Wir müssen reden Warum ist Sex im Freien so erregend?

ZEITmagazin Online: Kommen wir zu jenem Sex, bei dem recht offensiv in Kauf genommen wird, beobachtet zu werden, in einem Park beispielsweise.

Clement: Und mehr noch. Es gibt ja Orte, bestimmte abseitige Parkplätze zum Beispiel, wo das nicht nur in Kauf genommen, sondern aktiv aufgesucht wird. Hier entsteht so etwas wie eine Kooperation zwischen dem Voyeur und den sexuell Aktiven, die ihre exhibitionistischen Gefühle ausleben.

ZEITmagazin Online: Warum ist es erregend, dass noch eine weitere Person außer jener, mit der man gerade Sex hat, erregt wird?

Clement: Weil das meine eigene Erregung aufwertet. Es macht mich besonders, hebt mich auf eine Art Bühne, und es beweist die Stärke meiner Attraktivität. Die erscheint mir dann nämlich als so groß, dass ich damit gleich mehrere Leute fesseln kann. Das ist faszinierend.

ZEITmagazinOnline: Ist das eher typisch weiblich oder typisch männlich?

Clement: Weder noch. Aber ich kann Ihnen von einer typisch weiblichen Fantasie erzählen, die diesen Reiz bedient: Eine Frau ist auf einem Geschäftstermin, in einer Konferenz oder bei einem Essen, und sitzt zwischen zwei Männern. Unter dem Tisch tändelt sie mit dem nackten Fuß am Bein des einen herum, während sie mit den Augen oder verbal den anderen verführt. Der jeweils andere und alle weiteren Anwesenden bekommen davon nichts mit. Hierbei geht es auch um das Spiel mit der Kontrolle.

ZEITmagazin Online: Um Kontrolle?

Clement: Ja, die Frau bleibt Herrin der Situation. Sie kann irgendwann gehen, vielleicht sogar ohne sich zu verabschieden, und entzieht sich damit den Männern. Die sollen dann denken: Wo ist sie jetzt hin? Ich würde gerne weitermachen, aber ich kriege sie nicht mehr. Diese Vorstellung kann für die Frau reizvoll sein. Sie sexualisiert die Gemeinheit der sexuellen Enttäuschung.

ZEITmagazin Online: Und die Männer?

Clement: Für sie gilt im Prinzip das Gleiche, wobei bei ihnen im Vordergrund steht, sich potent zeigen zu wollen.

ZEITmagazin Online: Ist das nicht doch ein Unterschied?

Clement: Auf einer höheren Ebene nicht mehr. Männer wie Frauen spielen damit, ihre Potenz und Attraktivität zu zeigen und sich an der Faszination der direkten oder indirekten Mitspieler zu erregen.

ZEITmagazin Online: Können Sie auf niedrigerer Ebene diesen Unterschied erläutern?

Clement: Das Phänomen erklären die Sozialpsychologen Kathleen Vohs und Roy Baumeister mit einer Theorie der sexuellen Ökonomie. Demnach verhalten sich Männer und Frauen bei der Wahl ihrer Sexualpartner wie auf einem Markt, wo Güter angeboten, gekauft und getauscht werden. Sex wird hier allerdings nicht symmetrisch angeboten, weil der Wert der männlichen Sexualität gleich null ist. Die gibt es überall umsonst. Die weibliche Sexualität hingegen ist wertvoll. Dieser Theorie zufolge wird weiblicher Sex also nicht 1:1 gegen männlichen Sex getauscht, sondern gegen Ressourcen. Wenn Frauen sich auf diesem Markt umtun, wollen sie prüfen, wie hoch ihr Marktwert, wie groß ihre Attraktivität ist. Kurz: Wie weit oben der Mann in der sozialen Rangordnung rangiert, den sie mit ihrer Attraktivität erreichen können. Sie flirten also und zeigen ihre sexuellen Attraktivität, um an die männlichen Ressourcen zu kommen, während umgekehrt die Männer mit ihren ökonomischen und sozialen Ressourcen prahlen, um sexuellen Zugang bei den Frauen zu bekommen.

ZEITmagazin Online: Das bringt mich auf das interessante Ergebnis einer anderen Studie: Nachdem sie in der Öffentlichkeit heftig miteinander rumgemacht haben – also Zungenküsse ausgetauscht und sich überall gestreichelt haben – geben Männer an, zu glauben, ihr Image damit tatsächlich aufgewertet zu haben. Frauen hingegen geben an, ihr Image damit eher beschädigt zu haben. Und ich dachte, wir leben im 21. Jahrhundert!

Clement: Man kann sich schon wundern, warum es diesen Unterschied in der Wahrnehmung noch immer gibt, wobei es allerdings weniger eine Frage nach der Zeit ist, in der wir leben, als nach der Gesellschaft oder dem Milieu.

ZEITmagazin Online: Warum messen wir Männer und Frauen in ihrer sexuellen Aktivität mit zweierlei Maß?

Clement: Das Phänomen wird als double standard bezeichnet und geht auf die eben beschriebenen Marktmechanismen zurück. Der doppelte Standard gilt in besonderem Maße, wenn die Geschlechter finanziell und sozial sehr ungleich gestellt sind, wenn Männer mehr Geld und mehr Rechte haben als Frauen. Je weniger das zutrifft, je gleichberechtigter also eine Gesellschaft organisiert ist, desto weniger greift diese Theorie.

ZEITmagazin Online: Wenden wir diese Theorie jetzt noch mal auf eine Party an, auf der zwei heftig öffentlich miteinander knutschen und aneinander rummachen. Welche Motive spielen dabei eine Rolle?

Clement: Sie wollen sich sexuell performant zeigen, der Mann also potent, die Frau attraktiv. Dazu können weitere verdeckte Motive kommen wie, jemanden anderen eifersüchtig oder neidisch machen zu wollen oder unter Geschlechtsgenossen Respekt zu erlangen. Dieses Phänomen des sexuellen Imponiergehabes ist nicht neu. Davon zu unterscheiden sind natürlich schwer Verliebte. Die küssen sich so heftig, weil sie buchstäblich alles andere um sich herum vergessen haben. Die Botschaft richtet sich in ihrem Fall eindeutig auf den Partner: Ich liebe dich so sehr, dass mir alles andere egal ist. In dem anderen Fall richtet sich die Botschaft des Knutschens vor allem an die Außenstehenden: Schaut mal: Ich schiebe meine Zunge in diese tolle Frau! Das Blödeste, was so jemandem passieren kann, ist, dass keiner guckt.


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