© Laura Callaghan für ZEITmagazin ONLINE | Montage: ZEIT ONLINE

Frauenrepublik Deutschland

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Wie würde Deutschland aussehen, wenn nur noch Frauen entscheiden würden: Welche Parteien würden sie wählen? Was würde gekauft? Wie wäre der Sex? Wir haben die Antworten.

In dieser Geschichte wird ein Gedankenspiel Wirklichkeit. Wir haben uns gefragt, wie Deutschland wohl aussähe, wenn einen Moment lang nur Frauen alle Entscheidungen träfen. Die Männer sollen in unserem Experiment keineswegs verschwinden, nur ihre Entscheidungen sind für diesen Moment eingefroren. Was würde sich in unserem Land ändern, und was nicht? Welche Parteien säßen in den Parlamenten? Welche Musik liefe? Welche Autos führen auf den Straßen? Wäre gar die Welt eine bessere? (Lesen Sie hier, zu welcher Antwort unsere Autorin Marie Schmidt kommt.) Wir haben Daten aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen gesammelt und weibliche Entscheidungen einmal durchgerechnet. Scrollen Sie nach unten, um zu erfahren, wie das Deutschland der Frauen aussähe.

Die Autos der Frauen

Alle Einparkwitze bitte einparken, jetzt wird es ernst. Auf der linken Seite sehen wir ein Parkhaus mit Limousinen, Minivans und Kombis, die von Männern und Frauen angemeldet wurden. Gäbe es für einen Moment nur noch Autos, die Frauen angemeldet haben, sähe das Parkhaus so aus wie auf der rechten Seite.

Klein und wendig

Das Modell mit dem höchsten Anteil an weiblichen Haltern ist der Nissan Micra (61 Prozent), gefolgt von ebenso kompakten Kleinwagen wie dem Kia Picanto (60 Prozent) und dem Hyundai i10 (59 Prozent).

Frauen fahren im Durchschnitt kleinere Autos als Männer. Und deutlich ältere: 41 Prozent der PKWs, die von Frauen gehalten werden, sind mehr als zehn Jahre alt. Ein Drittel der Autos von Männern sind drei Jahre alt oder jünger, aber nur 18 Prozent der Frauenautos.

Und um gleich zu Beginn ein Klischee zu verabschieden: Frauen neigen keineswegs zu bunteren Fahrzeugen, sondern bevorzugen, wie Männer, Autos in den Farben grau, schwarz und weiß.

Auch beim Carsharing sind Frauen zurückhaltender: Während 17 Prozent der Männer diese Angebote nutzen, sind es bei den Frauen nur elf Prozent. Für 16 Prozent der Männer macht dann das Fahrzeugmodell einen besonderen Reiz aus, bei den Frauen interessieren sich hingegen nur neun Prozent dafür. Beim Umstieg auf Elektromobilität zeigen sich Frauen eher abwartend: Die Automarke mit dem geringsten Anteil an weiblichen Haltern überhaupt ist Tesla mit überschaubaren vier Prozent.

Übrigens: Ginge es in Deutschland nach dem Willen der Frauen, dürfte bereits ein Tempolimit von 130 km/h auf deutschen Autobahnen gelten.

Ihre Fußballmannschaften

Mittlerweile dürfte es sogar auf dem Spielfeld angekommen sein: Auch Frauen mögen Fußball. Fast alle Bundesligavereine haben auf Facebook ein Drittel weibliche Fans. Aber nur ein einziger Verein schafft es im Besonderen, Frauen für sich zu begeistern. Welcher Verein ist der Tabellenführer der Frauenherzen? Nein, es ist nicht der FC Bayern München. Und der einzige Erstligist mit Frauennamen im Vereinslogo rutscht auf einen Abstiegsplatz.

Deutschland wird seit zwölf Jahren von den Entscheidungen einer Frau geprägt: von der Bundeskanzlerin Angela Merkel. Wie sähe die politische Landschaft in Deutschland aus, wenn nur Frauen wählen würden?

Ihre Landtagswahlen

Hätten nur Frauen bei den letzten 16 Landtagswahlen abgestimmt, sähe die politische Landschaft nicht völlig anders aus. In Bremen und Schleswig-Holstein wäre die AfD allerdings nicht über die 5-Prozent-Hürde gekommen. In Hessen säße die FDP wohl nicht im Landtag.

