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Abibälle Catwalk ins Leben

Abibälle werden immer pompöser. Selbstgemacht ist nicht genug, zum Abschluss muss eine Limousine her. Ohne die Hilfe von professionellen Unternehmen läuft fast nichts. Von

Die 17-jährige Julie Peuten aus Hamburg ist zufrieden, wenn sie von ihrem gerade erst bestandenen Abitur erzählt: "Es ist gut gelaufen." Tatsächlich ist es sogar sehr gut gelaufen: Julie hat einen Notendurchschnitt von 1,7 und ist damit eine von knapp 10.000 Abiturienten, die in diesem Jahr allein in Hamburg die Schulen verlassen. Sie alle wollen ihren Abschluss gebührend feiern. Doch mit einem improvisierten Fest in der Turnhalle oder Aula der Schule ist es schon lange nicht mehr getan. Abibälle folgen heute meist einem feierlichen Protokoll: Erst posieren die Schüler in einer repräsentativen Räumlichkeit vor einer Fotowand, dann folgt der Eröffnungstanz, es werden Reden gehalten und es wird diniert, bevor der Abend in eine Party übergeht.

Dieser mittlerweile typische Ablauf überrascht so manche Eltern, die sich selbst eher an zwanglose und ausschweifende Feste am Ende der eigenen Schulzeit erinnern. Auch Julie Peutens Abiball scheint eher vornehm als wild zu werden. Den Großteil der Organisation übernahm ein professioneller Veranstalter: "Das finanzielle Risiko ist einfach sehr hoch und es gibt so viel zu bedenken, dass wir uns lieber mit Abiconnection zusammengetan haben."

Abiconnection, das ist eine der vielen Event-Agenturen, die sich auf die Ausrichtung von Abibällen spezialisiert haben. Auch unzählige Veranstalter, deren Kerngeschäft in Show- oder Firmenevents liegt, haben mittlerweile die große Feier zum Ende der Schulzeit im Programm. Die Gesamtbudgets liegen zwischen 4.000 und über 20.000 Euro, von der Räumlichkeit bis zum Catering kümmern sich die Agenturen um nahezu alles. Schon seit Beginn der Oberstufe gehört Julie Peuten dem Abiball-Kommitee ihres Jahrgangs an: "Unser Stufenleiter riet uns damals, möglichst früh mit der Planung zu beginnen, weil wir mit 180 Schülern so viele sind." Das Komitee plant, sammelt Geld und lässt die Details von Profis regeln.

Endlich auf der großen Bühne

An den Details mangelt es nicht: 180 Schüler, die mit Freunden, Familie und Lehrern feiern wollen, brauchen Platz. Und Getränke. Und Essen. Und Musik, für deren Abspielen die GEMA keine Strafen verhängen kann. Im Falle von Julie Peutens Abi-Jahrgang brauchen sie auch einen roten Teppich, einen Fotografen, einen DJ und ab 22 Uhr die sogenannte Aftershow-Party. Schon der Begriff zeigt: Der Abiball, einst nicht viel mehr als das letzte fröhliche Zusammensein von Schülern, Lehrern und Familien, ist heute ein Anlass, bei dem man sich wie auf einer Bühne präsentieren möchte: im perfekten Outfit, mit dem richtigen Partner und an einem schicken Ort.

Berliner Abiturienten steht bei der Planung Olaf Marsson beiseite. Mit seiner Firma Abiplaner richtet Marsson schon seit 2004 Abibälle aus. Vor 17 Jahren organisierte er, damals noch als Student, zum ersten Mal einen Sektempfang am Rande eines solchen Balls. "Aus heutiger Sicht war das regelrecht unterirdisch", erinnert sich der 38-Jährige. Kurz darauf erlebte er während einer Reise in die USA eine Prom Night mit. Marsson gefiel die Idee, den Schulabschluss groß und glanzvoll zu feiern und gründete zwei Jahre später sein Unternehmen. Heute organisiert er mit seiner Agentur Abiplaner rund 90 Bälle im Jahr, mit deren Planung sein festes Team und 150 freie Mitarbeiter 24 Monate lang beschäftigt sind.

