"Tatort"-Kritikerspiegel Schneeflittchen und die miesen Zwerge

© BR/Hagen Keller
Aus diesem "Tatort" kann man echt was lernen: dass man auch im Pornomilieu zur Pause gern belegte Brötchen isst. Und dass Socken beim Sex nun wirklich niemanden kleiden!

Luna Pink ist tot, sie wird in einem Kinderplanschbecken gefunden, am Set eines Pornodrehs. Eigentlich heißt sie Marie Wagner und arbeitet in einem Altenheim, und außerdem ist sie die Tochter des Oberstaatsanwalts. Batic und Leitmayr haben im Münchener Tatort "Hardcore" nun nicht nur Maries Vater im Nacken, der ebenfalls seinem Doppelleben frönt – sie lernen im Herzen der Schmuddelsex-Industrie auch sehr viel über Koitus-Techniken.

1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: Über den Nouvelle-Vague-Großmeister Jean-Luc Godard. Hätte man ja eigentlich nicht gedacht, in einem Krimi über das Pornogeschäft über Filmkunst zu stolpern. Hier gibt ein verdächtiger, cinephiler Pornoproduzent als Alibi an, zur Tatzeit Außer Atem gesehen zu haben. Der Beamte kennt Godard nicht und witzelt: "Wahrscheinlich auch so ein Pornofilm". Dazu hechelt er wie ein Hund, der tagelang nichts zu trinken bekommen hat.

Lars-Christian Daniels:  Die Frage müsste diesmal eher lauten: Mit wem wird man am Montag über diesen Tatort reden? Für den Smalltalk mit dem Chef im Büro gibt es jedenfalls ganz sicher geeignetere Gesprächsthemen.

Matthias Dell:  Über "Schneeflittchen und die miesen Zwerge".

Kirstin Lopau: Darüber, dass die Münchener sich diesmal wirklich was trauen und das im Öffentlich-Rechtlichen. Darüber, wie Beethoven und Pornos zusammenpassen. Vor allem aber über die erste Festnahme vom Kalli, dem Fuchs! Gratulation!

2. Was haben Sie aus diesem "Tatort" gelernt?

Christian Buß: Pornoexzess und Bausparvertrag liegen ganz dicht zusammen: Beim Warmmachen für eine Dreierszene fachsimpeln zwei junge Stenze über Geldanlagen, während sie belegte Brötchen essen und ihr Genital befummeln.

Lars-Christian Daniels: Dass "ATM" nicht zwingend mit Geldabheben im Ausland zu tun hat.

Matthias Dell: Dass der Tatort sich sehr schwertut, von Pornografie zu erzählen.

Kirstin Lopau:  Gelernt habe ich, dass es Frauen geben soll, die am Dreh von Gang-Bang-Pornos Freude haben. Außerdem lernen wir, dass Männer unter Perlonstrümpfen beim Koitus sehr seltsam aussehen (tolle Textzeile in der Musik dabei: Let me breath again). Wir lernen, dass der Ivo ein Problem mit Pornos hat, dass der Franz schon gute Pornos gesehen hat (und überhaupt, dass Pornos in Deutschland sehr verbreitet sind). Wir ahnen, dass der Semmler nach eigener Aussage von der Natur überdurchschnittlich gut bestückt wurde (Bürotalk!?). Was bitte alle Männer aus diesem Tatort lernen, ist, dass sie unbedingt beim Geschlechtsakt die Socken ausziehen, ob nun bei der Gang-Bang-Party, beim Pornodreh oder zu Hause mit der Liebsten.

3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß:  "Kalli, was ist der Unterschied zwischen Gang Bang und Bukakke?" So fragen die beiden alten Ermittler ihren jungen Assistenten. Die Antwort wird ausgespart, ansonsten erfährt man in diesem expliziten Tatort aber alles über das Pornogeschäft.

Lars-Christian Daniels:  "Wir suchen jetzt einen Mann mit zwei Armen, zwei Beinen und einem eher unterdurchschnittlich großen Glied", resümiert Leitmayr, und Batic erwidert trocken: "Das trifft auf halb München zu." Ob das der Wahrheit entspricht? Wir lassen die Frage mal unbeantwortet.

Matthias Dell:  Was will der Oberstaatsanwalt bei "Big Bang Munich"?

Kirstin Lopau:  Offen bleibt, wer dem Oberstaatsanwalt denn nun welche Nachricht überbringen darf und warum der Franz kein WhatsApp mag. 

4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß:  Bei diesem grandios unappetitlichen Porno-Tatort verbieten sich Ratschläge von der "Besetzungs-Couch". Sie würden nur noch unappetitlicher klingen.

Lars-Christian Daniels:  Der spießige Gatte von Ex-Pornodarstellerin Stella Harms kommt in diesem Tatort zu kurz – liegt aber weniger an Schauspieler Golo Euler als vielmehr an der in diesem Fall dürftigen Charakterzeichnung im ansonsten sehr originellen und mit viel Dialogwitz gespickten Drehbuch.

Matthias Dell:  Die des – von Markus Hering allerdings hübsch frustriert gespielten – Pornoproduzenten Sam Jordan, der das Geschäft von seinem Vater geerbt hat. Und zwar mit Marc Rothemund (dessen neuer Film Dieses bescheuerte Herz Ende des Jahres ins Kino kommt), der als selbst Regisseur gewordener Sohn von Siggi Rothemund jene Münchner Traditionslinie, in der Sam Jordan im Tatort stehen soll, angedeutet hätte (wenn auch, ohne selbst Sexfilme zu machen und differenzierter, was die Filmografie des Vaters angeht). Siggi Götz war in den Siebzigerjahren nämlich erfolgreich mit Lederhosen-Filmen wie Bohr weiter, Kumpel oder Drei Schwedinnen in Oberbayern.

Kirstin Lopau:  Nächstes Mal bitte weniger Socken beim Sex. Danke!

5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß:  Auch wenn es hier um die Umsetzung männlicher Fantasien geht: Diese Bilder aus den unteren Segmenten der Sexfilmindustrie möchte man lieber nicht mit ins Bett nehmen.

Lars-Christian Daniels:  Eindeutig der Besuch der Kommissare im Haus eines Pornoproduzenten: Während Leitmayr wie selbstverständlich mit zwei nackten männlichen Darstellern über geldwerte Steuervorteile diskutiert, während diese am Catering ihre Erektion am Leben erhalten, lässt sich der verdutzte Batic von deren intimrasierter Kollegin über die lukrativsten Praktiken aufklären. Ganz, ganz großes Kino.

Matthias Dell:  Von dem Schlussauflauf beim "Big Bang" – wie albern.

Kirstin Lopau:  Definitiv von diesem Planschbecken, und das wird kein schöner Traum.

6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser "Tatort"?

Christian Buß: 😴

Lars-Christian Daniels:  😴😴😴

Matthias Dell:  😴😴😴😴😴

Kirstin Lopau:  😴😴

Kommentare

36 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren