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Yoga Pranayama im Pyjama

Unser Autor macht jetzt Yoga. Mit YouTube-Videos. Gegen die Wehwehchen des Alters. Beim "Downward Facing Dog" auf dem Wohnzimmerteppich hat er sich aus Versehen verliebt. Von

Meine Großmutter hat ihr Leben lang darauf hingewiesen, dass "alle Menschen unter dem einen oder anderen Wehwehchen leiden". Das ist mir gut in Erinnerung. Damals war ich jung, unsterblich und deshalb noch ohne Wehwehchen. Ich fand als Jugendlicher vor allem Gefallen an dem Wort. "Wehwehchen", habe ich gedacht, "was für eine seltsame Wortschöpfung." Natürlich habe ich sie Großmutters Sprachkreativität zugerechnet, ohne in Betracht zu ziehen, dass der Begriff auch in Welten jenseits meines Mikrokosmos zum Sprachgebrauch gehörte.

Irgendwann kam auch ich in das Alter, in dem die Wehwehchen Überhand nehmen. Eine Freundin von mir fasste meinen Allgemeinzustand über eine Frage zusammen: "Wie viele Tage im Jahr hast du eigentlich keine körperlichen Beschwerden?" Sie hatte sich von mir bereits einige Zeit lang Geschichten über meinen körperlichen Verfall anhören müssen, bis sie mir eines Tages die Lösung meiner Probleme präsentierte: Yoga.

Es war Liebe auf den ersten Blick. Denn besagte Freundin empfahl mir nicht etwa den Volkshochschulkurs "Yoga für Männer jenseits der 40 mit leicht hypochondrischem Einschlag", sondern eine Serie auf YouTube: Yoga with Adriene. Ich solle mich, so drückte sich die Freundin aus, ganz auf Adriene einlassen. Gesagt, getan, Yogamatte gekauft.

Adriene, so viel vorneweg, ist nicht irgendeine klischierte Yogalehrerin, sie verzichtet auf wallende Tücher, Kerzen und allzu viel esoterischen Kitsch. Adriene ist eine Poetin. Alles an ihr ist Poesie. Ihre langen, natürlich glänzenden Haare, ihre großen, freundlichen Augen, ihre warme, tiefe Stimme in Verbindung mit diesem leicht profanen US-amerikanischen Akzent, der ihren Wohnort verrät: Austin, Texas. Vor allem aber ist es die Poesie ihrer Worte, die mich für sie eingenommen hat.

In den mittlerweile über 300 Videos sitzt, steht, liegt Adriene in hübsch designten Wohnzimmern und manchmal auch in einem Park herum – mit nur einem Ziel: Entspannung. Das gefällt mir. Um dieses Ziel zu erreichen, spricht sie denkwürdige Sätze aus wie: "Heb einfach dein Herz an, während du ankommst." Oder: "Wir spüren die fehlende Balance unserer inneren Ruhe." Wenn Adriene mir vorschlägt: "Sitz schön und gerade, schön und langsam", dann beschäftigt mich das. Ich will mich ja an ihre Anweisungen halten. Ich frage mich: Wie kann man langsam sitzen? Oder viel wichtiger: Wie sitzt es sich eigentlich so richtig schön schnell?

Adriene eröffnet mir neue Welten. Und nicht nur mir: Über 2 Millionen Menschen hören auf YouTube ihren mit samtiger Stimme ausgesprochenen Anweisungen zu: "Wir fangen an mit einem kleinen Pranayama." Wir Millionen Menschen fühlen uns davon angesprochen, wir denken dann: "Ja, das ist eine sehr gute Idee, Adriene, lass uns mit einem Pranayama anfangen. Pranayama ist das Beste, das wir in genau diesem Moment tun können." Natürlich haben die meisten von uns keine Ahnung, was ein Pranayama überhaupt ist. Aber das macht nichts.

Höchste Zeit, dass da mal jemand durchpranayamert

Pranayama, erklärt Adriene, sei eine Atemtechnik, die mir dabei helfen werde, meine "ausgefransten Nerven zu glätten." Das ist schön, das sieht gut aus. Das lenkt mich ab von den Schmerzen in meiner rechten Schulter, dem Zwicken an der Hüfte, dem Grummeln im Bauch. Dass ich keine dieser Übungen nachmache, die Adriene mir vorführt und die mich ohnehin nur daran erinnern würden, dass ich durch jahrelanges Sitzen die Beweglichkeit eines frühverrenteten Dachdeckermeisters habe, spielt keine Rolle. Ich versuche, Pranayama fehlerfrei auszusprechen. Ich blinzle in Richtung Yogamatte. Ich ruhe in meiner Mitte. Ich muss nichts tun. So entspannend.

Adriene und ich kennen uns zwar nur vom Sehen, aber manchmal ist es, als säße sie abends mit mir in meiner Küche. "Stell dir einfach eine kleine Tür vor, die sich an deinem Kopf öffnet, da kann der ganze Stress dann entweichen", schlägt sie mir vor. Leider öffnet sich bei mir nur die knarrende Luke zum Dachboden, aber das kann Adriene nicht wissen, das soll sie auch gar nicht wissen. Da oben ist alles verstaubt, es ist wirklich höchste Zeit, dass da mal jemand durchpranayamert. Zum Glück liegt Adriene in Wahrheit in Austin, während ich mit Kopfhörern auf den Ohren vor meinem Laptop sitze und noch schnell den letzten Schluck Wein des Abends trinke.

Neulich hat Adriene gefragt, ob ich die kleine Ausdehnung meines Bauches fühlen könne, wenn ich meine Hände beim Einatmen auf den Bauchnabel lege. Ehrlich gesagt: Es war eine unangenehm mächtige Ausdehnung. Ich fühlte hin und beschloss kurz darauf, mir am nächsten Tag ganz entspannt ein paar neue Hemden zu kaufen. Kurz darauf forderte Adriene mich auf, mit dem rechten Daumen mein rechtes Nasenloch abzudichten und nur noch durch das linke Nasenloch zu atmen. Ich musste niesen. Aber lächeln.

Wenn ich abends irgendwann müde werde, aber die Gedanken nicht abschalten kann, rufe ich die Folge auf, die Bedtime Yoga heißt. Adriene sitzt vor diesem hell erleuchteten Fenster, wahrscheinlich während der Sommersonnenwende auf Island, es will draußen einfach nicht dunkel werden. Adriene spricht von "Yummy, sleepy time yoga", was in meiner Welt so viel bedeutet wie "Lecker-Nachtipuh-Yoga". Ich setze mich aufs Sofa, schließe die Augen und bin plötzlich sehr entspannt. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich zur Seite gesunken aufwache, mit verdrehter Schulter und eingeschlafenem Bein. Wenn ich dann versuche, aufzustehen, lande ich im perfekten Downward Facing Dog. Sehr downward. Schade, dass Adriene mich nicht sehen kann. Vielleicht wäre sie ein klein bisschen stolz. 

Nicht selten liege ich schnarchend neben der Matte

Am nächsten Morgen, beim Gentle Morning Yoga, soll ich mit verschränkten Beinen sitzen, mit geradem Rücken, und ich soll meine Handflächen Richtung Boden drehen und dorthin legen, wo es sich besonders gut anfühlt. Wenn Adriene wüsste, dass ich stattdessen verschlafen im Bett liege und meine Schlafanzughose falsch herum anhabe, wäre sie vielleicht in Sorge. Grundlos, schließlich geht es um Entspannung.

"Find what feels good" sagt Adriene immer, und ich möchte ihr zuflüstern: Seychellen would feel good. Very good. Jetzt soll ich meinen Kopf drehen in langsamen, großen Kreisen. Meine Nase soll meinen Kopf leiten, damit die Kopf-Nacken-Verbindung knacken und die Nacken-Schulter-Verbindung Geräusche machen kann. Da soll ich hinhören. Und ich höre so sehr hin, dass mir die Müllabfuhr kaum noch auffällt, und das Hupen der dahinterstehenden Autos. Fast höre ich nichts mehr von dem Kind meiner Nachbarn, das vor allem Frühmorgens versucht, seinen Namen mit einem Bobby Car ins Parkett zu schreiben.

Ein kleiner Hund läuft nun ins Bild, Adriene ruft ihn Benji. Ich schrecke auf. Das kann kein Zufall sein. Adrienes Begleiter heißt genau wie ich. Er heißt nicht nur wie ich, Benji ist auch wie ich: Immer hungrig, ein bisschen zu behaart und ohne jedes tiefere Verständnis für all die Übungen, die mir Adriene da vorführt.

Nicht selten liege ich schnarchend neben der Matte, aber das tut unserer Beziehung keinen Abbruch. Adriene nimmt mich so, wie ich bin. Sie kritisiert mich nicht. Sie sagt mir, was ich tun soll, wenn Winterdepression, verspannter Nacken, schlechte Laune, Migräne, Panik oder Regenwetter zuschlagen. Sie lobt mich dafür, dass ich mir die Zeit nehme, ihre Videos zu schauen. Für Adriene möchte ich lernen, schön und langsam zu sitzen. Für Adriene möchte ich die kleine Tür an meiner Schläfe finden, durch die der Stress entweichen kann. Für Adriene ziehe ich den Bauch ein, drücke mir das rechte Nasenloch zu und schließe die Augen für ein kleines Pranayama.

Kommentare

12 Kommentare Seite 3 von 3 Kommentieren

Schade lieber Benji, dass du dich nicht auf das von Adriene Gezeigte einlassen kannst.
Ich dachte ich würde in der Zeit mal einen interessanten Artikel über Yoga lesen, stattdessen das üblichen Klischee-Denken der Gesellschaft ala ""Nicht selten liege ich schnarchend neben der Matte".

Würdest du die Übungen wenigstens hin und wieder praktizieren, wäre deine "Beweglichkeit eines frühverrenteten Dachdeckermeisters" schnell passé.
Vielleicht kommt die Einsicht und der Wille ja noch irgendwann ;-)

Bish dahin alles herzlich Gute an dich.