Wir müssen reden Ist Sex mit Robotern das neue Dingsbums?

© Albert Gea/Reuters
Sexroboter sehen echt aus, können scherzen und lassen alles mit sich machen. Ob sie eine Gefahr für unser Liebesleben sind, erklärt der Sexualtherapeut Ulrich Clement. Von

ZEITmagazin ONLINE: Bis 2050 wird es normal und realistisch sein, mit programmierten Puppen zu schlafen. Das sagt zumindest David Levy, der nicht nur das Buch Love and Sex with Robots geschrieben hat, sondern auch ein Computerprogramm, für das er mit dem Loebner-Preis ausgezeichnet wurde. Das bedeutet, ein damit programmierter Roboter ähnelt in seiner Kommunikation schon recht stark einem Menschen. Und egal, ob das in etwa dreißig Jahren alle machen werden, und egal, ob wir das heute wollen oder nicht: Sex mit Robotern wird kommen. Was sagt das über uns und jene, die diese Möglichkeit nutzen werden?

Ulrich Clement: Mit Robotern zu schlafen lädt zu vielen psychologischen Interpretationen ein, weil es aus heutiger Sicht aufregend und kaum vorstellbar ist. Wenn Sex mit Robotern irgendwann tatsächlich üblich wird, ist es nur noch eine Variante unter mehreren, Sex zu haben. Ich würde also erst mal gar nichts daraus ableiten. Wir Menschen neigen nun mal dazu, neues Verhalten zu pathologisieren. Im Fall von Sex mit Robotern ist dann etwa die Rede von Angst vor Intimität oder der Angst davor, sich zeigen zu wollen. Dabei kommt es vielmehr darauf an, ob eine bestimmte sexuelle Vorliebe eine von mehreren ist, die jemand hat. Warum sollte es auch ein Problem darstellen, wenn jemand es mal mit einem Roboter probiert? Wenn diese Person allerdings sexuell auf den Roboter festgelegt ist, also auf eine Figur, die kein eigenes Ich hat, und kein reales und kein emotionales Gegenüber darstellt, dann würde ich das auffällig finden und nachfragen, was den Betreffenden beschäftigt.

ZEITmagazin ONLINE: Laut ihren Entwicklern können die Roboter reden und mit ihrem Besitzer interagieren. Sie können Konversation betreiben, Witze erzählen, sie merken sich die Namen von Freunden und Vorlieben, nicht nur sexuellen. Und natürlich fragen sie nach Wünschen und sagen, was ihnen selbst gefällt. Im Grunde tun sie also ziemlich genau das, was ich mir auch von meinem Partner wünsche. Vielleicht sollte ich auch mal einen ausprobieren. Würde mir denn etwas fehlen?

Clement: Was Ihnen bis auf Weiteres fehlen wird, ist ein Gefühl von Identität. Sie wissen ja, dass es Algorithmen sind, die in dem Roboter ablaufen. Ein Roboter hat heute womöglich die Verhaltensweisen und die Eigenschaften eines Gegenübers, aber er vermittelt nicht das Gefühl eines Gegenübers. Er ist keine Person, die Sie meint und einzigartig findet.

ZEITmagazin ONLINE: Derzeit gibt es noch keine Roboter oder Sexpuppen, die völlig anders aussehen als Menschen, also etwa wie eine Comicfigur oder ein interessanter himmelblauer Alien mit zärtlichen Tentakeln. Wäre das nicht auch reizvoll? Warum wird der realistische Look bevorzugt?

Clement: Offensichtlich ist er für bestimmte Leute erregend oder zumindest so interessant, dass sie entsprechende Puppen kaufen. Aber ich würde auch hier ungern einer kulturpessimistischen Interpretation nachgeben. Technik hat immer eine eigene Logik. Man macht etwas, weil man es machen kann und bringt es auf den Markt. Zu Beginn meiner Zeit als Sexualtherapeut kamen gerade Vibratoren auf. Sie war noch nicht gut entwickelt, hässlich und recht primitiv. Schon damals wurde unter Kollegen diskutiert, was das zu bedeuten habe und ob an demjenigen, der einen Vibrator benutzt, etwas falsch sei. Heute gibt es optisch sehr abstrahierte Sextoys. Die Diskussion rund um den Gebrauch von Sexrobotern wird vermutlich ganz ähnlich verlaufen: Zunächst pathologisiert man die Interaktion zwischen Mensch und Technik, später wird sie akzeptiert und noch später gibt es einen vielfältigen Markt. Diese Diskussion möchte ich gar nicht erst mitführen und würde jemanden, der einen Sexroboter bestellt, zunächst keine pathologischen Motive unterstellen.

ZEITmagazin ONLINE: Beziehungen zwischen zwei Menschen sind von einer natürlichen Spannung geprägt. Wenn man Dauerhaftigkeit oder Reibungslosigkeit als Ziel von Beziehungen ansehen will, könnte genau das zu einem Erfolg von Mensch-Maschine-Beziehungen werden.

Clement: Reibungslosigkeit ist nur als Sehnsucht interessant. Wäre eine Beziehung völlig reibungslos, würde sie schnell langweilig. Jede Beziehung ist ein Wellenschlag zwischen Sehnsucht nach Ruhe und Aufregung. Sobald jemand ausschließlich das Eine hat, wird er sich nach dem Anderen sehnen – und ich glaube nicht, dass sich dieses Muster in einer Beziehung mit einem Sexroboter, der immer macht, was ich will, anders auswirken würde. Es wäre eine langweilige Partnerschaft. Andererseits könnte man sich natürlich einfach nach zwei Jahren ein neues Modell oder ein Update holen.

ZEITmagazin ONLINE: Würden Beziehungen zu Sexrobotern nicht dazu führen, andere Menschen wie Wunscherfüllungsmaschinen zu betrachten? Also wie Objekte? So lautet nämlich die ethische Kritik der Foundation for Responsible Robotics im Zusammenhang mit Sexrobotern: Sie würden uns lehren, unser Gegenüber zu objektifizieren.

Clement: Warum sollte das passieren? Es kann doch auch einfach eine Variante sein: Jemand probiert mal etwas aus und lässt den Roboter dann wieder links liegen. Warum sollte das zu einer neuen Ethik der Beziehungsgestaltung führen?

ZEITmagazin ONLINE: Nun, der Vorwurf lautet so: Wenn man lange genug Sex mit einem Sexroboter hat, den man natürlich wie ein Objekt behandelt, dann würde man beispielsweise auch  reale Frauen stärker als Sexobjekte betrachten und wie solche behandeln.

Clement: Aber doch nur, wenn ein Mann den Unterschied zwischen Roboter und Frau nicht mehr erkennt.

ZEITmagazin ONLINE: Sie sehen also keine Gefahr, dass Sex mit Maschinen die Sitten verrohen könnte?

Clement: Im Moment sehe ich höchstens die Vermutung einer Gefahr, die routinierte Kulturpessimisten schnell wittern.

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