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Erotikmesse Venus Traurige Tiere

Alles sehen, alles zeigen, nichts erleben: Auf der Erotikmesse Venus muss man aufpassen, dass einem nicht die Tränen kommen. Am Ende droht noch eine richtige Weinprobe! Von

Vor der Halle 10 des Messegeländes, nicht weit vom Funkturm im Westen Berlins, steht ein Erotiksternchen in der Kühle des beginnenden Herbstes, es trägt nur einen Bikini, telefoniert und raucht dabei sein Schicksal auf Lunge. Unten gehen drei Männer breitbeinig über den Parkplatz, sie erblicken das Erotiksternchen und beginnen, Brunftlaute auszustoßen, die man nur ausstoßen kann, wenn man zu der Sorte von Männern gehört, die gern zu dritt breitbeinig über Parkplätze gehen. Sie scheinen zu glauben, dass sie sich auf der Siegerstraße befinden.

Das Erotiksternchen aber setzt ein phänomenal falsches Lächeln auf, macht einen geübten Knicks, dann wendet es sich ab. "Ja, supi, so machen wir es", sagt es leicht zitternd in sein Mobiltelefon und hat in diesem Augenblick mit einem Sternchen noch so viel gemeinsam wie eine glimmende Wunderkerze. "Ich kauf dann noch was ein fürs Abendbrot."

Nach dem Sex sind alle Tiere traurig, so heißt es ja. Dass die Traurigkeit sich auch davor einstellen kann, währenddessen und vor allem dann, wenn der Sex überhaupt nicht stattfindet, also eigentlich immer, das lässt sich an diesem Wochenende auf der Erotikmesse Venus in Berlin erleben. Man muss für diesen spektakulären Blick in den Abgrund nur 35 Euro zahlen. Es lohnt sich, denn alsbald stellt man fest, dass es gleich mehrere Abgründe gibt, ja einen ganzen Canyon der Traurigkeit.

Ich kauf dann noch was ein fürs Abendbrot.
Ein Erotiksternchen macht gerade Pause

Fragen nach der individuellen Traurigkeit dürften, obwohl sie sich aufdrängen, unerwünscht sein. Es wäre auch gar nicht möglich, sie zu stellen, laufen doch in allen Hallen alle Alben von Scooter gleichzeitig. Für viele hier ist das vielleicht der Soundtrack ihres ersten Mals, 1994, auf der Rückbank des von den Eltern geliehenen Autos, etwas abseits des Schützenfestes in einer Seitenstraße, aber das ist nur schaumige Spekulation. Man muss also schon die Körpersprache der Einzelnen lesen, um die Qualität ihrer Traurigkeit zu erkennen.

Vorführfilme wie im Baumarkt

Da ist zunächst einmal die Traurigkeit des Trenchcoatträgers, der es schaffen will, hinter hochgestelltem Kragen nicht gesehen zu werden und zugleich doch alles zu sehen: die blanken Brüste der Hostessen, die Dildos im Regal. Graugesichtig und verschlagen ähnelt er einem Spion aus einer etwas überzeichneten Dokumentation über den KGB, mal abgesehen von der Beule in seiner Hose.

Dann die Traurigkeit des einsamen Sonderlings, der sich durchs Zwielicht der Messebauten drückt, sich an Stände heranschleicht und seine Plastiktüte mit Werbegeschenken vollstopft, als wäre er ein Ladendieb. Später sieht man ihn etwas abseits auf einer Bank sitzen, mit dem Oberkörper wippend. Er murmelt vor sich hin, Bannsprüche vielleicht, Flüche, oder er probt Ausreden, mit denen er am Abend seine arme, alte Mutter beschwichtigen kann.

Da hat man was für zu Hause: Besucher filmen auf der Messe, was an erotischen Hilfsmitteln vorgeführt wird. © Bernd von Jutrczenka/dpa

Auch die Traurigkeit der Paare, die Hand in Hand, mit gewollter Gelassenheit, durch die Gänge schlendern und sich von nackten Beratern Vibratoren vorführen lassen, als handele es sich um Küchengeräte. Vom Bildschirm über ihnen flimmert ein anschaulicher Vorführfilm, ganz wie im Baumarkt.

Die Traurigkeit schließlich der immer wieder auftretenden Dreiergruppen von brünftigen Männern, es sind tatsächlich immer drei, als erhöhe diese Konstellation die Wahrscheinlichkeit, dass einer von ihnen doch einmal so etwas Ähnliches erleben könnte wie echten Sex, sei es durch einen dummen Zufall, und den anderen beiden hinterher davon erzählt, wochenlang, jahrelang, für immer.

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