Wir müssen reden Warum ist Sex im Freien so erregend?

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Sex in der Öffentlichkeit ist für viele nicht nur eine reizvolle Fantasie. Wie wir die Scham vor der Entdeckung sexualisieren, erklärt der Sexualtherapeut Ulrich Clement. Von

ZEITmagazin Online: Wir haben es gerade erst wieder gesehen: Egal ob auf dem Bahnsteig einer U-Bahn oder in einer Gemeinschaftsunterkunft für Polizisten – Sex findet auch in der Öffentlichkeit statt. Welche Orte sind dabei besonders beliebt?

Ulrich Clement: Man sollte Öffentlichkeit zunächst danach unterscheiden, wie hoch das Risiko ist, dort entdeckt zu werden. So gibt es auf dem einen Ende der Skala Orte wie den einsamen Strand bei Nacht, an denen man ziemlich sicher ist vor den Blicken anderer. Daneben Orte, die mit dem Risiko spielen, entdeckt zu werden, etwa das Riesenrad oder die Flugzeugtoilette. Und schließlich gibt es Orte für Sex wie einen Taxirücksitz oder eine Parkbank, wo der Reiz gerade darin besteht, dass andere einen sehen oder hören können. Es gibt also große Unterschiede. Sie meinen vermutlich die mittlere Variante: Das Paar will beim Sex nicht wirklich entdeckt werden, der Kitzel besteht dennoch in dem gewissen Risiko, entdeckt zu werden.

ZEITmagazin Online: Warum ist das ein Kitzel? Wäre es nicht schlicht furchtbar peinlich, entdeckt zu werden?

Clement: Schon. Wobei es vor allem auch dem Entdecker peinlich wäre. Grundsätzlich hängt Scham stark davon ab, wie wichtig und wie fremd einem die entdeckende Person ist: Sind es Kollegen oder Verwandte? Da ist wahrscheinlich wenig Kitzel hinter der Beschämung spürbar. Oder sind es irgendwelche anderen Flugpassagiere, die man nie wieder sieht? In diesem Fall ist das erotische Funktionsprinzip von Sex in der Öffentlichkeit ein Spiel mit der Angst. Denn eine kleine Prise Angst ist sexualisierbar. Sex entwickelt sich ja nicht nur aus Ruhe und Entspannung heraus, sondern auch durch Unvorhersehbarkeiten. Das ist der Kick. Schon Freud sagte über die Erotik: Wo die Menschen keine Hindernisse vorfinden, denken sie sich selbst welche aus. Das trifft heute, da die sozialen Hindernisse kleiner geworden sind, noch genauso zu.

ZEITmagazin Online: Aber Scham ist doch etwas anderes als eine Prise Angst?

Clement: Das ist natürlich nicht alles. Die Dramaturgie von Sex in der Öffentlichkeit besteht aus zwei Elementen: Zunächst aus einem unangenehmen Gefühl – das kann Scham sein oder auch nur die Angst vor der Scham – und zum Zweiten aus dessen triumphaler Überwindung: Es fühlt sich gut an, nicht Opfer dieses unangenehmen Gefühls zu werden, sondern es durch eine kluge Inszenierung zu überwinden. Hinzu kommt, dass es dafür einer Komplizenschaft innerhalb des Paares bedarf, was dessen intimes und exklusives Zusammengehörigkeitsgefühl steigert. Manchmal erfordert ein Ort auch hastigen, unmittelbaren Sex, was ebenfalls erregend sein kann. Alle diese Faktoren erzeugen eine Spannung, die dann sexualisiert wird.

ZEITmagazin Online: Früher war sogar Küssen in der Öffentlichkeit verpönt. Das ist heute sehr normal, man könnte hier von einer Ausweitung des Intimen in den öffentlichen Raum sprechen. Wird es diese Entwicklung auch im Geschlechtsverkehr geben? Oder ist das nur ein Eindruck, der durch die sozialen Medien entsteht und verstärkt wird?

