#metoo Ich auch

© Martin Gommel
Unter dem Hashtag #metoo zeigen Frauen in sozialen Medien, dass sie Opfer männlicher Sexualität geworden sind. Was denken Männer darüber? Und warum sagen sie nichts? Von

Dieser Text erschien zuerst bei Krautreporter

Betrunken wie ein Seemann klingelt die Nachbarin an meiner Tür. "Bist du noch wach?", fragt sie. "Sieht ganz so aus", sag' ich. Sie ist leicht verheult und hat eine Flasche Weißwein dabei. Ich lasse sie rein. Sie wohnt über mir, hat einen Sohn, sie fährt Moped und ist sehr groß. Wir setzen uns aufs Sofa, trinken Wein und rauchen Kette. Sie lehnt ihren Kopf an meine Schulter. Ich muss morgen zeitig raus, denk' ich. Dann wird sie auf einmal wütend. Ich könnte schon ein bisschen mehr dafür tun, sie aufzuheitern, sagt sie. "Ich muss morgen früh raus", sag ich. Sie fummelt mir im Schritt rum. Sie küsst mich auf den Hals. Sie knabbert an meinem Ohr.

Am liebsten würde ich sie am Arm packen und zur Tür bringen, aber sie ist größer als ich. Ja, eine sehr große Frau, und ein bisschen aggressiv. Ich will nicht, dass das in einer Prügelei ausartet. Außerdem denke ich, sie kriegt von allein mit, dass ich keinen Bock auf sie habe. Ich bewege mich nicht. Glücklicherweise bekomme ich auch keinen Steifen.

Das Ding ist: Ich mag meine Nachbarin eigentlich. Wir haben mal Tischtennis gespielt im Hof. Ich denke, ihr wird das morgen sowieso peinlich genug sein, falls sie sich daran erinnert. Ich denke auch: Wenn ich sie zurückweise, wird sie sich vielleicht fiese Lügen über mich ausdenken und alle werden ihr mehr glauben als mir. Ein Teil von mir denkt aber eben auch: Hmm, vielleicht bläst sie mir ja einen.

Unter dem Hashtag #metoo berichten Frauen momentan in sozialen Netzwerken darüber, wie sie Opfer männlicher Sexualität geworden sind, wie sie angemacht, angegrapscht, entwürdigt, vergewaltigt worden sind. Auslöser dafür waren die Enthüllungen der New York Times und des New Yorker über den legendären Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein, ein sehr wichtiger Mann, der seine Machtposition ausgenutzt hat, um jahrzehntelang und systematisch Frauen, vor allem Schauspielerinnen, zu missbrauchen.

"Wie denkt ihr eigentlich darüber?", fragte eine Kollegin kürzlich im Büro in die Runde, aber eigentlich meinte sie mich und meinen männlichen Kollegen. "Beschäftigt euch als Männer so was wie die Weinstein-Sache?" - "Ja, na klar", sagte ich, "wichtiges Thema, damit sollte man sich immer beschäftigen", aber in Wirklichkeit dachte ich "Oh oh" und ein kleines bisschen auch: "Halt die Klappe."

Ich habe all die Harvey-Weinstein-Artikel ignoriert, weil ich dachte: Sexuelle Gewalt ist Alltag, auch in Deutschland. Ist doch scheinheilig, wenn ausgerechnet das ferne und falsche Hollywood jetzt diese Debatte auslöst.

Dabei sollte jeder Anlass recht sein, damit wir über das vielleicht verheerendste Gewaltproblem in unserer Gesellschaft endlich offen reden. Und auch darüber reden, warum Männer sich so oft so Harvey-Weinstein-mäßig verhalten. Denn meist reden wir bei sexueller Gewalt über Frauen. Wie sie damit klarkommen, wie sie sich schützen können. Und leider auch darüber, was sie falsch machen. Aber wir müssen darüber reden, was Männer falsch machen und warum – und wie sich das ändern kann. Und auch darüber, welche Rolle Frauen in diesem Prozess spielen können.

Die Wahrheit ist: Ich bin 33 Jahre alt und ich kann mich an kein einziges Gespräch mit anderen Männern erinnern, in dem wir über dieses Thema gesprochen haben: sexuelle Gewalt gegenüber Frauen. Wo fängt das an? Was ist der Unterschied zwischen Anmache und Belästigung? Was sind Sachen, die man nicht machen darf? Woran kann ich beim Sex Lust von Schmerz unterscheiden?

Ich habe schon mit mehr Menschen über die komplexe Bestäubungsökologie von Feigen oder die Gründe für die russische Invasion in Afghanistan geredet als darüber, wie Frauen in unserer angeblich so aufgeklärten Gesellschaft bis heute regelmäßig, dauerhaft, megapenetrant und superverletzend sexueller Gewalt ausgeliefert sind.

Mir hat niemand gesagt, dass ich ein Idiot bin.

#metoo macht mir gerade klar, dass ich dieses Phänomen alltäglicher Gewalt so willfährig ignoriert habe, dass ich mich dafür schäme. Was mir mit meiner Nachbarin passiert ist, passiert Frauen ständig. Statistisch gesehen kennt jeder mehrere Frauen, die sexuell belästigt oder missbraucht worden sind. Statistisch gesehen kennt also jeder auch Männer, die belästigt und missbraucht haben. Dennoch hatte ich für dieses Thema noch nie viel Zeit übrig. Bislang dachte ich eben zu oft: "Oh oh" oder "Halt die Klappe".

Einmal griff ein Typ aus meiner Fußballmannschaft vor meinen Augen in der Teeny-Disco seiner Freundin in den Schritt und sagte zu mir: "Na, ist das 'ne hübsche Pflaume?" Ich habe ihm nicht gesagt, dass er ein Idiot ist. Seine Freundin hat mich ausdruckslos angestarrt und ich wusste nicht, was ihr Blick zu bedeuten hat. "Hilfe?!" Oder will sie vielleicht einen Dreier? Ich bin mir auch heute nicht sicher, ob sie es in dem Moment selbst wusste, selbst erst 15 Jahre alt und ohne Erfahrungen.

Die Sprüche, mit denen wir Jungs uns untereinander aufklärten, gingen so: "Dumm fickt gut", "Es muss klatschen", "Stille Wasser sind tief" und so weiter auf diesem Niveau. Nach ersten Dates fragten wir uns, ob die "Alte schluckt oder spuckt", und dabei bekamen wir zu Hause noch das Pausenbrot von Mutti geschmiert. Es gab im Viertel eine Susi, von der es hieß, die ist leicht zu haben. Wir klingelten alle der Reihe nach bei ihr. Ich war Nummer 3 in der Reihe. Ich durfte ihr aber nur an die Brüste fassen, das war sehr enttäuschend. Mir hat niemand gesagt, dass ich ein Idiot bin.

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