Quelle: Nachwahlbefragungen von Infratest Dimap, Illustration: Laura Callaghan

Es gibt also drei Länder in denen sich fast nichts ändern würde, und drei, in denen die Zusammensetzung des Landesparlaments eine andere wäre. Von den Parteien würde die AfD ohne männliche Stimmen die größten Verluste beklagen.

Ihre Kinder

Die Politik entscheidet immer auch die Zukunft eines Landes. Unter welchen Bedingungen gründen Menschen Familien? Gerade für Frauen ist die Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Deutschland noch nicht zufriedenstellend geregelt. Würden also mehr Kinder geboren werden, wenn nur Frauen entscheiden würden – oder weniger?

Wenn nur Frauen entscheiden würden, gäbe es in Deutschland nur geringfügig mehr Kinder, obwohl Kinder für Frauen eine wichtigere Rolle spielen als für Männer: 84 Prozent der Frauen sind Kinder wichtig oder sehr wichtig. Dagegen treffen nur 76 Prozent der Männer diese Aussage.

Noch immer ist es so, dass sich vor allem Frauen um die Kinder kümmern. Bei 45 Prozent aller Paare mit Kindern arbeitete der Vater 2016 Vollzeit und die Mutter Teilzeit. Bei einem Fünftel der Paare arbeiteten beide Vollzeit. Bei nur vier Prozent der Familien war die Mutter alleine vollzeitbeschäftigt und der Mann blieb zu Hause. Von den alleinerziehenden Frauen ging im Jahr 2016 jede Dritte Vollzeit arbeiten.   

Aber wie viele Stunden würden Frauen denn gerne arbeiten wollen, wenn sie es allein entscheiden könnten?

Ihre Arbeitszeiten

Frauen wünschen sich im Durchschnitt eine Arbeitszeit von 28 Wochenstunden, derzeit arbeiten sie im Schnitt 30. Jede vierte Frau würde gern mehr arbeiten, als sie es derzeit tut, vor allem Frauen in unfreiwilliger Teilzeitarbeit. Männer hingegen möchten im Durchschnitt 35 Stunden pro Woche arbeiten, verbringen derzeit aber 43 Stunden mit dem Job.  Bei ihnen hat die Familienkonstellation keinen Einfluss auf die Wunscharbeitszeit.

Übrigens: Wenn an einem Tag nur Frauen entscheiden würden, könnte kein Dax-Unternehmen in Deutschland zu Beschlüssen kommen, da ein Aufsichtsrat nur mit 50 Prozent seiner Mitglieder beschlussfähig ist.

Dieses Kartell mag für manche als Verbrechen durchgehen. Doch wie sieht es mit den echten Straftaten aus? Sind Frauen die friedlicheren Menschen?

Ihre Verbrechen

Tatsächlich entscheiden sich Frauen deutlich seltener dafür, eine Straftat zu begehen. Vor allem die Gewaltkriminalität würde abnehmen, sechs von sieben Fällen gäbe es nicht ebenso wie neun von zehn Raubüberfällen.

Hingegen würde ein Drittel aller Ladendiebstähle weiterhin begangen werden und vier von zehn "Verletzungen der Fürsorge- und Erziehungspflicht" sowie mehr als die Hälfte aller Kindstötungen von Kindern unter 6 Jahren.

Weniger kriminell sind die Vorlieben der Frauen bei der Filmauswahl. Da stünde ein Lieblingsgenre der Männer vor dem Aus.

Ihre Filme

Das beliebteste Genre der Frauen sind Familienfilme. Rund 51 Prozent der Frauen geben an, diese gerne anzusehen..

Im Frauenkino gäbe es viel weniger Actionfilme: weniger Bruce, weniger Arnie, weniger Chuck. Und kaum Science-Fiction. So bodenständig verhalten die Frauen sich auch im Supermarkt. Dessen Bio-Abteilung wäre um einiges größer, außerdem kaufen Frauen häufiger Fair Trade und mehr Produkte aus artgerechter Haltung. Und ja, sie kaufen bedeutend weniger Bier: eine Flasche, während ein Mann fünf kauft. Fragen wir uns also: Was stünde noch im Kühlschrank, wenn nur Frauen einkaufen gingen?  

