© plainpicture/Cavan Images

Kitasuche Germanys Next Kitakind

Seien Sie nicht nur freundlich, sondern kriechen Sie auf einer Schleimspur! Beim Kitacasting muss man positiv auffallen! Und kann sich nicht radikal genug verleugnen. Von

Mit Kindern weitet sich die Kampfzone. Es gibt Paare, die, sobald sie sich dazu entschlossen haben, die Verhütung einzustellen, sogleich in jede Kita in ihrem Kiez einmarschieren. Dort stehen sie dann mit verkniffenen Gesichtern und wollen wissen, was sie tun müssen, damit ihr noch ungezeugtes Kind hier einmal einen Platz bekommt. Was solche Paare nicht ahnen – sie tun allen anderen Eltern einen Gefallen. Weil sie eine grundlegende Regel der Kitasuche missachten: Eltern wollen nichts wissen, Eltern verlangen nichts, Eltern fragen höflich – auf die freundlichste, bescheidenste, verständnisvollste Art und Weise. Die streberhafte Anspruchshaltung macht sie von vornherein unmöglich – jedenfalls in allen Kitas, in denen die Nachfrage das Angebot übersteigt. Also bei den allermeisten.

Zwar waren laut Statistik im Februar 2017 in Berlin etwa rund 4.400 Kitaplätze frei. Allerdings gibt die Sprecherin der Jugendverwaltung zu, dass "alle diese Kitas offenbar in Regionen mit weniger Bedarf liegen oder die Einrichtungen als unattraktiv gelten." Man muss sich das ein wenig wie bei der Wohnungssuche vorstellen. Es gibt in Berlin Tausende leer stehende Wohnungen. Nur liegen die entweder im Erdgeschoss eines zweiten Hinterhofs mit Blick auf die Mülltonnen, an einer vierspurige Straße mit zweigleisigem Tramverkehr oder in Spandau.

Zwei Monate vor der Geburt des Kindes einen Kitaplatz zu suchen ist zu spät.

Unsere Kitasuche beginnt zwei Monate vor der Geburt unseres Kindes mit der morgendlichen Zeitungslektüre. Dort lese ich das Eingeständnis der Jugendstadträtin von Berlin-Mitte, dass von einem Wunsch- und Wahlrecht bei der Kinderbetreuung in ihrem Bezirk schon länger keine Rede mehr sein könne. "Jetzt aber geht es darum, dass es überhaupt keinen Platz mehr gibt." Sie rechne in absehbarer Zeit mit Klagen. Ich bin alarmiert.

Wir haben uns über die Betreuung unseres Kindes noch kaum Gedanken gemacht. Ich finde es albern, ein ungeborenes Kind für einen Kitaplatz anzumelden. Ein Fehler, wie sich herausstellt. Tatsächlich sind bei vielen Kitas die Wartelisten nicht nur für das laufende, sondern auch für das kommende Jahr bereits geschlossen.

Zudem erfahren wir, dass unser Sohn im November zur völlig falschen Zeit geboren ist. "Keine Chance. Da hätten sie besser planen müssen", entgegnet uns die Kitaleiterin nur halb im Scherz auf unsere Frage, wie die Chancen auf einen Kitaplatz ab Dezember, nach der einjährigen Elternzeit, stehen. Kitaplätze werden ausschließlich zum August vergeben. Es läuft also darauf hinaus, dass wir entweder eine Tagesmutter engagieren oder uns nur mit einem Gehalt behelfen müssen. Einen Kitaplatz brauchen wir trotzdem.

Wir nehmen an einer ersten Führung teil. Die Kita ist normal, kein besonderes pädagogisches Konzept, keine besonders schönen Räume, aber freie Plätze. Mir gefällt die ausgestellte Ambitionslosigkeit, die Hagebuttentee-und-Graubrot-mit-Schmierwurst-Anmutung. Sie erinnert mich an die Jugendfreizeiten meiner Kindheit. Doch als wir dann durch die überheizten Kitaräume geführt werden, mit Straßenschuhen an den Füßen, die man trotz des Schneematsch draußen nicht ausziehen soll ("Wir putzen jede Woche"), und Kinder sehen, die so blass, dünn und hyperaktiv wirken, als sei eine Tüte Caprisonne der gesündeste Teil ihrer Ernährung, entdeckten wir die Snobs in uns. Bloß raus hier.

Wir versuchen es bei einem Kindergarten mit herrlichem Garten und ausgeklügeltem Erziehungs- und Ernährungskonzept. Alles könnte so schön sein, doch wie man weiß, sind die Hölle die anderen: Bei der Führung diskutieren die anderen Eltern über jede Kleinigkeit, als gehe es um Leben und Tod. Dass die Küche bei den Gewürzen keine Bio-Qualität garantieren kann, macht einige von ihnen fassungslos. Ein Paar hinterfragt ausführlich, warum es den beiden Betreuerinnen nicht möglich sein würde, ihren Spross mit Stoffwindeln zu wickeln, so umständlich sei das gar nicht, wenn man es erst einmal beherrsche. Die Forderung ist absurd. Sie kann aber nicht einfach beiseite gefegt werden, weil ein anderes Paar leidenschaftlich für die Stoffwindler Partei ergreift. 

