Es ist kompliziert Er muss ja nicht alles können

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Der Sonntag galt als schwieriger Tag für Singles. Heute ist es die Primetime fürs Onlinedating. Der Franzose mit den Brombeeraugen ist toll, wäre da nicht dieser Harem. Von

Sonntagmorgen, hinter mir fällt eine Tür ins Schloss. Ich steige die Stufen des Treppenhauses herunter und bewundere die handgemalten Wandverzierungen – man könnte aber auch sagen: Ich mache gerade den Abflug, ohne Tschüss. Der Mann, der hier wohnt, schläft noch, und dabei schnarcht er sehr intensiv. Wie ein altes Auto, das nicht anspringen will.

Ich habe die Nacht bei Frédéric verbracht, einem Franzosen mit glühenden Brombeeraugen, großzügiger Wohnsituation und viel Fantasie schon beim verbalen Vorspiel. Wenn man mit ihm an einer dieser Verkaufsbüdchen für frische Erdbeeren vorbeikommt, malt er ein Bild dazu aus, in dem der Saft der reifen Früchte langsam auf nackte Körper tropft. Das mag ein filmreifes Klischee sein, aber es ist dennoch um einiges anregender als der übliche Balzehrgeiz Berliner Männer, der in der Frage gipfelt: "Willst du noch'n Bier oder sollen wir mal gehen?"

Frédéric und ich haben uns am Abend zuvor per App verabredet, kennengelernt und ich bin mit zu ihm gegangen. Mir leuchten Regeln wie die, dass man mit neuen Bekanntschaften erst beim dritten Mal nach Hause gehen dürfe, nicht ein. Warum sollte ich keinen Sex haben, während ich auf der Suche nach einer neuen Liebe bin? Ein bisschen Training für den Ernstfall kann nie schaden.

Das sehe ich zwar nicht immer so lässig. Aber wenn man an einem Sommermorgen durch die noch stille Stadt nach Hause radelt und im Gedanken an die letzte Nacht  grinsen muss – dann fühlt sich das Bewusstsein, gerade einen One-Night-Stand hinter sich zu haben, kein bisschen schäbig an. Dass mehr aus Frédéric und mir wird, ist unwahrscheinlich. Er pflegt, wie er mir am Abend auseinandergesetzt hat, ein mehrstufiges Modell mit Primär- und Sekundär-Affären, ich aber möchte perspektivisch Hauptfrau ohne Harem drumherum sein.

Ich suche zwar einen Mann, aber nicht unbedingt gleich den fürs Leben. Von meinem Leben – ich bin Ende Vierzig – ist ohnehin schon die Hälfte vorbei, das schraubt die Erwartungen einerseits runter, aber andererseits rauf. Mir ist klar, dass ich keine Familie mehr gründen werde, das entspannt die Lage bei Sichtung der potenziellen Kandidaten. Es gibt nicht mehr den einen, der alles liefern muss. Aber womöglich ja einen, der mich überrascht, weil ich vielleicht längst zu genau weiß, was ich will.

Zuhause angekommen, vibriert das Handy, neue Nachrichten. Der Sonntag galt lange als schlimmster Tag in der Woche eines Singles, mittlerweile ist es der beste Tag zum Onlinedaten. Wer jetzt mailt, bei dem ist die Verabredung vom Wochenende schiefgegangen, sonst würde er sich ja nicht schon wieder auf die Pirsch begeben. Die Partnerwahl im Internet unterliegt einer klaren Dramaturgie: Anfang der Woche rafft man sich allseits zu einer neuen Suche auf, Mitte der Woche klärt man die Umstände der ersten Verabredung, welche dann freitags oder samstags stattfindet. Profis halten sich noch eine Sonntagabend-Option offen. Bei Nichtgefallen geht in der Woche darauf alles wieder von vorne los. Das muss man abkönnen, wenn man sich, wie ich, mithilfe lasziv verwuschelter Porträtfotos durch Datingportale fräst.

Eine meiner Freundinnen geht manchmal zu einer Thai-Massage, weil sie, wie sie sagt, überhaupt mal wieder angefasst werden möchte. Eine andere sagt, sie fühle sich momentan zu dick zum Daten und habe auch gerade keine vorteilhaften Fotos von sich parat. Noch eine andere sagt, wer etwas von ihr wolle, der müsse sich mal ein bisschen anstrengen. So schwer will ich es mir und den anderen nicht machen. Und schlecht ist es für das Selbstbewusstsein auch nicht, wenn Kontaktaufnahmen mit Komplimenten beginnen: "Schöne Fotos!", "Tolles Lächeln!", "Hast Du wirklich so grüne Augen?"

Manchmal muss man sich Mut antrinken, um schnell wieder gehen zu können.

Manchmal kommt danach nicht mehr so viel, manchmal geht es auch richtig schief. Man verabredet sich mit einem Veganer und verteidigt schon nach einer halben Stunde wütend sein Grundrecht auf Salamipizza mit doppelt Käse, während das Pad Thai mit Räuchertofu auf dem Teller erkaltet. Oder man ist der Einladung von jemandem gefolgt, der sich als großzügig bezeichnet und einem in der Bar dann erklärt, es sei nicht gerecht, die Rechnung zu teilen, er habe schließlich nur einen Wein getrunken und ich drei. Die hatte ich vermutlich nötig. Manchmal muss man sich Mut antrinken, um schnell wieder gehen zu können.

Ich muss mich jetzt dringend noch ein bisschen hinlegen, damit ich abends nicht aussehe wie eine müde mittelalte Schachtel. Denn ich habe mein Wochenende straff durchgeplant: Wenn es dämmert, will ich mich noch mit "UnusualBerlin24" treffen.

Mr. Unusual heißt im echten Leben Uli, wie sich später an diesem Sonntag herausstellen wird. Er wartet vor der Bar auf mich, was ich gut finde, weil es mir drinnen das Herumirren zwischen allein sitzenden Männern erspart. Wir werden uns nun durch ein ganzes Baumdiagramm von Mikro-Entscheidungen bewegen: Sitzen wir am Tresen oder am Tisch? Trinken wir Alkohol oder nicht? Rauchen wir und teilen uns später gar eine Schachtel Zigaretten? Vor allem aber: Gefallen wir uns und haben Stoff zum Reden? Können wir lachen über die ersten Gemeinsamkeiten? Oder fragen wir uns zu früh, was wir denn beruflich so machen?

Uli ist einige Jahre jünger als ich, Ende Dreißig, und trägt jene unerwachsene Kombi, die die ewigen Jungs aus Berlin so lieben: T-Shirt, Hoodie darüber, Jeans und dazu schwarz-weiße Sneaker. Eher einfallslos, aber es ginge in Ordnung, würde er nicht derart viel vom täglichen Fahrradmarathon erzählen, dass ich bald auf Automatikbetrieb umstelle. Was bedeutet, dass ich die Unterhaltung im Wesentlichen mit "Ach!" und "Echt?" und "Wirklich?!" bestreite und heimlich schon an einer Exit-Strategie feile. "Willst Du noch'n Bier oder kann ich dann mal gehen?"

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