Die Zahl der Anfragen nehme zu, oft kommen sie schon zwei Jahre vor dem Abitur: "Manche Schülerinnen suchen dann auch bereits nach ihrem Ballkleid", erzählt Marsson. Dass die meisten Anfragen aus Städten kommen, liege in der Natur der Sache, schließlich gebe es dort mehr Schulen. Aber auch im ländlichen Raum wachse die Nachfrage. Auch bei Daniel Matera von der seit 2015 aktiven Hamburger Agentur Dein Abiball wird früh angefragt. Das sei auch gut so, meint der 27-Jährige: "Die meisten Locations in der nötigen Größe sind ein Jahr vor dem Abschluss schon ausgebucht."

"Das ist schon viel Geld"

Matera versteht sich und seine Mitarbeiter als Schnittstelle zwischen Abiturienten und Betreibern von Veranstaltungsorten, Catering-Diensten und Fotografen: "Schüler, die einen Ball im Alleingang organisieren, zahlen fast immer zu hohe Preise." Verhandlungen über Saalmieten und Getränkepauschalen, DJ- und Fotografen-Honorare, über Sicherheits- und Parkplatz-Situationen führen die oft noch minderjährigen Schüler schließlich nicht jeden Tag.

Manche Wünsche der Abiturienten übersteigen jedes Budget, so Matera: "Dass etwa ein professioneller Künstler, sein Team im Hotel untergebracht und seine Anfahrt und die GEMA-Gebühren bezahlt werden müssen, daran denken viele anfangs nicht." Olaf Marsson kennt das: "Wir wurden schon gefragt, ob wir nicht Shakira für einen Abiball organisieren könnten." Ein großes Feuerwerk stehe ebenfalls weit oben auf der Wunschliste. Daniel Matera rechnet in solchen Fällen einfach genau vor, was die Extras kosten würden. "Dann rücken die Schüler ziemlich schnell wieder davon ab." Er versuche, so zu kalkulieren, dass eine Karte am Ende nicht mehr als 70 Euro koste.

Die Kleider werden häufig schon Monate vorher ausgesucht © Bethany Clarke/Getty Images

Ein Ticket für den Abiball von Julie Peutens Jahrgang kostet 85 Euro. "Das ist schon viel Geld", meint sie, "man hätte es vielleicht auch etwas kleiner gestalten können. Andererseits: Wie oft geht man denn schon auf einen richtigen Ball?" Einige ihrer Mitschüler sind an Pomp nicht interessiert: "Am selben Wochenende findet auch das Splash-Festival statt. Dazu haben manche aus unserem Jahrgang einfach mehr Lust." Die Familien derer, die nicht auf den Ball gehen, sparen eine Menge Geld: Karten für Eltern, Geschwister, Verwandte, ein neues Kleid oder ein Anzug – all das kann sich schnell auf rund 500 Euro belaufen. Mögliche Kosten für ein Geschenk zum Abschluss, eine Abi-Reise oder T-Shirts mit dem Abi-Motto kommen noch hinzu.

Für Julie Peutens Mitschüler Pelle hätte der Ball auch aus anderen Gründen kleiner sein können: "Ich hätte mir einen persönlicheren Rahmen gewünscht", sagt er direkt nach seiner letzten Prüfung, die ihm einen Schnitt von 1,4 bescherte, "viele von uns sehen einander an diesem Abend ja wahrscheinlich zum letzten Mal." Er freue sich vor allem auf die Party nach dem förmlichen Teil. "Da gibt es nur leider keine Freigetränke mehr", schiebt er lachend hinterher.

