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Väter Wenn einer fehlt, den man nicht kennt

Die einen leiden unter der Abwesenheit ihres Vaters, die anderen erkennen in der Lücke im Leben keinen Makel. Vier Menschen erzählen, wie es ist, ohne Vater aufzuwachsen. Von

In dieser Geschichte fehlen vier Männer. Einer ist weggeblieben, einer verleugnet seine Vergangenheit, einer kehrte nie heim und einer hat eine seltsame Leere hinterlassen. Es sind die Väter von Laura Dunne*, Antonia Hoffmann*, Karl Wenninger* und Henning Schaper*. Die beiden Frauen und Männer kennen einander nicht, sie entstammen unterschiedlichen Generationen und haben doch eines gemeinsam: In ihren Leben fehlt der Vater.

Psychologen, Soziologen, Historiker beschäftigen sich schon lange mit der Frage: Welche Folgen hat die Abwesenheit des männlichen Elternteils für die Kinder und späteren Erwachsenen, für die Gesellschaft? Von zwei vaterlosen Generationen ist die Rede: Da sind die unzähligen, die nur von ihren Müttern – und anderen Familienmitgliedern – großgezogen wurden, weil die Väter aus dem Krieg nicht heimkehrten. Und da sind die Scheidungskinder, Kinder aus Affären und Romanzen, die Patchwork-Kinder von heute. Viele von ihnen werden trotzdem von zwei Eltern erzogen, versorgt, geliebt. Anderen wird der abwesende Elternteil fremd.


Wenn von den vaterlosen Generationen die Rede ist, geht es meist um die negativen Folgen, die der Verlust für die Betroffenen bedeutet. Im Buch Das Drama der Vaterentbehrung legt der Psychoanalytiker Horst Petri dar, dass auffällig viele kriminelle Jugendliche ohne Vater aufgewachsen sind. Auch Drogenprobleme, Beziehungsstörungen, mangelnde Empathie und schlechtere schulische Leistungen treten bei diesen Kindern und Jugendlichen ihm nach häufiger auf. Wie sich diese Symptome später im Erwachsenenleben auswirken, zeigen Petri und anderen Experten zufolge die Schwierigkeiten, welche diese "Kinder des Krieges" als Partner und Familienväter hatten und haben. Eine Langzeitstudie an der Mannheimer Normalbevölkerung ergab, das jene, denen in den ersten sechs Lebensjahren der Kontakt zum Vater fehlte, noch über 50 Jahre später ein deutlich höheres Risiko für psychische Störungen aufwiesen als Kinder, die Kontakt zum Vater hatten.

Heißt das, heute wächst ein nicht unerheblicher Teil der Gesellschaft – in Deutschland leben derzeit etwa 20 Prozent der Kinder ohne Vater– haltlos und gefährdet heran? Und kann man die beiden Gruppen überhaupt vergleichen, jene, deren Väter an der Front starben, und die, deren Väter die Verantwortung für ihre Kinder nicht übernehmen wollen oder können?

Ein vertrauter Fremder

"Was man nicht kennt, das kann man nicht vermissen. Das habe ich jahrelang gesagt, wenn ich nach meinem Vater gefragt wurde", sagt Laura Dunne. "Mittlerweile weiß ich, dass das nicht stimmt." Dunnes Vater starb vor zwei Jahren nach einer langen Krankheit. Sie habe ihren Vater mehrmals verloren, sagt die 41-Jährige, und zugleich sei er nie da gewesen. "Immer wieder suchte ich ihn, fand ihn, wir sahen uns und es war schön. Und dann verpisste er sich wieder." Für Laura Dunne ist es eine schmerzhafte Geschichte, aber auch eine mit einem Happy End. Sein Tod, sagt sie, habe ihr die Möglichkeit gegeben, Frieden zu schließen.

Als Dunnes Eltern sich trennten, blieb er, ein Brite, in seiner Heimat, Mutter und Tochter gingen nach Deutschland. Laura war damals acht Monate alt. Nach ihm zu fragen, kam ihr erst Jahre später in den Sinn. Sie erfuhr, dass ihre Eltern aus Liebe geheiratet hatten und sie ein Wunschkind war. Aber auch, dass der Vater zu viel trank und sich als Teil einer Sekte verstand. Eine schwierige Ehe, die Mutter litt sehr. Dennoch folgte sie dem Wunsch ihrer zu diesem Zeitpunkt zehnjährigen Tochter und suchte den Vater. "Sie hat ihre Bedürfnisse hinten angestellt", sagt Dunne, "weil es für mich wichtig war."  

In Österreich fanden sie ihn schließlich: Der Vater lebte mit einer neuen Partnerin in Salzburg. Den ersten Besuch hat Laura in guter Erinnerung. Aufregend sei es gewesen, die neue Frau, die sie nett fand, die Gespräche auf Englisch. Sie mochte seinen Humor. "Endlich hatte ich ein Bild von ihm." Es folgten weitere Besuche, zunächst mit der Mutter, später allein, auch Briefe, Geschenke, Telefonate. Bis der Kontakt schlagartig abbrach. Mutter und Tochter suchten ihn wieder, und fanden ihn in England. Laura Dunne schrieb einen bitterbösen Brief, wie sie sagt: "Meine ganze Wut war da drin. Darüber, dass er einfach abgehauen ist. Aber auch darüber, dass er nicht da war, als ich klein war."

Endlich hatte ich ein Bild von ihm.
Laura Dunne

Der Vater antwortete mit einer Einladung, Laura Dunne reiste hin. Wieder war es schön, Vater und Tochter sprachen viel, sie erkannte Ähnlichkeiten, fühlte sich ihm nahe. Doch es blieb auch eine Fremdheit. Heute kann Dunne diese verorten. "Er hat sich nie wie ein Vater benommen. Er hat keine Verantwortung übernommen, für mich nicht, für niemanden. Nicht mal für sich selbst." Laura Dunne glaubt, dass sie auch deswegen Frieden schließen konnte mit dem Mann, der nach diesem Besuch immer wieder den Kontakt abbrach und sich meist kleinlaut gab, wenn die Tochter wütend sein Interesse forderte. Einmal hat er sie am Telefon beschimpft. "You're a fucking shit", dieser Satz verfolgte sie Jahre. Da half es auch nicht, dass er betrunken war. Später, kurz vor seinem Tod, hat er sich dafür entschuldigt.

Laura Dunne hat lang überlegt, ob sie zur Beerdigung fahren soll. Rückblickend sagt sie, fand sie dort Frieden – und Familie. Gespräche mit der Schwester des Vaters, deren Tochter und der Frau, die zuletzt an seiner Seite war, brachten ihr ihn näher, legten den Grundstein für neue, tiefe Beziehungen – und die Erkenntnis, dass er andere Menschen genauso schlecht behandelt hatte. Dass er ein gebrochener Mann war. Sie erfuhr dort aber auch, dass er oft von ihr gesprochen hatte. Sogar seine Trinkbrüder in der Dorfkneipe wussten von der Tochter in Deutschland. "Ich war Thema. Das zu erfahren, hat gutgetan", sagt sie. Spürt sie die lebenslange Lücke, von der die Experten sprechen? "Mag sein. Ich glaube mittlerweile schon, dass man etwas vermissen kann, was man nie hatte. Aber ich kann es nicht benennen." Laura Dunnes Stimme ist ganz fest, als sie das sagt. Und hinzufügt: "Es tut nicht mehr weh."

* Alle Namen wurden von der Redaktion geändert.

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