Feminismus Warum ich Vater und Feministin bin

Der Moderator Nilz Bokelberg dachte lange, die Geschlechtergerechtigkeit sei erreicht. Die nächsten Generationen werden es besser haben. Dann wurde seine Tochter 16. Von

Ich hab’ die Schnauze voll. Seit dem 16. Geburtstag meiner Tochter. Seit ihrer "kleinen Volljährigkeit". Denn an diesem Tag wurde mir plötzlich klar: Noch ist sie ein Mädchen, aber bald schon eine Frau. In was für eine Welt muss ich sie eigentlich entlassen?

Meine Tochter sollte es mal besser haben als ich. Das will wahrscheinlich jeder Vater. Ihr Geschlecht spielte dabei für mich keine große Rolle. Sie war ein Mädchen und liebte als Kind alles, was rosa war. Sie liebte Barbie und Baby Born, Mädchenspielzeug. Ihre Mutter und ich stellten das nicht weiter infrage. Lillifee-Einhörner und später dann Karten für ein Konzert von One Direction – wir waren dabei.

Ich war davon überzeugt, dass sie auch in Rosa ein selbstbewusster und selbstständiger Mensch werden kann. Emanzipation und Einhörner, für mich war das kein Widerspruch. Und wie irgendwelche Marketing-Satane das sehen, mir ziemlich egal.

Schließlich kannte ich es so aus meinem beruflichen Umfeld: Die Frauen, mit denen ich gearbeitet habe, waren alle selbstständig, selbstbewusst, präsent, stark, autonom. Welche Farbe ihre Nägel hatten, spielte dafür keine Rolle. Bis heute bin ich in meiner Branche keiner Frau begegnet, die von einem Mann abhängig ist. Wenn ich ehrlich bin, dachte ich deshalb auch das Thema Feminismus sei langsam durch, weil selbstbestimmte Frauen in meiner Welt Normalität sind. Dass ich als Mann trotzdem bevorzugt werde, habe ich in all den Jahren nicht mal gemerkt. Und auch nicht geahnt. Weil in meinen Augen immer alle so gleichberechtigt wirkten.

Deshalb habe ich meiner Tochter immer gesagt, dass sie alles machen und werden kann, was sie will. Dass ihr Geschlecht für diese Entscheidungen keine Rolle spielt. Für mich war das keine explizit feministische Position. Eher gesunder Menschenverstand und eigentlich selbstverständlich. Mittlerweile frage ich mich, ob das überhaupt stimmt.

Gibt es einen vernünftigen Grund, warum Frauen für dieselbe Arbeit weniger verdienen als Männer?

Denn die Welt da draußen ist deutlich komplizierter. Das merke ich zum Beispiel, wenn ich mir die Zahlen des Statistischen Bundesamts anschaue und feststelle, dass Frauen für dieselbe Arbeit immer noch sechs Prozent weniger Lohn bekommen als Männer. Auf dem Geburtstag meiner Tochter, als ihre Eigenständigkeit auf einmal so nahe rückte, wurde mir schlagartig klar: Was dieser Gesellschaft fehlt, ist Gerechtigkeit.

Oder gibt es einen vernünftigen Grund, warum Frauen für dieselbe Arbeit weniger verdienen als Männer? Nein. Es ist einfach so, weil es immer schon so war und weil es anscheinend immer noch Männer gibt, die glauben, dass sie und ihre penis buddies mehr wert sind als diese vagina freaks. Das zeigt sich nicht nur auf Kontoauszügen, sondern in der U-Bahn, auf der Straße, an der Theke. Überall.


Letztens saß ich in der U-Bahn einem Mann gegenüber, der meine Sitznachbarin auf eine so penetrante und ungehobelte Art angegafft und angegeiert hat, dass sie die ganze Fahrt entweder auf den Boden oder aus dem Fenster gucken musste. Ich habe ihn demonstrativ angeglotzt, damit er von ihr abgelenkt wird. Neulich sah ich die Ungerechtigkeit sogar im E-Mail-Postfach meiner Freundin. Jemand fragte mich über sie als Speaker für einen Vortrag über Podcasts an, obwohl sie die Podcastproduzentin ist, eine Expertin also, und im Gegensatz zu mir wirklich etwas zu erzählen hätte. Ich schlug sie für den Job vor und bekam nie wieder eine Reaktion.