Auch Christine Eschrich ist gespannt, ob zwischen dem Stopp vor der Fotowand, dem feierlichen Einmarsch der Schüler und all den anderen Programmpunkten Zeit für persönliche Gespräche bleibt. Die Lehrerin für Französisch und Englisch an einem Gymnasium südlich von Hamburg war schon bei sechs Abibällen dabei. Jeder von ihnen sei aufwendiger als der vorherige gewesen: "Wenn ein Jahrgang vorlegt, möchte der nächste einen noch eindrucksvolleren Ball hinlegen." Das schlägt sich auch in den jährlich steigenden Preisen der Karten nieder; diesmal liegen die Kosten pro Karte bei 50 Euro. Die Vorfreude der 120 Abiturienten sei das ganze Schuljahr über zu spüren gewesen, erzählt Eschrich: "Für viele ist es eine der ersten Gelegenheiten, sich als Erwachsene zu präsentieren."

Olaf Marsson stimmt dem zu: "Die Schüler wissen, wie wichtig ein guter Abschluss für ihre Zukunft ist. Die Bedeutung des Abiturs wächst – und damit auch die des Balls." Wer sich jahrelang durch Nachhilfestunden, G8-Experimente und Diskussionen mit ehrgeizigen Eltern gekämpft hat, sieht im Abiturzeugnis eben mehr als nur eine Hochschulzugangsberechtigung. Das erlebt Marsson auch bei Zeugnisübergaben, die an manchen Schulen ebenfalls professionell organisiert werden: "Das sind oft erstaunlich emotionale Veranstaltungen." 

Serien wie Gossip Girl setzen neue Maßstäbe

Das amerikanische Vorbild verstärke den Wunsch nach einem glamourösen Fest zum Ende der Schulzeit zusätzlich: "TV-Serien aus den USA machen diese Idee für viele Jugendliche wahnsinnig attraktiv", meint Olaf Marsson. Vor 20 Jahren sahen Teenager der Clique aus Beverly Hills, 90210 beim Abschlussball zu, vor zehn Jahren träumten sie von einem Ball wie in O.C., California. Die Aufregung um die Wahl der Ballpartner, Fotos vor glitzernden Kulissen, romantische Tänze in luxuriösen Kleidern und schicken Anzügen, ein bisschen Wehmut und viel Hoffnung für die Zukunft, all das prägt im Laufe der Jahre die Idealvorstellung vom eigenen Abschlussball.

Ganz im Sinne dieses Vorbilds wird der Abiball zu einem der immer aufwendiger zelebrierten Meilensteine im Leben: Auch Taufen, Einschulungen und Hochzeiten organisieren heute oft Profis. Sich einen Wedding-Planner zu leisten, gilt schon lange nicht mehr als extravagant, sondern als praktisch; für Einschulungsfeiern bieten Restaurants ganze Komplettpakete, Buffet mit Buchstabensuppe inklusive. In Sachen Abschlussball setzen aktuell Serien wie Gossip Girl neue Maßstäbe. Da entsteigen die jugendlichen Protagonisten in Designer-Roben gigantischen Stretchlimousinen, um bei Champagner und Live-Musik im New York Palace Hotel zu feiern.

Nicht nur Limousinen, auch Kutschen und märchenhafte Schlösser stehen auf der Wunschliste deutscher Abiturienten weit oben, erzählt Marsson, vor allem bei Schülerinnen. Das klingt fast so, als würde der Abiball nebenbei zur Generalprobe für die Hochzeit. Marsson lacht: "Ganz so weit denken die meisten Schülerinnen dann doch nicht. Der wesentliche Antrieb ist es, den Schulabschluss gebührend zu feiern." Die Abiturienten selbst nennen noch einen anderen Grund: "Es gibt ein großes Konkurrenzdenken zwischen den Schulen, nicht nur beim Abiball. Auch in Sachen Noten vergleichen sich die Schulen sehr stark miteinander. Alle wollen zeigen, dass sie die Besten sind", sagt Julie Peuten.

Sie freut sich trotzdem auf den Ball. Ein Kleid hat sie schon gekauft, allerdings erst vor drei Wochen und nicht wie manche ihrer Mitschülerinnen schon vor einem Jahr. So richtig enthusiastisch wird Julie erst, wenn sie erzählt, was sie direkt nach dem Ball vorhat. Dann beginnt ihr Praktikum bei einem Hamburger Radiosender. Im Anschluss daran will sie mehrere Monate durch Neuseeland reisen. Ganz ohne Dresscode.

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