Clement: Eine solche Enttabuisierung würde ich nicht ausschließen. Wir haben das ja bereits bei der Nacktheit erlebt. Wohl jeder hat heute schon mal in der Öffentlichkeit einen fremden Po im Tangaslip gesehen. Natürlich tragen auch die Medien zu dieser Enttabuisierung bei, indem sie mit einer kaum verdeckten Faszination von freizügigen Polizisten in Bad Segeberg oder einem kopulierenden Pärchen in der Berliner U-Bahn berichten.

ZEITmagazin Online: Wer nimmt daran Anstoß?

Clement: Überraschend wenige Leute. Heute löst es eher ein Kopfschütteln aus als echte Empörung. Auch der Gesetzgeber muss nur eingreifen, falls es zu Beschwerden kommt, dann verfolgt er den Akt in der Regel als Ordnungswidrigkeit oder als Erregung öffentlichen Ärgernisses. Alles eher harmlos.

ZEITmagazin Online: Anders sieht es bei Exhibitionisten aus. Die werden sehr wohl verfolgt.

Clement: Ja, weil das eine Opferperspektive hat. Exhibitionisten kommt es zentral auf das Erschrecken oder die Angst an, die sie im Gegenüber erzeugen. Das ist deren Triumph und macht sie selbst in ihrer Vorstellung groß. Dabei geht es gar nicht um Sex in der Öffentlichkeit, sondern um das Zeigen der Geschlechtsorgane.

ZEITmagazin Online: Das Gefühl ist ja auch tatsächlich sehr unterschiedlich, ob ich im Park ein Pärchen beim Sex ertappe oder ob sich vor mir ein Mann entblößt. Ersteres rangiert irgendwo zwischen lustig, peinlich und befremdlich, Letzteres ist viel unangenehmer, weil es übergriffig oder sogar beängstigend wirkt.

Clement: Ja, und es nützt auch wenig, zu wissen, dass Exhibitionisten kaum auf einen Akt aus sind. Wenn man zufällig ein Paar beim Sex sieht, sind sich diese beiden ja in ihrer sexuellen Erregung selbst genug. Ich bleibe als Beobachter außen vor. Wenn hingegen eine Frau einem Mann mit nackter Erektion gegenübersteht, wird sie schon von der Konstellation her in seine Sexualität einbezogen. Das ist grenzüberschreitend.

ZEITmagazin Online: Wenden wir uns wieder Paaren zu. Häufig sind die Orte, die – fantasiert oder real – besonders beliebt sind für Sex in der Öffentlichkeit, sehr naturnahe: eine nächtliche Meeresbucht, eine sommerliche Waldlichtung. Löst bei uns Menschen die Nähe zur Natur besondere Glücksgefühle aus?

Clement: Unabhängig davon, wie hoch im Einzelfall das Risiko des Entdecktwerdens ist, bietet die Natur Orte, an denen man sich mit dem großen Kosmos vereinigt und eins fühlen kann. Man blickt gemeinsam in die Sterne oder aufs Meer. Das kann ein Gefühl von Entgrenzung erzeugen, wie wir es auch beim Sex erleben können. Wie stark man darauf reagiert, hängt aber davon ab, welcher Empfindungstyp man ist. Für jemanden, der sich nach Verschmelzung sehnt, kann das Grenzenlose der Natur im Kontrast zur Geschlossenheit von Räumen dieses Vollkommenheitsgefühl noch verstärken. Hinzu kommt die Entfernung zum Alltag. Auch zeitlich kann mehr Raum sein, wenn man sich beispielsweise im Urlaub oder auf einem Ausflug befindet. Man darf aber nicht vergessen, dass häufig – zum Beispiel für Jugendliche – der Waldboden schlicht eine Ausweichmöglichkeit darstellt, wenn man kein Zimmer findet. Man muss die Natur also gar nicht metaphysisch überhöhen. Sex in der Natur kann auch ganz banale Gründe haben.

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