Der 16. Geburtstag seiner Tochter hat nicht nur in ihrem Leben etwas verändert © Joachim Gern

Meine Tochter macht bald Abitur. Dann verlässt sie die Schule und beginnt ihr eigenes Leben. Vielleicht wird sie studieren gehen, vielleicht auch nicht. Bis vor Kurzem dachte ich, ihr stünden alle Türen offen. Vielleicht habe ich auch nicht genau genug hingeschaut. Vielleicht hängt vor der einen Tür ein Vorhängeschloss und vor der anderen ein Schild mit der Aufschrift "Boys only". Ich hoffe, dass es nicht so sein wird. Was ich aber weiß, ist, dass sie für ihre Arbeit wahrscheinlich nicht fair bezahlt werden wird. Als Vater macht mich das wütend. Denn auch wenn der Gender Pay Gap sich langsam schließt – für sie könnte es zu lange dauern. Meine Tochter ahnt noch nichts von der Ungerechtigkeit, die das Leben für sie bereithält. Sie ist 16. Sie glaubt an sich. Und das ist gut so.

Deshalb sind wir dran: wir Väter, Freunde, Brüder, Opas, Onkel, wir Männer. Denn wenn wir nicht bald anfangen, dafür einzustehen, dass unsere Töchter und Schwestern, Freundinnen und Ehefrauen genauso viele Chancen und genauso viele Gehaltserhöhungen bekommen wie wir, wird in diesem Land nie Gerechtigkeit herrschen. Was ist eure Angst? Dass der Kuchen kleiner wird? Mir ist an diesem 16. Geburtstag meiner Tochter klar geworden: Der Kuchen ist groß genug. Es ist genug für alle da. Aber es müssen auch alle die Chance haben, sich ihr Stück abzuholen.

Meine Freundin fand es immer schade, dass ich mich nicht so nennen wollte: Feminist. Mit bestimmten Menschen wollte ich damals nicht in einen Topf geworfen werden. Heute weiß ich: Sichtbarkeit ist wichtiger als Eitelkeit. Heute kann ich endlich sagen: Ich bin Mann. Ich bin Vater. Ich bin Feministin.

Kommentare

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ich stimme dem Autor voll zu! Und wünsche mir auch mehr Menschen, ob Mann oder Frau, die emanzipiert sind. Gleichberechtigung ist in unserer Gesellschaft noch nicht vorhanden. Das liegt an Arbeitsbedigungen, Rollenklischees und dem Hochhalten der männlichen Versorgerrolle, was gesellschaftlich in Deutschland immer noch voll unterstützt wird: sowohl politisch (Ehegattensplittung), als auch finanziell, (soziale Berufe werden schlechter bezahlt), zu wenige Betreuungsplätzen und die noch immer zu geringe Bereitschaft des Mannes, sich genauso um das Kind zu kümmern, wenn es denn da ist.

Da haben Sie absolut Recht! Diese Themen werden hinter dem Quotenthema, wovor mehr Männer Angst haben, der ungleichen Bezahlung und Teilzeitfalle, hier sehr gerne einfach ausgeblendet. So als ob es das hier nicht gäbe. Nicht weit von meinem Wohnort ist ein grosses Bordell. Das Frauen ihren Körper verkaufen,( evtl. müssen) und Männer ihn kaufen , ist mir absolut unverständlich. Wieso dies auch noch erlaubt ist, auch! Bei Playboys wäre es dasselbe.

Man könnte den armen herrn Bokelberg kann schnell beruhigen, wenn man ihn mal auf die Altersbezogene Gender Pay Gap aufrechnung hinweist, da bekommen Frauen nämlich bis zum 29 Lebensjahr (wo sie durchschnittlich das erste Kind bekommen das gleiche Geld wie Männer (im Rahmen der statistischen genauigkeit.
Eines der großen Probleme der Gender Pay gap und noch mehr bei der Gender Pension Gap ist nämlich, dass da nicht nur Frauen wie seine Tochter mit reinfliesen, sondern auch alle Jene Mänenr und frauen, die ihre Berufssozialisierung noch vor der Arbeitsrechtlichen Gleichstellung 1976 abgeschlossen war. deshalb schleicht sich der wert nämlich auch so langsam aus.
Und wenn er möchte, dass die individuelle Gender Pay Gap seiner Tochter nicht mit dem ersten Kind ansteigt, dann sollte er ihr einfach vermitteln, dass sie sich ihren Partner nicht nur nach der Fähigkeit aussuchen sollte, ob er denn auch in ihrer Elternzeit auch ihr Gehalt kompensieren kann. Wenn sie sich niemanden aussucht, der 660 Euro mehr verdient (wie es laut Elterngeldzahlen, der Durchschnitt der Frauen leider tut) dann wäre es auch für das Familieneinkommen kein Beinbruch, wenn sie sich die Kindeserziehung teilen würden.
Aber leider beschränken sich FeministInnen ja gerne darauf, die Verantwortung an die Gesellschaft abzuwälzen, als sie selber zu übernehmen.
Ich mache mir da bei MEINER Tochter keine Sorgen. Sie hat schon ihre Lehrer unter den Tisch diskutiert.