FKK Die Nacktheit der Anderen

Wenn ich es richtig verstanden habe, wird das Nacktbaden von Nacktbadekritikern als etwas gesehen, bei dem es etwas zu sehen gibt. Noch dazu etwas, das man nicht sehen will. Also alte und dicke nackte Menschen. Attraktive Menschen sind ja überall nackt zu sehen und der Protest hält sich in Grenzen, wenn an der Bushaltestelle eine dominageschnürte Frau mit diesem "Uh-keine-Ahnung-ich-bin-ganz-unerfahren"-Gesicht zusieht, wie die Kitagruppe in den Bus steigt.

Die Nacktheit der Attraktiven ist nicht dieselbe Nacktheit wie die der normalen Menschen. Ja, das Nacktsein ist ganz schön nackt oder eben nicht schön nackt und man sieht ganz schön viel, was man vielleicht nicht schön findet, im Sinne von nicht erregend. Aber mit derselben Argumentation müssten Leute mit Hautkrankheiten ihr Gesicht verhüllen oder gleich zu Hause bleiben. So funktioniert es nicht.

Nacktsein ist nicht automatisch Sexualität. Mund ist nicht automatisch essen.

Wieso kann man nicht einen Körper sehen und einfach denken: Aha? Oder gar nichts. Und nicht: Will ich ficken, will ich nicht ficken. Leben ist nicht Tinder. Wir sind nicht auf der Welt, um attraktiv gefunden zu werden.

Eine Irre aus der Vergangenheit bin ich, eine Verklärte, die behauptet, es ginge nicht ums Aussehen. Ich ziehe mir kein ausgepolstertes Bustier an, um mehr Oberweite vorzutäuschen und quetsche mich nicht in so eine Klemmhose, um weniger Unterweite zu zeigen. Außerdem kann ich keine Selfies von mir machen, auf denen ich mir nicht ähnlich sehe.

Das habe ich nicht gelernt: mich vernünftig zu verkaufen, zumindest nicht über die Optik. Für mich ist es naheliegend, dass ich durch meine nackte Kindheit eine andere Vorstellung von Menschen bekommen habe, die nicht hauptsächlich Mann und Frau sind und attraktiv oder nicht. Die Realität eines Kindes ist immer seine einzige. Erst später kommt eine Vorstellung dazu, dass es andere Realitäten gibt.

Niemand muss aussehen, als wäre nie im Leben etwas mit diesem Körper passiert.

Da wir so viel nackt am Strand und in der Sauna waren, war es für mich normal. Es existierte keine Wahrnehmung dafür, so wenig wie im Winter zu denken: "Oh, alle haben Schuhe an." Logisch, ist ja auch kalt. Aber im Sommer ist es heiß und man kann alles ausziehen. Nacktsein war logisch.

Später hatte ich immer wesentlich weniger Probleme mit meinem Körper als die meisten meiner Freundinnen mit dem ihrem. Und das liegt nicht daran, dass mein Körper einem Ideal verdammt nahe kam und ich deshalb zufrieden war. Ich war zufrieden, weil er eben so war. Über das Aussehen meines Körpers kann man mich nicht angreifen und ich greife mich auch nicht selbst an. Nie hatte ich die Erwartung an mich, ich müsste mit bearbeiteten Fotos konkurrieren oder sogar mit Trickfilmfiguren. Erst heute mit Schwangerschaftsstreifen und meinem Schriftsteller-Rumsitz-Speck weiß ich, was für ein Geschenk mir meine Kindheit nebenbei mitgegeben hat: Ich durfte als Kind realistische Nackte sehen. Und bis heute haben Menschen für mich einfach ihren Körper, ohne dass ich insgeheim denke: "Na ja, aber hier und da könnte es doch anders aussehen." Allen Menschen dürfen Haare aus der Haut wachsen, ohne dass sie sich schämen müssen. Und niemand muss aussehen, als wäre nie im Leben etwas mit diesem Körper passiert.

Ich hatte nie einen Maßstab, etwas Körperliches irgendwie zu finden. Ich finde auch Menschen okay, denen der Körper aus Gründen so gewachsen ist, wie er ist, die sich Trost oder Schutz angefuttert haben, die es nicht besser können oder wollen. Ebenso finde ich Leute okay, die Fett an ihrem Körper nicht haben wollen und die ihren Körper zu etwas gestalten, das ihnen gefällt. Ich finde auch Leute okay, die beschlossen haben, lieber alles Mögliche zu konsumieren und weniger alt zu werden, die schneller leben. Warum denn nicht? Es kann sich auch jeder bemalen und behängen, wie es ihn froh macht. Warum kann man denn nicht ganz grundsätzlich und richtig tiefgehend verschiedene Arten zu leben akzeptieren?

Ich denke oft an den Nacktbadetag in Brandenburg, der so friedlich war ohne Glotzer. Und als die bekleideten Jugendlichen kamen und sich beömmelten über die nackten Alten, da sah ich vor mir, wie die Alten mal die Jungen waren und wie die Jungen mal die Alten werden. Und ich stellte mir vor, wie vor jedem Mensch ein Stuhl steht, auf dem das Leben alle deine Häute bereitgelegt hat, die du anziehen könntest.

Und auch vor allen anderen Menschen liegen ihre Häute. Vor deinem Kind liegt eine mögliche Haut, falls es dick wird. Und du hast das dem Kind nicht rausgelegt, aber es hat diese Haut einfach selber angezogen. Liebst du es trotzdem weiter? Musst du ja. Also akzeptiere auch alle anderen mit ihrer Haut, warum auch immer sie sie angezogen haben. Wir wissen nicht, welche Haut sie vorher trugen, welche sie später tragen werden, welche sie gern hätten und welche sie drunter tragen.

Denn es geht gar nicht ums Nacktsein. Drunter unter unserer Haut sind wir noch nackter.

Kommentare

371 Kommentare Seite 1 von 25 Kommentieren