Andersrum ist auch nicht besser Willkommen im Mainstream

© Tim Travers Hawkins/Courtesy of Chelsea Manning/AP/dpa

Machen wir uns nichts vor: Schwul sein ist out und Lesben waren noch nie wirklich in. Mittlerweile ist beides überholt worden, von links, rechts, oben und unten. Trans* ist das Thema der vergangen Jahre. Erst in der Kunstwelt, dann in amerikanischen Serien, mittlerweile: überall. Was soll man dazu sagen? Willkommen im Mainstream vielleicht?

Angefangen hat der derzeitige Hype vermutlich mit der Transfrau Laverne Cox, die in der Netflix-Serie Orange ist the New Black eine Gefängnisinsassin spielt. Es folgten Caitlyn Jenner, die sich selbst spielt und die amerikanische Whistleblowerin Chelsea Manning, die nicht spielt. Auch die Transmänner liegen gut im Rennen: In den USA hat Buck Angel längst einen Namen über die Pornobranche hinaus, hierzulande kämpfen der Olympionike Balian Buschbaum und Benjamin Melzer, seines Zeichens Covermodel der deutschen Men’s Health, um den Titel des meistgeliebten Transmannes.

Es ist modern, sich der Zweigeschlechterordnung zu entziehen. Und obendrein ist es völlig unabhängig von jeder sexuellen Orientierung. Keine Ahnung, welchen Geschlechtern die oben genannten Menschen in Liebesdingen den Vorzug geben und ganz ehrlich: Es ist auch egal. Die akademischen Diskussionen sind ohnehin längst postgender – was früher mal Frauenstudien hieß, wurde zu Genderstudies und wird dieser Tage flächendeckend in Queer- oder Diversity Studies umgetauft. Das ist gut, weil es um mehr geht als um Geschlechter und Wer-mit-Wem. Stichwort Intersektionalität, also die Überschneidung verschiedener Diskriminierungsformen, wenn sich etwa Rassismus und Sexismus addieren. Stichwort Mensch.

Mensch sein wollen ja schließlich alle, und ganz schön vielen reicht das auch. Frau? Mann? Gähn. Zumindest lassen darauf die Ergebnisse der ZEIT-Vermächtnisstudie schließen, die 2016 veröffentlicht wurden. Nach der Geschlechterrolle befragt, die sie am ehesten beschreibt, gaben darin 3,3 Prozent der deutschen Bevölkerung an, entweder ein anderes Geschlecht zu haben als bei ihrer Geburt zugewiesen oder sich schlicht nicht als weiblich oder männlich zu definieren. Das heißt: Knapp 2,5 Millionen Deutsche haben keine Lust, sich von fremden Erwartungen oder ihren Geschlechtsteilen in ein gesellschaftlich erwünschtes Leben pressen zu lassen.

Es ist mittlerweile ja auch hinlänglich erwiesen, dass die Fähigkeit zum Einparken, zum Aufbau von Ikea-Möbeln oder der Lösung von Polynomgleichungen nichts mit dem zu tun hat, was sich zwischen den Beinen befindet. Derartige Fähigkeiten sind ausschließlich zwischen den Ohren angesiedelt! Die Millenials haben längst begriffen, dass Dualismen so last century sind! Weshalb sich die coolen Kids anscheinend gerade gern als non-binary beschreiben. Ein neuer Terminus für das immer gleiche Thema, der so ziemlich alles außer Heteronormativität inkludiert. Sie wollen sich nicht einordnen lassen, vor allem äußerlich nicht. Abgebundene Brüste zum Abendkleid, Vollbart mit Glitzerlidschatten – Conchita hat das vorgemacht und nun ist es ein Synonym für: Freiheit.

Zumindest für alle, die eine Wahl haben. Denn am lautesten erscheinen meistens die, die sich nicht einordnen wollen. Die, die sich nicht einordnen können, die zerrissen sind und schlimmstenfalls an ihrer Zerrissenheit leiden, stehen oft in den hinteren Reihen. Es ist nur ein kleiner Unterschied zwischen Freiheit und Zwang. Zwischen denen, die bei jedem Adressfeld, das sie im Internet ausfüllen müssen, einen Wutanfall bekommen, weil sie sich für eine Anrede entscheiden müssen, die immer Herr oder Frau heißt. Ohne Anrede geht’s nicht weiter – weshalb die, die sich nicht einordnen können, oft niedergeschmettert zur geschlechtslosen Firma werden oder den Bestellvorgang ganz abbrechen. Zwischen Können und Wollen liegen Welten.

Und dennoch betrifft die Aggression, die die Verweigerung von Zweigeschlechtlichkeit auslöst, beide Gruppen. Schon alleine deshalb ist es wichtig, dass Menschen, die sich nicht einordnen, dies auch zeigen. Und wenn Modedesigner Androgynität, Feminismus oder Pussypower als neues Leitmotiv für sich entdecken und Medien Reportagen über Trans*menschen und Nicht-Binäre schreiben – wunderbar. Denn selbst, wenn es nur eine Mode ist: Sie sorgt für Sichtbarkeit und Sichtbarkeit generiert Selbstverständlichkeit, die wiederum allen dient. Und auch wenn Identität bekanntlich fluide ist und Mode vergänglich – etwas davon wird bleiben, auch wenn die coolen Kids weiterziehen, um die nächste akademische Welle zu reiten. Die kommt garantiert.

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