Es ist kompliziert Bitte nicht so ein Sunshine85

Andrea Fleischer/Photocase
Als Frau Mitte 30 hat man es nicht leicht, den Mann fürs Leben zu finden. Sex hingegen – kein Problem. Meistens. Unsere neue Singlekolumne erzählt vom Großstadt-Dating. Von

Berlin ist die Stadt, in der hinter jedem Biosupermarktregal der Mann fürs Leben wartet. Und wenn nicht der Mann fürs Leben, dann auf jeden Fall einer für den schnellen, unkomplizierten und überdurchschnittlichen Sex. Und falls auch der nicht, dann wenigstens der Typ, der am Abend zuvor auf der Tanzfläche im Dunkeln noch ganz okay aussah. Aus Leverkusen oder Radebeul betrachtet bietet das Singleleben in Berlin all das und noch einige Fantasien mehr. Die Realität ist weniger schillernd: Berlin kann so einsam sein wie die allerletzte Dorfkneipe.

Vor allem für Frauen wie mich, Mitte 30, Akademikerin – die absolute Problemgruppe. Seriöse Wissenschaftler legen mir dar, dass Singles in Deutschland sich nicht sorgen müssen – außer Frauen Mitte 30. Wir sind schwer vermittelbar. Frauen in Führungspositionen sind sogar überdurchschnittlich häufiger Single als alle anderen. Offenbar soll ich mein Leben als gescheitert erklären.

Was natürlich Bullshit ist. Aber in manchen Momenten kriecht es mir doch in den Kopf: Was, wenn es stimmt? Ich mag mein Leben so, wie es ist. Was nicht heißt, dass ich das andere Leben nicht auch mal leben möchte: Familie, Kinder, das ist der Plan. Wann und wie das passiert, kann niemand voraussehen, keine Studie, keine beste Freundin und ich selbst auch nicht.

Am Biosupermarktregal wurde ich nicht fündig, also versuchte ich das mit dem Daten erst mal analog. Tinder oder OK Cupid wollte ich nicht. Nicht, dass mich irgendein Sunshine85 mit Zwinkerzungensmileys zu "Kaffee und mehr" in seine WG einlädt. Bei Parship hingegen sind die Kuppelmechanismen so sexy wie das Abschließen einer Altersvorsorge. Also ging ich aus, traf mich mit Freunden, hatte Spaß. Und lernte auf einer Party einen Logistiker kennen: Thomas. Mein rationales Ich dachte zwischen zwei Songs auf der Tanzfläche an all die Experten mit ihren Studien, wonach Männer lieber eine Frau wählen, die sozioökonomisch unter ihnen steht, und Frauen gern nach oben heiraten, den Mann mit mehr Status und mehr Geld. Mein anderes Ich dachte: Experten haben auf dem Dancefloor nichts zu suchen.

Ich fand Thomas attraktiv, breite Schultern, dunkle Haare, Fünftagebart. Noch attraktiver fand ich aber, wie sehr er mich anhimmelte: Als habe er nur auf mich gewartet. Wir tranken, tanzten, knutschten, aber ich ging allein nach Hause. War ja nicht Tinder. Thomas spielte keine Spielchen. Er antwortete auf jede Nachricht sofort, sagte immer direkt, was er wollte und manchmal sogar, was er dachte. Wir gingen ins Kino, Blockbuster statt B-Movie. Ich ging wieder nicht mit ihm nach Hause. Warum eigentlich?

Er erzählte – nichts. Ich dachte: Ein Mann, der sich wirklich für mich interessiert!

Ich bin nicht einsam. Es gibt Männer. Sie kommen, sie bleiben – manche nur eine Nacht, manche ein paar Monate – und gehen auch wieder. Was im Grunde eine sehr angenehme Darreichungsform ist. Manchmal schau ich auch nach einem, der bleiben könnte. Aber ich suche nicht verzweifelt nach einem Haus mit Trampolin auf dem Rasen. Meine Idee von Familie ist eher Tempelhofer Feld statt Reihenhaus mit Vorgarten, irgendwann.

Für meine Bekannten muss es wahnsinnig schlimm sein, das mitanzusehen. Die Ratschläge zu meinem offenbar komplizierten Beziehungsstatus kommen so zuverlässig wie der nächste Geburtstag, der einen doch bitte noch ein bisschen mehr unter Druck zu setzen hat. "Wenn du am wenigsten daran denkst, dann wirst du ihn treffen." (Ich denke natürlich den ganzen Tag an nichts anderes) – "Du als starke Frau machst Männern vielleicht Angst, aber dann sind es nicht die richtigen." (Einzahl würde mir genügen) – Und der Klassiker: "Wie wäre es denn mal mit Onlinedating?" (Damit du deine Beziehung mit meinen Erlebnissen auffrischen kannst) Jetzt noch fünf Folgen Sex and the City und ich bin gerüstet für jeden Fallstrick des Single-Markts. Ob ich will oder nicht. All den Serien und Ratschlägen zufolge sind Männer genetisch betrachtet nicht so richtig aus der Höhle gekommen und heiraten lieber eine Frau, die ganz gut auf Pradaschuhen steht, sich aber Halt suchend an ihren Beschützer lehnt, der sie jederzeit retten wird. Ich rette mich lieber selbst.

Thomas und ich trafen uns wieder, ein paar Tage später, in einer Bar. Er hatte sie ausgesucht, es war eine Kette, hinter der Bar drehte ein Instant-Margarita in einem Plastikeimer seine schaurigen Runden. Ich erzählte ihm von meinen Reisen, meinem Job, meinen Plänen. Er erzählte – nichts. Ich dachte: Ein Mann, der sich wirklich für mich interessiert! Und dann, es war schon später, schaute er mich mit seinen wirklich schönen, großen Rehaugen lange an und ich wusste genau: Er will, dass ich ihm die Welt erkläre.

Und darauf hatte ich wirklich keinen Bock.

Weder möchte ich gerettet werden, noch möchte ich jemand anderen retten. Egal, wie schön die Augen sind, sie sollen nicht zu mir aufschauen, sie sollen mich anschauen. Ich erwartete mehr von ihm und von einem möglichen "uns", das es nach diesem Abend nie geben würde. Er nicht. Ich erfüllte die Studien, er widerlegte sie. Auf Facebook habe ich gesehen, dass er jetzt mit einer Erzieherin zusammen ist. Auf ihrem Verlobungsfoto sehen sie gut zusammen aus. So viel besser, als ich je hätte aussehen können auf diesem Bild.

Wenn ich ihn da so anschaue, frage ich mich, warum ich nicht wenigstens Sex mit ihm hatte? Ich meine: Logistiker! Es fühlte sich eben noch nicht wie die große Liebe an, aber auch nicht mehr nach unkompliziertem Sex. Und ich wollte auf dem Weg zum Tempelhofer Feld auch nicht an der ersten Eckkneipe hängenbleiben.

Es gibt immer einen richtigen Zeitpunkt, für Sex und für Liebe. Thomas und ich haben ihn verpasst. Das nächste Mal auf dem Dancefloor muss ich besser auf mein anderes Ich hören.

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