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"Tatort"-Kritikerspiegel Der Tod in den Tannen

In diesem "Tatort"-Debüt aus dem Schwarzwald ist alles regional: das Obst, der Schnaps, der Tod. Nur die Waffen kommen aus dem Netz. Das fesselt auch ohne Harald Schmidt.

Hohe Tannen, tiefe Schluchten: Der erste Tatort: Schwarzwald ist ein Heimatfilm der dunklen Sorte. Eine Elfjährige stirbt in Goldbach an einer Schussverletzung, ein Nachbarjunge verschwindet, im Forst wird ein Waffendepot gefunden – ganz in der Nähe jener Siedlung, in der junge Familien sich und ihren Kindern den Traum von der ländlichen Idylle erfüllen wollten.

1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: Über deutsche Bäume und deutsche Waffen. Beides gibt es, so erfahren wir in diesem ersten Schwarzwald-Tatort über Schusswaffen- und Holzproduktion, reichlich im Südwesten des Landes.

Lars-Christian Daniels: Der im letzten Jahr abgesetzte Bodensee-Tatort war oft schnarchig und provinziell, hatte aber eine ganze Menge Fans. Die dürften nun besonders genau hinsehen, ob die beiden Nachfolger aus dem Schwarzwald den Kriminalhauptkommissaren Blum und Perlmann das Wasser reichen können.

Matthias Dell: Über die Segnungen des Brückentages, die bei vorausschauender Urlaubsplanung genossen werden können.

Kirstin Lopau: Dass uns die Freiburger ein Tatort-Ermittlerteam der eher leiseren Töne bescheren.

2. Was haben Sie aus diesem "Tatort" gelernt?

Christian Buß: Ein Waffenhändler spielt genauso liebevoll mit seinen Kindern wie ein Ökobauer. Schöne Szene, als der Kommissar den Besitzer einer im Schwarzwald ansässigen Waffenschmiede aus dem Kinderzimmer reißt, um ihn zu verhören.

Lars-Christian Daniels: Das #Darknet trendet im Tatort fröhlich weiter: "Die bestellen sich Kompakt-MGs wie Druckerpatronen!"

Matthias Dell: Ein Magazin rauszunehmen reicht nicht, um eine Waffe zu entwaffnen.

Kirstin Lopau: "Sportschützen stehen immer unter Generalverdacht." Und: "Die bestellen sich Kompakt-MGs wie Druckerpatronen." Außerdem lernen wir, dass man als Stadtmensch der Kinder zuliebe noch so weit aufs Land ziehen kann – wenn es passieren soll, dann passiert es: "Und dann liegt dein Kind tot im Wald." Aber am eindringlichsten ist die Widerlegung der These: "Sie ist elf, sie stirbt doch nicht." Vom Anfang dieses Tatorts bis zum Ende ein Alptraum für alle Eltern.

3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: Was trinkt der Kommissar? Einen Selbstgebrannten natürlich, allerdings ist nicht ganz klar, woraus dieser hergestellt ist, nur dass er aus der Umgebung stammt. Hier ist alles regional produziert. Das Obst, der Schnaps, der Tod.

Lars-Christian Daniels: Wäre der erste Schwarzwald-Tatort ähnlich überzeugend ausgefallen, wenn Late-Night-Talker Harald Schmidt nicht zwei Wochen vor dem Drehstart "aus persönlichen Gründen" abgesprungen wäre?

Matthias Dell: Ist Kommissar Berg nach den beiden Kurzen im Büro nun noch gefahren?

Kirstin Lopau: Leider ist die Frage nach dem Mörder bereits nach wenigen Minuten irgendwie beantwortet, was den Krimi an sich eher langweilig macht. Das Drama ist allerdings bis zum Schluss spannend. Offen bleibt, was aus der Freundschaft der Paare (und der Kinder) wird.

4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Steffi Kühnert als Kommissariatsleiterin fremdelt noch ein wenig mit ihrer Rolle. Aber kein Grund, sie auszutauschen! Nach dem plötzlichen Abgang von Harald Schmidt kurz vor Drehstart hatte Kühnert kaum Zeit, sich auf den Part vorzubereiten. Zweite Folge, zweite Chance!

Lars-Christian Daniels: Steffi Kühnert bleibt bei ihrem Debüt als Freiburger Kripochefin etwas blass – ob Harald Schmidt in der fest eingeplanten Rolle als Kriminaloberrat Gernot Schöllhammer die bessere Wahl gewesen wäre, werden wir aber nie erfahren. Man kann sich ausmalen, wie viele Hebel der SWR zwei Wochen vor dem Drehstart in Bewegung setzen musste, um noch eine komplett neue Figur in die Handlung einzubauen.

Matthias Dell: Keine.

Kirstin Lopau: Kinderschauspieler zu kritisieren, ist irgendwie gemein, deshalb sei besonders Paul hervorgehoben: Er spielt die Rolle sehr intensiv! Linus hingegen hat noch Luft nach oben.

5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Von keiner bestimmten Szene, aber wahrscheinlich geht es in der Nacht zu Montag bei vielen Menschen um deutsche Tannen und deutsches Mordgerät.

Lars-Christian Daniels: Von der ersten Einstellung – einem mehrere Sekunden dauernden, winterlichen Schwarzwald-Panorama, in dessen Stille plötzlich ein Schuss kracht. Und von dem wunderbaren Soundtrack, der die melancholisch-düstere Atmosphäre des Krimis immer wieder elegant verstärkt.

Matthias Dell: Vom Waffenfirma-Chef, der am helllichten Tag zu Hause mit seinen Kindern abhängt – geteilte Erziehungsarbeit, wie sie im Buche steht.

Kirstin Lopau: Vom intensiven Spiel des Vaters, dessen Tochter gestorben ist. Besonders aber von der Szene beim Bestatter: Der Vater streicht liebevoll über das Kleid, das die Eltern für die Tote mitgebracht haben, und legt die Ärmel noch mal zurecht. Sehr bewegend.

6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser "Tatort"?

Christian Buß: 😴😴 

Lars-Christian Daniels: 😴😴😴

Matthias Dell: 😴😴😴😴

Kirstin Lopau: 😴😴😴😴😴 

Kommentare

15 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Freiburg: Münster, Bächle, Köstlichkeiten und Wein gepaart mit Nachhaltigkeit – doch beim südbadischen ‘Tatort-Wechsel‘ vom Bodensee in den Breisgau wurde die Düsterschraube bisweilen stark angedreht.
“Green City? Ich hab’ Heuschnupfen und nehm den australischen Merlot!” Nein, hier gibt’s nichts von derlei Aufheiterung.
Was ist der Schlüssel? Vielleicht ist das Abtauchen in eine Welt voller Leid und Trostlosigkeit genau das, was unser Bewusstsein gelegentlich braucht und verlangt, um sich zu stabilisieren. Unser Geschmack hängt indes stark vom Empathievermögen ab.
Das neue Schwarzwald-Duo spiegelt im Gegensatz zu unglaubwürdigen Alleinunterhaltern wie Schweiger oder Furtwängler wohl eher die kriminalpolizeiliche Ermittlerrealität wider.
Wertung: Erfolgsaussichten trotz Anlaufschwierigkeiten.