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Andreas Zick "Sie können lernen, den Hass zu lesen"

Wie geht man um mit Provokationen, Tabubrüchen und dem Trotz von Rechtspopulisten? Nicht wütend werden und klare Fragen stellen, rät der Konfliktforscher Andreas Zick. Ein Interview von

ZEITmagazin ONLINE: Herr Zick, was empfinden Menschen als Provokation?

Andreas Zick: Das hängt vom Kontext der Provokation ab. Es macht einen Unterschied, ob ich Sie in einem Gespräch individuell provoziere – etwa indem ich Ihnen Bildung oder Sachkenntnis abspreche. Oder ob der Rahmen ein kollektiver ist und ich Sie als Teil einer Gruppe, etwa als Journalist, provoziere.

ZEITmagazin ONLINE: Wiegt eine kollektive Provokation schwerer?

Zick: Nicht unbedingt. Denken Sie daran, wie sehr eine Provokation in einer Partnerschaft ein Signal für einen Vertrauensbruch sein kann. Allerdings eskalieren Provokationen in Gruppen viel schneller.

Andreas Zick © privat

ZEITmagazin ONLINE: Das können wir gerade im politischen Leben beobachten.

Zick: Im demokratischen Konflikt gibt es eine regelrechte Kultur der Provokation. Dabei gelten allerdings Normen, die einzuhalten sind. Derzeit erleben wir, wie Rechtspopulisten mit kalkulierten Normbrüchen provozieren. Dabei werden die Folgen dieser Provokation oftmals nicht mitgedacht.

ZEITmagazin ONLINE: Das klingt fahrlässig.

Zick: Absolut, es herrscht eine kalkulierte Fahrlässigkeit. Denken Sie an die "erinnerungspolitische Wende um 180 Grad", die Björn Höcke in Dresden einforderte. Oder auch Alexander Gauland, der die Leistungen deutscher Soldaten in den beiden Weltkriegen gewürdigt sehen will. Mit dem Vorwurf der Sorge um ein negatives Bild von Deutschen wird die Norm der Anerkennung von Kriegsschuld gebrochen.

ZEITmagazin ONLINE: Frauke Petry forderte, im Notfall müsste an Grenzen auch Gebrauch von der Schusswaffe gemacht werden, um unregistrierten Flüchtlingen die Einreise nach Deutschland zu verwehren.

Zick: Auch das war eine kalkulierte Provokation. Diese und viele andere Angriffe auf Normen dienen dazu, den Konflikt zwischen der AfD und den etablierten Parteien anzuheizen. Man verspricht sich daraus dreierlei Gewinn: Man will einerseits als der Stärkere dastehen und andererseits auf die anderen zeigen können und sagen: Schaut mal, wie die sich aufregen! Und drittens möchte man Anhänger gewinnen, indem man sich selbst als Provokateur feiert. Achten Sie mal darauf, wie oft die Eliten der AfD verkünden, sie seien die einzige Opposition.

ZEITmagazin ONLINE: Aber wie kann man klug auf solche Provokationen reagieren?

Zick: Fragen Sie die Provokateure: Was wollen Sie eigentlich? Wie viel Verantwortung übernehmen Sie für den Schaden, den Sie anrichten? Halten Sie uns für so dumm? Wenn allerdings Provokationen Gruppen beschädigen, dann sind wir gehalten, Zivilcourage zu zeigen und Gruppen beizustehen, die keinen Schutz vor Provokationen haben. Und natürlich kann man Provokation auch einfach ignorieren oder löschen, wenn sie per Mail kommen.

ZEITmagazin ONLINE: Es gibt viele Aussagen von AfD-Mitgliedern, die mit einem offenen Rassismus provozieren. Was versprechen sie sich davon?

Zick: Wenn es Provokation ist, dann geht es um Macht und den Bruch von vermeintlichen Tabus, damit der Rassismus zur Wirklichkeit verklärt wird. Solche Provokationen dienen aber auch schlichtweg dazu, andere zu beschädigen, Opfer zu vereinzeln und zu entmenschlichen.

ZEITmagazin ONLINE: Ist der rechtspopulistische Provokateur Ihrer Wahrnehmung nach ein Überzeugungstäter?

Zick: Rechtspopulismus ist mittlerweile eine Überzeugung geworden, zu der die Abgrenzung zu "denen da oben" gehört, wie auch die Vorurteile gegen Minderheiten. So lange Rechtspopulisten sich aber noch Vorteile davon versprechen, zur Mitte der Gesellschaft zu gehören oder in Parlamenten zu sitzen, ist die Provokation ein Mittel, um Machtinteressen durchzusetzen. Wir haben in der Forschung auch festgestellt, dass eine Gruppe, die sich für die Provokation als Mittel entschieden hat, schleichend die eigenen Normen verschiebt und sich sukzessive radikalisiert. Das trifft auch auf die AfD zu. So rufen manche dort umso lauter "Wir sind keine Rechtsextremen", je mehr sie bemerken, wie extrem die eigene Partei im Kern bereits geworden ist. Wer da nicht mehr mitmachen will, fliegt raus.

ZEITmagazin ONLINE: Das klingt nach einem Gefühl von schleichendem Kontrollverlust.

Zick: Der Kontrollverlust ist ein wichtiger Aspekt. Werden wir provoziert und bekommen das Gefühl, die Kontrolle und Freiheit zu verlieren, kann das zur sogenannten Reaktanz führen, das heißt, wir werden versuchen, irgendwie die Kontrolle und Freiheit wiederherzustellen. Dabei kann es im schlimmsten Fall zur Anwendung von Gewalt kommen. Wir haben das auch bei manchen Demonstrationen, etwa bei Pegida und Legida, aber auch während des G20-Gipfels gesehen. Gewalt folgt dem Gefühl oder der tatsächlichen Repression. Wenn Normen und Regulationsmechanismen nicht mehr greifen, eskaliert die Situation.

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