Andersrum ist auch nicht besser Und jetzt alle: Ich bin Homoist!

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Heute möchte jeder gerne Feminist sein, aber wie nennt man Menschen, die Homosexuelle unterstützen? "Heterosexuelle Verbündete" taugt so gar nicht als Kampfwort. Von

Das Schöne an Meinungen ist, dass sie sich ändern. Es ist wie in der Mode: Neu schlägt alt. In den vergangenen Wochen habe ich viel darüber gelesen, ob Männer Feministen sein können. Sogar, ob sie es sein müssen! Ich finde diese Debatte interessant und habe alles gerne gelesen. Aber man hätte sich kürzer fassen können.

Müssen Männer Feministen sein? Natürlich. Denn das heißt für mich erstens: anzuerkennen, dass Frauen und Männer noch nicht gleichberechtigt sind. Und zweitens: dafür zu sein, dass sich das ändern muss. Im Umkehrschluss: Kein Feminist zu sein heißt, es okay zu finden, wie es ist.

Wahrscheinlich sind nicht alle Menschen meiner Meinung. Bei der folgenden Frage werden mir wahrscheinlich noch weniger Menschen zustimmen: Sollte für jeden – egal ob gay oder hetero oder Mann oder Frau – die Gleichberechtigung von Homosexuellen selbstverständlich sein? Meine Antwort lautet wieder: Ja. Begründung: siehe oben.

Man könnte entgegen: Der Schwulenparagraf wurde vor langer Zeit abgeschafft. Die gleichgeschlechtliche Ehe ist vom Bundestag beschlossen. Und als schwuler Mann kann man sogar Premierminister von Irland oder Luxemburg werden.

Gleichberechtigung sieht trotzdem anders aus. Wenn sich zwei Männer auf der Straße küssen, lauscht man noch immer, ob jemand zischt: Muss das sein? Wird ein schwuler Mann Schützenkönig, steht das am nächsten Tag in der Zeitung. Offen schwule Vorstandschefs lassen sich trotz Männer-Überschuss an einer Hand abzählen. Und das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung fand gerade heraus: Schwule Männer verdienen weniger pro Stunde als Heteros (aber immer noch mehr als heterosexuelle Frauen).

Die Frage, ob sich jeder Mensch als Kämpfer für Schwule und Lesben verstehen sollte, wurde im Gegensatz zur Feminismus-Frage bisher nicht breit diskutiert. Vielleicht liegt das daran, dass es keinen guten Begriff für so jemanden gibt.

Feminist ist ein tolles Wort. Es klingt nach Kampf, es klingt wie ein fallendes Beil, es sieht sogar auf T-Shirts gut aus.

Jemanden, der für Homorechte kämpft, nennt man LGBT-Aktivist. Das ist sperrig. Außerdem ist mir "Aktivist" viel zu aktiv. Das klingt, als muss man ständig Meetings organisieren, mit dicken Filzstiften an Flipcharts schreiben und Briefe verfassen, die sich gewaschen haben. Ich finde es großartig, dass Leute das tun. Sie haben viel bewegt. Aber die meisten Menschen haben neben Beruf, Familie und Serien-Streamen keine Zeit dazu. Ein Feminist kann ich auch sein, wenn ich das alles nicht mache – einfach, weil das meine Überzeugung ist. Und ich widerspreche, wenn jemand etwas anderes sagt.

Ich mache gerne Vorschläge für ein neues Wort. Ich habe lange überlegt: Homoist? Da weiß wieder mal keiner, wie man das aussprechen soll. Oder Schwulist? Damit würde ich alle Menschen ausgrenzen, die sich für die Gleichberechtigung von Lesben einsetzen. Am besten gefällt mir Anti-Homophobist. Aber das passt nur auf XL-T-Shirts und ich will keine Dünnen diskriminieren. Ich bin selbst dünn.

Ich habe jemanden gefragt, der ein echter LGBT-Aktivist ist, der sich also damit auskennt. Er sagte, in den USA nennen sich Menschen, die hetero sind, aber Homo-Rechte unterstützen, "straight allies", also etwa "heterosexuelle Verbündete". Das klingt auf Englisch gut und auf Deutsch seltsam. Man sollte daher das englische Wort auch in Deutschland bekannter machen. Die Deutschen sagen auch gerne Blockbuster, Firewall, Coffee to go und Political Correctness, dann könnten sie auch straight allies lernen. Und für alle anderen gilt: Homoist wenn man trotzdem lacht.

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