Wir müssen reden Macht das Internet uns eifersüchtiger?

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Mit Apps können wir unsere Partner nun überwachen, aber ist das zielführend? Warum Frauen und Männer anders eifersüchtig sind, erklärt der Sexualtherapeut Ulrich Clement. Von

ZEITmagazin ONLINE: Der Partner fügt auf Facebook eine neue Freundschaft hinzu, schenkt einem hübschen Porträt ein "Gefällt mir" oder erhält spätabends noch SMS von "anonym" – moderne Anlässe zur Eifersucht sind digital. Gleichzeitig ist es so einfach wie nie, dem Partner nachzuspionieren. Verwandeln uns soziale Medien in Überwachungsfanatiker?

Ulrich Clement: Es gibt zumindest mehr Spionagemöglichkeiten. Und wenn man technisch gewieft ist, kann man den anderen auch einfacher überwachen.

ZEITmagazin ONLINE: Wenn es mithilfe der sozialen Medien und technischer Apps einfacher ist, dem anderen hinterherzuspionieren, triggert dieses Tun die Eifersucht noch zusätzlich?

Clement: Es kann in der Tat eine Eigendynamik entwickeln. Während sich die ersten Verdachtsmomente durch das Digitale nicht strukturell, sondern höchstens formal verändert haben – jetzt ist es eben eine SMS oder ein Like –, hat sich die Dynamik, die sich daraus entwickelt, durchaus beschleunigt. Denn in dem Moment, wo ich verdächtige und etwas finde, habe ich den Beweis dafür, dass ich richtigerweise verdächtige, und mache weiter. Und das geht online viel schneller.

ZEITmagazin ONLINE: Wächst denn unsere Eifersucht allein durch die Möglichkeiten, ihr leichter nachzugeben?

Clement: Man muss zwei Dinge unterscheiden: die Eifersucht als Motiv und die Handlung, die daraus folgt. Bei ersterem sehe ich keinen Hinweis darauf, dass sich im Vergleich zu unserem vordigitalen Alltag Großes verändert hat. Aber bei den Handlungsmöglichkeiten. Wenn ich eifersüchtig bin, konnte ich immer schon unterschiedlich reagieren: Ich kann den Partner zurechtweisen, ihm Vorwürfe machen, den Rivalen zurechtweisen, den Partner kontrollieren, den Rivalen bedrohen. Das konnte sich auch schon immer bis zu Exzessen steigern. Das Internet bietet für vieles davon nun aber noch mehr Umsetzungsmöglichkeiten, zumal anonym.

ZEITmagazin ONLINE: Und schnell.

Clement: Die sozialen Medien prägen unser Handeln vor allem durch einen neuen Aspekt: die niedrige Schwelle. Es ist ein großer Unterschied zur vordigitalen Welt, wie ich beispielsweise Kontakt mit dem Rivalen aufnehmen kann. Schreibe ich ihm einen Drohbrief und trage den zur Post oder tippe ich in der ersten Erregung schnell eine Mail oder eine SMS? Dadurch, dass die Schwelle zu handeln so viel niedriger ist, exponiere ich mich allerdings auch mehr.

ZEITmagazin ONLINE: Mit welchen Folgen?

Clement: Man bereut häufiger.

ZEITmagazin ONLINE: Vielleicht haben manche Messengerdienste auch deswegen jetzt nachträgliche Löschfunktionen für Nachrichten eingebaut ... Führt Ihrer Meinung nach die charakteristische Niedrigschwelligkeit der digitalen Kommunikation häufiger zu Eifersuchtsdramen? Zu einer Eskalation der Situation?

Clement: Das ist genau der Punkt beim Internet: Der Puffer, der zwischen Impuls und Handlung steht, ist kleiner geworden, jene Zeit, in der man nachdenkt, nochmal abwägt und prüft. In meinen Paartherapien sehe ich häufig, wie viel Unglück geschieht, weil jemand relativ schnell aus dem Affekt reagiert hat und nicht abwarten musste, bis sich die ersten heftigen Emotionen gelegt haben.

ZEITmagazin ONLINE: Worauf ist man eigentlich eifersüchtig? Wirklich auf eine andere Person oder doch eher auf die Zeit, die der Partner in den sozialen Netzwerken – anstatt mit einem selbst – verbringt?

Clement: Das wäre Neid, denn dabei gönne ich dem anderen etwas nicht, was ich selbst haben möchte. Eifersucht hat im Gegensatz dazu immer etwas mit Rivalität zu tun und mit der Angst, dass jemand anderes für meinen Partner interessanter und aufregender sein könnte, als ich es bin.

ZEITmagazin ONLINE: Auch diese Angst könnte durch unser digitales Verhalten negativ beeinflusst werden, denn wir alle präsentieren uns in den sozialen Medien besonders positiv: Man stellt die attraktiveren Fotos von sich ins Netz und beschreibt vor allem das Außergewöhnliche und Abenteuerliche, das man erlebt.

Clement: Das machen wir alle und es ist ja auch legitim, sich gut darzustellen. Einen potenziellen Rivalen nimmt man so allerdings ebenfalls als attraktiver wahr.

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