Allmählich stellt sich heraus, dass das Unterstützerpaar eine noch exzentrischere Baby-Hygiene betreibt. Sie wickeln ihr Kind überhaupt nicht. Stattdessen studieren sie unablässig seine Mimik, um es bei einer bestimmten Gesichtszuckung über eine Kloschüssel oder zur Not auch nur ein ausgelegtes Stück Papier zu halten. Natürlich erwarten sie nun vom Kitapersonal dasselbe. Die Forderungen dieser Eltern sind abstrus, aber noch abstruser ist, sie in der Gruppe fast eine Stunde lang zu diskutieren. Wir wissen von Freunden mit Kindern, dass man als Kitaeltern eigentlich monatlich zu Besprechungen, Bauprojekten oder Kitafesten zusammen kommt und wenn es bereits so lange dauert, über etwas völlig Abwegiges zu sprechen, will man sich andere Treffen erst gar nicht vorstellen.

Im vergangenen Jahr wurde kein einziges neues Kind genommen, nur Geschwisterkinder.

Der nächste Besuch überrascht dafür positiv. Ganz nah zu unserer Wohnung hat eine Nachbarschaftsinitiative im Hinterhof eines wenig ansehnlichen Nachkriegsbaus ein kleines Paradies geschaffen. Es gibt geschmackvoll eingerichtete Spiel- und Schlafräume. Einen selbst gebauten Spielplatz, viele Blumen, nette Erzieherinnen, eine herzliche Köchin, aber auch einen Wermutstropfen: Dass die Chancen, hier genommen zu werden, praktisch gegen null gehen. Es gibt Hunderte Bewerbungen und im vergangenen Jahr wurde kein einziges neues Kind genommen, nur Geschwisterkinder.

Wir müssen uns weiter umsehen, obwohl wir genau spüren, dass wir den richtigen Ort für unser Kind schon gefunden haben. Es ist ein wenig so, als würde man die Frau oder den Mann fürs Leben treffen, nur ist sie oder er schon vergeben und man muss sich nach jahrelangem Weigern nun doch bei einer Singlebörse anmelden. Ein starkes Gefühl von Vergeblichkeit.

Etliche Briefe und Lobeshymnen später könnte es sein, dass ein Kind einen Kitaplatz findet. Vielleicht. © plainpicture/Image Source

Ein Waldorfkindergarten machte dann wieder einen sehr guten Eindruck, obwohl ich die Stimme eines Freundes im Ohr habe, dass Waldorfeinrichtungen für Kinder vielleicht der Himmel, aber für Eltern ganz bestimmt die Hölle seien. Er habe oft nach einem gemeinsamen Garten- oder Bautag, bei dem alle ihre große Freude heuchelten, endlich auch am Wochenende beschäftigt zu sein, noch bis nach Mitternacht über die Form eines anzuschaffenden Tisches oder die Farbe eines Vorhangs diskutieren müssen. Bei so etwas können die Waldis, wie er sie nannte, gnadenlos sein.

Wir bewerben uns trotzdem. Bei sechs Kitas insgesamt. Freunde, die für ihre Kinder bereits einen Platz erkämpft haben, raten uns, in der Entscheidungsphase unbedingt positiv aufzufallen. Aber sind diese Erwachsenen, die schamlos auf der Schleimspur kriechen, wirklich im Vorteil? Wir hoffen nein, müssen aber einsehen: Man kann sich gar nicht radikal genug verleugnen. Wir nehmen die Herausforderung an, schreiben unseren Favoriten ausführliche Briefe mit Lobeshymnen auf das Engagement der Betreuerinnen und die gute und so freundliche Atmosphäre. Wir besuchen Sommerfeste, Laternenumzüge, Adventsmärkte und reihenweise Tage der offenen Tür, teils bei strömendem Regen. Immer in der Hoffnung bemerkt zu werden, einen guten Eindruck zu hinterlassen, ausgewählt zu werden. 

Wir sind so entsetzt, dass uns dazu nichts mehr einfällt.

Es führte zu wenig. Wir erhalten eine, zwei, drei Absagen. Schließlich ist nur noch unser Favorit offen. Wochen vergehen, unser Mut sinkt. Wir rechnen schon damit, dass uns das Bezirksamt einfach einen Platz in einer Kita zuweist. Dann kommt die Zusage.

Euphorisch gehen wir zum ersten Elternabend. Hier sitzen die strahlenden Sieger. Erschöpft, aber dankbar erzählt jeder ein bisschen etwas von sich, seinem Kind, und die Betreuerinnen berichten, wie die ersten Monate verlaufen werden. Sie bleiben verdächtig unbestimmt. Also frage ich, wie lange die Eingewöhnungsphase dauern wird. Die anderen Eltern schauen erschrocken, eine solche Frage hat beinahe etwas Aufrührerisches. Die eine Erzieherin meint, acht Wochen bis zum ersten Mittagschlaf und wenn alles gut geht, und unser Kind nicht krank wird, womit allerdings zu rechnen sei, könne es nach drei Monaten eingewöhnt sein.

Wir sind so entsetzt, dass uns dazu nichts mehr einfällt. Zwar haben wir schon von epischen Eingewöhnungszeiten gehört. Aber selbst die überstiegen nie zehn Wochen. Faktisch müssen wir in dieser Kita unser Kind noch bis Ende des Jahres selbst betreuen. Meine Frau aber wird ab Oktober wieder arbeiten. Wie soll das gehen? Wir schleichen geschlagen nach Hause und liegen in dieser Nacht lange wach. Am nächsten Morgen greife ich zum Telefon, wähle die Nummer meiner sehr weit entfernt lebenden Eltern und frage, ob sie bereit sind, eine Weile nach Berlin zu ziehen, um auf unseren Sohn aufzupassen.

Der Grund? Wir haben endlich einen Kitaplatz.

Kommentare

238 Kommentare Seite 1 von 12 Kommentieren