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Dating Ist das mit uns jetzt exklusiv?

Beim Dating kommt es immer auf das richtige Timing an: Wann man das erste Mal knutscht oder wann man die wichtigen Fragen stellt. Aber ab wann ist es denn richtig ernst? Von
Aus der Serie: Es ist kompliziert

Es gibt viele falsche Momente im Leben. Solche Flaschenpost-Momente, bei denen man die Gelegenheit am Horizont verschwinden sieht, unwiederbringlich, und weiß: vermasselt. Beim Dating ist die Varianz dieses Fehlers allerdings nicht besonders groß. Sie lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Bin ich zu früh, oder bist du zu spät?

Ich bin mal mit einem Mann ausgegangen, mit dem ich nach einigen Bieren vor einer Bar herumgeknutscht habe. Es war Sommer in Berlin, in der Kreuzberger Straßenschlucht lag das letzte bisschen rotlila Licht, ein Hund bellte in beleidigter Hysterie und warf sich immer wieder zwischen Passantenbeine, die Kellnerin sammelte unsere Gläser ein, am Nachbartisch wollten sie noch Wein, aber bitte mit Extra-Eiswürfeln. Es ist nicht gut, dass ich das alles so genau im Kopf behalten habe. Wer beim Knutschen Kapazitäten frei hat, um seine Umgebung wahrzunehmen, der ist nicht bei der Sache, und irgendwie war ich das leider wirklich nicht. Vielleicht war ich der vielen vielversprechenden Anfänge müde, die zu nichts geführt hatten; vielleicht stellte ich mir die Frage, ob das nicht der Falsche sein könnte, gerade viel zu früh. Ich wusste es einfach nicht.

Wir trennten uns, wie der Großstädter das so macht, das Fahrrad an der Hand, das lose Versprechen des nächsten Treffens auf den Lippen, da sagte der Mann zu mir: "Ich liebe dich." Womöglich gibt es dafür nur in einem Hollywoodfilm den einzig richtigen Moment, so mit Sonnenuntergang und allem Drum und Dran. Doch war das hier nicht sehr viel zu früh? Viel zu spät sagte ich selbst etwas, stammelte den lahmen Satz "Aber du kennst mich doch gar nicht." Es war nicht böse gemeint, sondern Ausdruck von Verwirrung, dennoch blieb es das, was es war: eine Zurückweisung. Wir haben uns dann noch ein, zwei Mal getroffen, ohne erneut in die Nähe dieses Satzes zu kommen. Ich hatte es verdorben, und was blieb, waren merklich abgekühlte Ach-du-auch-Gespräche. Das Gefühl, dass wir uns doch einfach noch einmal küssen könnten, haben wir danach nie wieder eingefangen. Er war dann auch bald wieder neu verliebt.

Einige Zeit später lernte ich im Internet einen der vielen Briten in Neukölln kennen, wie ich Ende vierzig, nennen wir ihn Dave. Dave war über die Auflösung der Beatles vermutlich nie hinweggekommen, denn er trug immer noch Pilzkopf (gefärbt, wie ich später herausfand), ansonsten neigte er jenem von Jens Spahn so scharf gegeißelten Hipstertum zu. Er sprach auch nach sieben Jahren in Berlin kaum ein Wort Deutsch, von "Pfondflosche" und "Pilzner Örquell" mal abgesehen, Englisch dafür aber mit der bezaubernd arroganten Eloquenz eines Oscars Wilde. Zu unserer ersten Verabredung war er eine Dreiviertelstunde zu spät erschienen. Dass ich noch da war, verdankte er im Grunde meinen unbequemen Schuhen, ich hatte es einfach nicht eilig gehabt, darauf erneut über das Kopfsteinpflaster zu schlingern.

Are we going exclusive now?
Dave, der Engländer

Als aus dem Abend tiefe Nacht geworden war, küssten wir uns, und dass dabei – wir waren ja in Neukölln – mehrere Rettungswagen mit lautem Lalü dicht an uns vorbeigefahren sein mussten, ging mir erst hinterher auf. Ich war völlig versunken. Als ich am nächsten Morgen zu Hause ankam, hatte Dave mir schon geschrieben. Als wir uns das nächste Mal trafen, verbrachten wir das ganze Wochenende miteinander. Ich trug seine Sonnenbrille, er hielt meine Hand, für den nächsten Abend standen wir auf der Gästeliste eines Konzerts. Ich sah uns von außen, ein cooles, blasses Paar in Schwarz, das den Kater mit Chicken Vindaloo beim Inder bekämpft und über die armseligen Nelkensträußchen auf den Tischen grinst. Aber ist man schon eine Einheit, wenn man sich in Geschmacksfragen einig ist?

Man sollte die richtigen Fragen nie zu früh stellen. Denn danach könnte alles falsch laufen. Irgendwann, ein paar Bars, Konzerte und Wochenenden später, merkte ich, dass ich mich wie ein eifriger Sennenhund-Welpe fühlte. Einer, der die Zweiergruppe zusammenhalten und oft getätschelt werden möchte. Ich saß immer ein bisschen ratlos da: War das Stöckchen der Verbindlichkeit nun schon geworfen worden, oder kam es bald? Ich war bereit, alles aufzuschnappen, was günstig klang. "Wir könnten ja mal zusammen nach London fahren" galt mir als Zukunftsplanung, "Du musst mal meine Ex-Freundin kennenlernen, ihr würdet euch super verstehen" als Versprechen. Wir hatten nie darüber gesprochen, ob aus dem losen Daten etwas anderes geworden war.

Man muss nicht daran glauben, dass es diesen magischen Moment gibt, in dem zwei Menschen im Regen stehen und feststellen, dass sie den Rest ihres Lebens miteinander verbringen möchten, nass oder trocken. Aber etwas weniger sachlich hätte ich den großen Moment der Paarbildung schon gern gehabt. "Are we going exclusive now?", fragte mich Dave eines Tages. Ein heiß ersehnter Satz, ein typischer Satz. Das Versprechen, keine weiteren potenziellen Partner mehr zu daten, ist das "Willst du mit mir gehen?" des Onlinedating-Zeitalters. Eine ziemlich schlappe, mutlose Sache also, wenn man ehrlich ist. Ein Schritt nur, kein Bekenntnis. Nicht gerade grandios.

Eigentlich hatte es Dave auch gar nicht so konkret gemeint, sondern eher so in den Raum gestellt, wie ich bald herausfinden würde. Ich hatte mich seit einigen Wochen nicht mehr auf OKCupid angemeldet. Um ihm zu zeigen, dass es mir ernst war mit der Exklusivität, denn schließlich sieht man auf der Profilseite, wann ich das letzte Mal online war. Er sollte nicht denken, dass ich da immer noch auf der Pirsch war. War ich ja auch nicht.

Er leider schon, wie ich bald herausfinden sollte. Die schönen Sätze, die er mir hatte zukommen lassen – über Spaziergänge im Herbst, über die Sehnsucht, die das warme Licht hinter Fensterscheiben auslösen kann im Vorübergehen, über die Einsamkeit der Balkone im Winter –, die las ich nun noch einmal neu. Er hatte sie einer meiner Freundinnen geschickt, die auf demselben Portal angemeldet war. Und ich muss sagen: Er hat sich echt ins Zeug gelegt bei ihr.

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