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"Polizeiruf 110"-Kritikerspiegel Ein Kind vieler Eltern

Die einzige Gewissheit im Leben ist die Mutter. Mit dem weisen Kalenderspruch im Gepäck wird im "Polizeiruf 110" grenzenlos nach einem entführten Säugling gefahndet.

Leon Hallmann, sechs Monate alt, wird aus der Kinderstation eines Krankenhauses in Frankfurt (Oder) entführt. Wenige Stunden später findet er sich unversehrt wieder an, im polnischen Gorzów Wielkopolski. Damit könnte dieser Polizeiruf nach einer Viertelstunde schon zu Ende sein – drängten sich Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon) und Kriminalhauptkommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) nicht noch ganz andere Umstände auf, über die bei langen Autofahrten durch das topfebene Brandenburg nachgesonnen werden kann: Warum ist der Entführer denn jetzt schon tot? Und, auch sehr geheimnisvoll: Wie ist Leon eigentlich in die Familie Hallmann gekommen? Als Kuckuckskind? Als Sohn einer Leihmutter? In Brandenburg könnte dafür natürlich auch immer der Storch verantwortlich gemacht werden.

1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: Über die anrührende subjektive Kameraführung, durch die wir aus den Augen eines Babys dessen Entführung sehen. Schau mal, wer da schaut!

Lars-Christian Daniels: Ausufernde Gangbang-Partys in München, schaurige Spukhäuser in Frankfurt und vergiftete Fracking-Zombies in der niedersächsischen Pampa: Nach den wilden letzten Tatort-Wochen kann so ein bodenständiger Polizeiruf geradezu eine Wohltat sein. Das verringert die Chancen, dass man am Montag über diesen Sonntagskrimi reden wird, allerdings erheblich.

Matthias Dell: Über das schmucke Haus der Hallmanns.

Kirstin Lopau: Vielleicht auch darüber, wie man sich vorher als Mutter des zweiten Kindes bzw. als Vater des Kuckuckskindes entschieden hätte. Und darüber, wie emotional schwer es sein muss, sein eigenes Kind loszulassen.


2. Was haben Sie aus diesem "Polizeiruf" gelernt?

Christian Buß: "Die einzige Gewissheit im Leben ist die Mutter." So der Rechtsmediziner in diesem Polizeiruf über "wilde" Adoptionen in Polen zum Kommissar Raczek.

Lars-Christian Daniels: Vielleicht wird das ja doch noch was mit dem deutsch-polnischen Polizeiruf: "Das Beste für mein Kind" ist der bisher beste Fall mit Lenski und Raczek.

Matthias Dell: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen."

Kirstin Lopau: Polnische Männer scheinen "blöde Machos" zu sein (sagt ein polnischer Mann). Wir haben ein Wort Polnisch gelernt: "Weekend". Wir haben auch gelernt, welche Emotionen hinter einer Adoption stecken, sowohl bei der leiblichen Mutter als auch bei den Adoptiveltern. Vor allem aber haben wir einen Spruch verinnerlicht, für den es sich noch lohnen würde, das Sticken zu erlernen, um ihn auf ein Sofakissen bannen zu können: "Die einzige Gewissheit im Leben ist die Mutter"! Ha, nehmt das, ihr Patriarchen!


3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: Was passiert am Ende mit dem Baby, um das die Geschichte kreist?

Lars-Christian Daniels: Wird das noch mal was mit Adam und Lydia? Oder muss der Arme womöglich weiterhin im Garten, im Präsidium oder bei Freunden nächtigen? Erinnerungen werden wach – an den Rostocker Polizeiruf-Kollegen Bukow, der nach der Trennung von seiner Frau auch schon die eine oder andere Nacht im Auto verbracht hat.

Matthias Dell: Darf Kommissar Adam Raczek künftig wieder bei seiner Frau im Haus übernachten?

Kirstin Lopau: Wo fährt Sabine Hallmann am Ende hin? Und nimmt Frau Raczek die neue Stelle an?


4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Kein Vorschläge. Ein sehr gut besetztes Gefühlsdrama – zumal gerade die Rollen der polnischen Figuren mit den polnischen Schauspielstars Agnieszka Grochowska und Piotr Stramowski grandios besetzt sind.

Lars-Christian Daniels: Keine. Durch die Bank überzeugende Darsteller, die jenseits der polnischen Grenze allerdings häufig untertitelt werden müssen.

Matthias Dell: Keine.

Kirstin Lopau: Polizeihund Speedy macht zwar seinem Namen wieder alle Ehre, kommt aber in dieser Folge viel zu kurz!


5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Von den Babyaugen, die uns so fröhlich und unaufgeregt anschauen, während die Erwachsenen um das Baby herum sich selbst zerlegen.

Lars-Christian Daniels: Ganz bestimmt vom Kindergeschrei, das in diesem Polizeiruf meist vom Tonband kommt.

Matthias Dell: Von dem See, an dem Familie Raczek zu Beginn Gleichstellungsfragen diskutiert – allerdings eher wegen des Sommers am See als wegen der Gleichstellungsfragen.

Kirstin Lopau: Von der Sicht eines Babys aus der Babyschale heraus.


6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser "Polizeiruf 110"?

Christian Buß: 2 Schlafmützen 😴😴

Lars-Christian Daniels: 3 Schlafmützen 😴😴😴

Matthias Dell: 4 Schlafmützen 😴😴😴😴

Kirstin Lopau: Interessantes Thema mit einigen Längen, deshalb 5 Schlafmützen 😴😴😴😴😴

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