Das findet sich in Kühlschränken von Frauen

Alleinlebende Frauen geben rund ein Viertel weniger für Spirituosen aus als der Bundesdurchschnitt alleinlebender Singles. Bei den Konsumentinnen sind häufiger Sahne (+23 Prozent) und Erdbeeren (+21 Prozent) im Kühlschrank zu finden. Generell legen Frauen mehr Wert auf frisches Obst und Gemüse.

Frauen geben pro Monat zwar dieselbe Summe für Fleisch aus wie Männer, kaufen aber teureres Biofleisch und essen demnach weniger. Frauen sind auch kritisch bei kulinarischen Trends: So halten 55 Prozent der Frauen Superfood für eine reine Modeerscheinung, bei den Männern hingegen nur 47 Prozent.

Und das Bild von der ewig kochenden Frau darf gerne aus dem Klischeeparadies abgeholt werden: 63 Prozent der Frauen bevorzugen eine schnelle und einfache Zubereitung von Essen.

Würden die Männer die Fernbedienung für ein paar Tage einfach nicht bedienen, was wäre in der letzten Juliwoche 2017 über die Bildschirme der Frauenrepublik Deutschland geflimmert?

Ihr TV-Programm

Im Zeitraum vom 24. bis 30. Juli 2017 waren das die am meisten von Frauen geschauten Sendungen.

Quelle: AGF in Zusammenarbeit mit der GfK/TV Scope/media control GmbH. Illustration: Laura Callaghan

Würde sich das Fernsehprogramm nur nach den Frauen richten, wäre nicht sehr viel anders als jetzt. Wer Angst hatte vor einer totalen Pilcherisierung des TV-Programms – wir können beruhigen: Frauen schauen wie Männer am liebsten Nachrichten. Und was für Musik hören sie am liebsten?

Ihre Musik

Despacito war der von Januar bis August meistgespielte Song auf Spotify. Und bei den Frauen ist er offenbar auch besonders beliebt. Deutschland, Deine Sommerhits! Frauen neigen zudem eher zu den Basslines von Ed Sheeran oder hüftstarken Songs wie Swalla.

Ihr Sex

Hüfte oben, unten, vorne, hinten? Sex zum Beispiel geht mit und geht ohne Musik. Aber was genau mögen Frauen eigentlich am liebsten?

Männer mögen es beim Sex, wenn die Frau auf ihnen sitzt. Die Frauen haben den Mann lieber oben. Oder anders gesagt: Beide wollen unten liegen. Damit beide zu ihrem Glück kommen, sollten sie sich abwechseln. Denn ungern sitzen die Frauen ja nicht auf dem Mann, diese Position liegt bei ihnen auf dem zweiten Platz der liebsten Sexstellungen. Dicht gefolgt von der Doggy-Position und Oralverkehr. Bei Männern ist die Doggy-Position etwas beliebter, erst danach kommt die Missionarsstellung. Einig sind sich beide Geschlechter beim Oralverkehr an vierter Stelle der beliebtesten Positionen. Wird also doch noch alles gut.

So sehr sich Männer und Frauen in ihren Stellungspräferenzen bei heteronormativem Sex unterscheiden, bei ihren geheimen Fantasien liegen sie nah beieinander. Die meisten Männer und Frauen träumen von Sex zu dritt.

Kehren wir von der Fantasie in die Realität zurück. Wenn bloß Frauen entscheiden würden, wäre Deutschland nur ein wenig anders. Immerhin hätten wir drei andere Landesparlamente, ein Tempolimit, und mehr Bio. Aber auch weniger Actionfilme, weniger Elektroautos und einen neuen Tabellenführer in der Bundesliga der Herzen.

Im besten Fall hat unser Gedankenspiel einer Frauenrepublik Deutschland für mehr Verständnis unter den Geschlechtern gesorgt. Unser Experiment ist hiermit beendet, und jetzt: dürfen alle Männer wieder mitentscheiden.  

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Recherche: Corinna Robertz, Jakob Simmank, Carolin Würfel, Philip Ziegler

Illustrationen: Laura Callaghan

Weitere Quellen:

Auto: Kraftfahrzeugbundesamt, Mobilitätspanel des Karlsruher Instituts für Technologie, Forsa

Kinder: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, Vermächtnisstudie der ZEIT

Arbeit: Statistisches Bundesamt, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

Kriminalität: Polizeiliche Kriminalstatistik (BMI)

Ernährung: Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft