Andersrum ist auch nicht besser Kommt doch mal raus

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Mit einem Coming-Out ist es wie mit Chips: Wenn man einmal damit anfängt, kann man nicht mehr aufhören. Dem ersten, vermutlich größten, vor Familie und dem Freundeskreis folgen viele, viele weitere – die Coming-oOut-Chipstüte wird nie leer. Vom scheinbar nebensächlichen Abschiedskuss am Bahnhof, dem Versuch, die Liebste als offizielle Untermieterin mit vollen Rechten eintragen lassen ("Nein, keine Wohngemeinschaft, sie ist meine Freundin, verstehen Sie, meine, nicht eine!") oder dem Werbeanruf des Telefonanbieters, der eine Partnerkarte verkaufen will – es muss sich am laufenden Band geoutet werden. Darüber kann man jammern oder streiten, oder man kann es feiern. Heute zum Beispiel, denn am 11. Oktober ist international der "Coming Out Day".

Per se ist das keine große Sache, schließlich gibt es für fast alles einen Jahrestag: Blockflöte und Umarmung im Januar, das Glück im März, die Schildkröte im Mai. Es gibt sogar einen internationalen Tag der Jogginghose, einen für Toiletten und einen für Allergien. Und eben den einen, um Tacheles zu reden.

Der "Coming Out Day", der seit 1988 begangen wird, soll Homosexuelle dazu ermutigen, sichtbarer zu werden. Es gibt Studien, die nahelegen, dass heterosexuelle Menschen, die Homos und Queers kennen, weniger Abneigungen gegen sie haben. Hierzulande ist es also wichtig, sich zu outen, umso mehr in Zeiten von Blinkwinkelverengungen und geschürten Ängsten, in Zeiten, in denen selbst die Vereinigten Staaten sich im Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen gegen eine Resolution zur Abschaffung der Todesstrafe für Homosexualität aussprechen – in Zeiten wie diesen.

Wer auch immer den Satz "The only way out is through" prägte, meinte das "out" garantiert in alle Richtungen. Raus aus dem Stau, dem Liebeskummer, der Schuldenfalle. Ein Coming-out ist selten philosophisch, es hat etwas von Konfrontationstherapie, aber Himmel! Es nützt ja nichts. Die Alternative wäre, sich das ganze Leben lang davor zu fürchten, enttarnt und zwangsgeoutet zu werden. Sicherlich: An vielen Orten der Welt ist Unsichtbarkeit überlebenswichtig, aber in Deutschland haben Homosexuelle wie Heteros das Recht und die Chance, ein freies Leben zu führen. Wenn es irgendwie geht, sollten wir dieses Recht wahrnehmen.

Auch wenn sich ein durchschnittliches queeres Leben noch immer anfühlt, als würde man jeden Tag im Stadion in der falschen Fankurve stehen oder auf einem immerwährenden Oktoberfest ausschließlich Wasser bestellen. Eine Chipstüte ohne Boden, wie gesagt. Und manchmal, um bei den Chips zu bleiben, manchmal wird einem schlecht davon. Wenn sich der Ton am anderen Ende der Leitung abkühlt oder der Blick des Gegenübers plötzlich nicht mehr zu greifen ist, kann einem das durchaus den Tag versauen. Allerdings, und das ist schön, hat sich die Anzahl der Schrecksekunden-Verstummung in den letzten Jahren zumindest gefühlt verringert. Renitente Sichtbarkeit trägt also Früchte.

Mit der Begrifflichkeit des Coming-out ist es übrigens so: Als die amerikanische Gay-Bewegung die Formulierung in den 1960er Jahren als politischen Begriff reklamierte, machte sie ihn zum Synonym für die Offenlegung der eigenen sexuellen Orientierung, aber der Begriff wurzelt tiefer. Manche sagen, die Redewendung "Coming out of the closet" meinte ursprünglich die Einführung einer jungen Debütantin in die Gesellschaft. Im 20. Jahrhundert etablierten sich vor allem in den USA immer mehr Gay Balls – und erst mit diesen schwulen und lesbischen "Debüt"-Bällen schwappte die eigentlich heterosexuelle Terminologie in die Szene über. Andere behaupten, dass der Spruch auf der Tradition des 19. Jahrhunderts fuße, Geheimnisse wie Liebhaber, kranke Verwandte oder Leichen im Wandschrank zu verstecken. Das würde den Teil mit dem "closet" erklären und das mit dem Liebhaber könnte ebenfalls hinhauen – aber dass Homosexualität keine Krankheit ist, weiß mittlerweile die halbe westliche Welt. Theoretisch zumindest. Damit sie das auch praktisch begreift, ist es das A und O, sichtbar zu sein – und zu bleiben.

Also weiter so mit dem Coming-out, dem Enthusiasmus über die "Ehe für Alle" zum Trotz. Der Weg zur Akzeptanz ist weit – und es läuft sich langsam und mühsam darauf. Beziehungsweise: nach der aktuellen Bundestagswahl gefühlt sogar rückwärts. Also raus mit uns! Heute ist der perfekte Tag, um Geheimnisse miteinander zu teilen, diese und jene. Frei nach Gloria Gaynor und Klaus Wowereit: "I Am What I Am" – und das ist auch gut so.


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