellt in diesem Tatort mehr Fragen, als er Antworten gibt. Über die Vorgeschichte des abgehalfterten Roman Eggers (Mišel Matičević) erfahren wir zum Beispiel nur wenig.  

Matthias Dell: Wie viele Kinder hatte dieser Roman Eggers nun eigentlich?


4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Niemanden. Laufen alle gefährlich auf Hochtouren in diesem Gewalt-Tatort.

Lars-Christian Daniels: Keine, denn dieser Kieler "Tatort" ist sehr stark besetzt. Sibel Kekilli verlässt die Krimireihe allerdings freiwillig, wenngleich ihr kein echter Abschied zuteil wird: "Ich habe mich bewusst gegen einen Abschluss-Tatort entschieden, denn man muss eine Geschichte nicht immer auserzählen", gab die Schauspielerin vor ein paar Wochen bekannt. Wie recht sie hat. Ich würde mir trotzdem Frieda Jung (Maren Eggert) zurückwünschen, befürchte aber, dass der NDR mich nicht erhört.

Matthias Dell:  Keine, Spitzencasting.


5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Von Mišel Matičević als Gewalttäter. Die Destruktion scheint ein normaler Teil der von ihm gespielten Figur zu sein.

Lars-Christian Daniels: Von der ebenso brutalen wie verstörenden Auseinandersetzung zwischen Eggers und Geldverleiher Felthuus, die auch dank des herausragenden Spiels und der physischen Präsenz von Schauspieler Mišel Matičević lange nachwirkt: Geschlagene sechs Minuten steigert sich die Gewalt von subtilen Anfeindungen über verbale Aggressionen und Handgreiflichkeiten bis zum existenziellen Kampf um Leben und Tod. Aufwühlend! 

Matthias Dell: Der ersten Totalen von Kiel; wie die Kamera dem Flug eines Vogels folgt, um zur Stadtansicht zu kommen, das ist sehr schön.


6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser "Tatort"?

Christian Buß:  2 Schlafmützen 😴😴

Lars-Christian Daniels: 2 Schlafmützen 😴😴

Matthias Dell:  3 Schlafmützen 😴😴😴

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