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FKK Die Nacktheit der Anderen

Nacktsein ist out. Da hat der Westen den Osten überrollt. Und das, obwohl es so befreiend ist, gerade in diesen Zeiten. Deutschland braucht ein Toleranztrockentraining. Von

Ich war als Kind oft nackt. Wir hatten ja nichts in der DDR. Nicht mal Scham. Nur hässliche Kleidung, die man natürlich ständig ausziehen wollte. Es ist schon eine Weile her, dass ich außerhalb eines Gebäudes unbekleidet war. Mein Mann und ich hatten eine Radtour um einen See am Rand von Ostberlin unternommen. Wir wollten baden, hatten aber keine Badesachen dabei. Da fiel es mir wieder ein: Man braucht zum Baden gar keine Badesachen. Ich wusste, dass es an diesem See eine Nacktbadestelle gab.

Dem westlich sozialisierten Mann war das Draußen-nackt-Sein neu, er fand es aber spontan schön. Wenn man es probiert, weiß man in zwei Minuten, dass hier weniger geguckt wird als an einem Textilbadestrand. Während wir dort lagen wie zufriedene sonnenbadende Katzen, dachte ich, dass wir wie Ostdeutschland und Westdeutschland von einander hätten profitieren können. Das Nacktbaden hätten die gebrauchten Bundesländer ruhig übernehmen können, so wie einige andere Sachen auch.

An der Nacktbadestelle, wo ich und Westmann gelandet waren, brutzelten vor allem alte Leute vor sich hin. Es fehlte nur noch ein Mikrowellengeräusch, Pling, und dass sich alle gleichzeitig umdrehten. Sie waren sehr, sehr braun und hatten Körper in unterschiedlichen Zuständen. Jeder so, wie er ihm gereift war, wie er ihn gefüttert und bewegt hatte, wie die Krankheiten, die Arbeit, die Kinder den Körper hatten werden lassen. In der Nähe jüngere Nackte, nackte Kinder, nackte Aufblaskrokodile, spielende Hunde mit Fell.

Wir lagen herum in einem Zustand, für den man viele Kurse besuchen kann, viele Zeitschriften kaufen, in denen kompliziert steht: Entspann dich mal, ey! Atme und so. Oder man ist eine Katze. Dann kann man das sowieso.

Vielleicht ist das Nacktausziehen die Rückkehr ins Paradies, denn das Anziehen war ja immerhin den Rauswurf aus eben jenem wert. Kann man also den eitlen Fehler von Adam und Eva wiedergutmachen, indem man sich auszieht? Die Türsteher vom Paradies werden nicht sagen, dass du scheiße aussiehst, also nicht reinkommst. Sie werden nicht sagen, dass dein Körper so unzureichend ist, dass du ihn verbergen solltest. Du musst nicht unnütz tun, als ob, verstecken, mogeln, dich schämen. Es wird nicht geglotzt und eingeschätzt. Nein, die Türsteher vom Paradies werden wissen, ob du ein Arschloch warst oder nicht.

Aber ich will das Nacktsein nicht ideologisch aufladen. Das ist genug passiert. Eine krasse Geschichte hat die Freikörperkultur hingelegt, im Mittelalter wurde in den Badehäusern noch nackt gebadet, erst im späten 18. Jahrhundert wurde das Nacktsein tabuisiert. Und dann waren nur noch Spinner öffentlich nackt, Antisemiten, Hippies, Nazis, Kommunisten, alles dabei. Und nun soll es also out sein. Stand in unterschiedlichen Zeitungen, weil Gregor Gysi das im Wahlkampf beklagte. Aber recht hat er, der Gysi. Es ist out. Und das, obwohl es schön ist.

Eigentlich ist das Nacktsein einfach nur das Nacktsein, aber nichts ist beim Menschen einfach nur das, was es ist. Alles muss verkopft werden. Und auch der nackte Körper muss etwas sein. Man kämpft damit für oder gegen etwas oder kehrt zurück zu irgendetwas oder spurtet nach vorn zu einem anderen irgendetwas.

Der nackte Körper wird in eine Moralvorstellung gehüllt, in ein Tuch aus Ideologie, in einen Protest, in ein Event, in eine Bewegung, in Kunst oder in einen Kult. Nackte Haut wird politisch gezeigt und mit Forderungen beschrieben. Peta, Pussy Riot, Femen oder nackt Fahrradfahren in Mexiko. Das Nacktsein ist so überladen, wie es eigentlich nicht sein kann. Denn eigentlich ist das Nacktsein ja nackt. Es ist der Anfang des menschlichen Lebens und die Abwesenheit von Kleidung. Wie kann also gerade etwas, das verwandt ist mit dem Nichts, so viel sein?

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