Andreas Zick "Sie können lernen, den Hass zu lesen"

ZEITmagazin ONLINE: Warum scheinen vor allem Männer so anfällig zu sein für die Versprechungen der Rechtspopulisten? Immerhin haben überwiegend Männer die AfD gewählt.

Zick: Ich glaube, dass die Rollenbilder in der AfD noch immer sehr patriarchal geprägt sind. Der Kampf gegen feministische Ideen und den vermeintlichen Genderwahn spricht eine klare Sprache. Mann und Frau werden in einer natürlichen Ordnung gesehen. Auch wenn Alice Weidel als lesbische Frau Spitzenkandidatin geworden ist, bietet die Partei vor allem Männern eine Plattform.

ZEITmagazin ONLINE: Aber was gibt die Plattform diesen Männern?

Zick: Ein Gefühl von Macht, Einfluss und Sicherheit in ihren Rollen. Wer laut gegen die Gleichstellung schreit, drückt damit auch aus, mit wie viel Angst eine Veränderung von Rollen besetzt ist.

ZEITmagazin ONLINE: Wie kann man sinnvoll auf politische Provokationen von Rechtspopulisten reagieren?

Zick: Aus Sicht der Psychologie gilt es, auf Provokationen nicht emotional zu reagieren beziehungsweise sich über die Emotionen klar zu werden. Man muss fragen: Was will mein Gegenüber damit eigentlich sagen? Wenn wir merken, dass Angriffe unter die Gürtellinie zielen und die Legitimität von Gegenpositionen infrage gestellt wird, müssen wir diskutieren, konfrontieren und uns Verbündete suchen. Ich musste das selbst in meinem Arbeitsalltag oft tun.

ZEITmagazin ONLINE: Inwiefern?

Zick: Ich erhalte viele Hassmails und Briefe. Das reicht von "Pack deine Koffer und hau ab" bis hin zu "Wir kriegen dich". Ist der Hass nicht klar auf Verfolgung ausgerichtet, antworte ich manchmal: "Schreiben Sie noch mal, aber ohne Gewalt." Mal klappt das und ich komme in den Dialog. Aber eben nicht immer.

ZEITmagazin ONLINE: Wie gehen Sie persönlich und emotional damit um?

Zick: Ich kann relativ viel ertragen, zumal ich mich mit Gewalt professionell beschäftige. Außerdem habe ich mit der Universität ein hilfreiches Netzwerk um mich herum. Was mich allerdings mehr belastet, ist das Ausmaß an Hass und Gewalt gegen Gruppen und Individuen, wie wir es heute in diesem Land erleben. Ich sehe und spreche viele Opfer und Gruppen, die minderwertig behandelt werden. Ich frage mich: Warum regt sich beim Thema Gewaltprävention politisch nichts mehr? Warum beschäftigen wir uns nicht mehr mit der Perspektive von Menschen in dieser Gesellschaft, denen es nicht gut geht? Dann müsste man nicht mehr auf die populistischen Machtspiele eingehen, sondern könnte schauen, was jeder individuell zur Entwicklung unserer Demokratie beitragen kann.

ZEITmagazin ONLINE: Der Politik wird auch von Seiten der AfD vorgeworfen, einen großen Teil der Menschen vernachlässigt und ihre Sorgen nicht ernst genommen zu haben.

Zick: Der Rechtspopulismus hat Bevölkerungsgruppen erfolgreich davon überzeugt, dass sie ohnmächtig sind, Kontrollverluste erfahren, und ihnen dann ein Modell angeboten: Eine neue Identität als ein Volk, das gegen die Oberen im Protest, wenn nicht im Widerstand ist. Studien zeigen jedoch deutlich, dass es nicht die prekären Schichten sind, die mehrheitlich AfD wählten und nun eine Stimme bekommen. Auch da geht es, wie in anderen Gruppen, um Besitzstandswahrung. Es sind auch nicht die Abgehängten oder die Prekären, die da jetzt für die AfD im Bundestag sitzen. Zu hoffen, dass diese Partei die Lebensverhältnisse von schwächeren Gruppen verbessert, ist Unsinn.

ZEITmagazin ONLINE: Bei allen negativen Folgen von Provokationen – können diese nicht auch emanzipatorisch wirken?

Zick: Ein wichtiger Punkt. Ja, wenn die Provokation nicht Gruppen beschädigt. Aus der Forschung wissen wir, dass Minderheiten den Mehrheitskonsens nur brechen können, wenn sie provozieren. Wir haben viele Bereiche, von denen wir geradezu eine Provokation erwarten: Kultur, Kunst, Musik und auch die Jugend sollen ja geradezu provozieren, sonst werden wir unruhig. 

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