© WDR/Wolfgang Ennenbach

"Tatort"-Kritikerspiegel Ist das Kunst oder kann das weg?

In der Installation steckt eine Leiche und in der ein brisanter USB-Stick. Beim Münsteraner "Tatort" entdecken Thiel und Boerne aber noch mehr: ihre Künstlerseelen.

Kassel hat die documenta, Münster die Skulptur Projekte, aber nur alle zehn Jahre. In diesem Jahr fand die ambitionierte Ausstellung von Skulpturen und Plastiken wieder einmal statt – und da dabei stets die gesamte Stadt einbezogen ist, bot sich eine Eins-A-Kulisse für den neuen Münsteraner Tatort. Gott ist auch nur ein Mensch spielt nämlich in der Kunstwelt, und die erste Leiche steckt mal gleich in einer Installation des Künstlers G.O.D. Kommissar Thiel (Axel Prahl) muss herausfinden, wofür der Tote, ein ehemaliger Stadtrat, büßen soll – die Sünde und ihre Folgen, das passt ins katholische Münster. Und Boerne (Jan Josef Liefers) entdeckt bei der Obduktion nicht nur einen USB-Stick in der Leiche, sondern in diesem Tatort auch den Künstler in sich. Er wähnt sich in seinen "Meisterjahren", Thiel fühlt sich eher an alte Kommunenzeiten erinnert. Von Kunstschaffenden umgeben zu sein macht auch diese beiden kreativ.

1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß:  Schatz, wir müssen auch mal Kunst machen. Die Ausstellungsstücke in diesem während der Skulptur Projekte in Münster spielenden Tatort sind von rührend-schlichter Kleinkunstseligkeit.

Lars-Christian Daniels:  Im vergangenen April knallten bei der ARD mal wieder die Korken: Sage und schreibe 14,6 Millionen hatten den Münster-TatortFangschuss eingeschaltet, das war die beste Tatort-Quote seit 25 Jahren. Ob Jan Josef Liefers, Axel Prahl & Co. diesen Wahnsinnswert noch einmal toppen können?

Matthias Dell:  Ob das jetzt Kunst war oder nicht.

Kirstin Lopau:  Tut es dem Münsteraner Tatort nun gut, fast gänzlich auf Klamauk zu verzichten oder nicht? Und ist das Klischee, dass Kunstschaffende nur so kreativ sind, weil sie ein bisschen plemplem sind, nicht ein wenig überholt?

2. Was haben Sie aus diesem Tatort gelernt?

Christian Buß: Die Familiengeschichte von Rechtsmediziner Boerne, der diese anhand eines Bonsai erzählt: "Mein Ur-Urgroßvater Emmanuel Eckhart Boerne züchtete ihn 1889 als ersten europäischen Bonsai überhaupt für die Weltausstellung in Paris. In den folgenden Jahren pflegte ihn mein Urgroßvater Gotthold Friedensreich Boerne auf den Landgütern in Pommern. Mein Großvater Johann Nepomuk brachte ihn bis Peking, von wo aus ihn mein Vater Ludwig Wolfgang Boerne ihn nach Japan überführte."

Lars-Christian Daniels: Nur dumme Menschen denken – und Gott ist auch nur ein Mensch.

Matthias Dell: Dass die Kunst, bei allem Witzemachen drüber, doch ein recht großes Feld an Möglichkeiten fürs lustvolle Erzählen bietet.

Kirstin Lopau: Dass Boerne "in seinen Meisterjahren" ist und gern Meisterschüler wäre. Dass Thiel keine Massagen mag, dafür aber früher zu Kommunenzeiten gern Mädchenklamotten trug. Manche Weisheit fürs Leben haben wir gesammelt: Vielleicht können wir daraus einen Sprüchekalender basteln, es ist ja bald Weihnachten ("Nur dumme Menschen denken.", "Nur weil die Welt am Apfel zieht, wird er nicht schneller reif." etc.). Vor allem aber haben wir Boernes geheimsten Wunsch erfahren und erinnern uns einmal mehr beim Tatort-Schauen an Dexter.

3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: Ist das Kunst oder kann das weg?

Lars-Christian Daniels: Wie hat Aktionskünstler Christian Jankowski, der in diesem Tatort unter dem Pseudonym Jan Christowski auftritt, die ganze Welt nur in seinen Koffer bekommen?

Matthias Dell: Wie konnten sich Kuratoren-Clara (Darstellerin Victoria Mayer ist Jahrgang 1976) und Kommmissar-Fränkie (Prahl Jahrgang 1960) als Kinder der Kommmune der Staatsanwältin treffen, wo beide doch erkennbar unterschiedlichen Alters sind? Wundersame Besetzungslogiken von Filmen: Frauen müssen vor allem jung sein, Männer dürfen altern.

Kirstin Lopau:  Was wird aus den 998 Zitronensorbets? Und was zur Hölle ist in diesem Kunstkoffer?

4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Alle Rollen und keine Rolle. Eine gewisse Flitzpiepigkeit bei den Darstellern gehört einfach in diese Krimikomödie, die sich wenig Mühe gibt, mehr als eine verkifft-windschiefe Parodie auf einen Kunstthriller zu sein.

Lars-Christian Daniels: Ach, so richtig schlecht war diesmal niemand. So richtig gut aber auch nicht. 

Matthias Dell: Allenfalls die von Kuratoren-Clara mit einer älteren Schauspielerin – wenn dieses Kinderding aus Kommune irgendwie Sinn ergeben sollte.

Kirstin Lopau: Die Rollen waren alle gut besetzt. Irritierend ist die Ähnlichkeit von "Gott" mit Tom Magnum-Selleck, der viel cooler, aber dafür weniger kreativ war. Oder sagen wir: anders kreativ.

5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Von der Szene, in der Thiel seinen Vater beim Kiffen in einem Ausstellungsstück findet. Wie viel Geborgenheit so ein mit Rauchschwaden gefülltes Kunstwerk vermitteln kann. Wie im Mutterleib. Nur mit THC-Zufuhr.

Lars-Christian Daniels:  Thiel ist auf seiner Couch eingeschlafen, als plötzlich sein Steinzeit-Handy klingelt und ihn unsanft aus seinen Träumen reißt. Und was macht der Kommissar? Greift zur Fernbedienung seines Fernsehers und hält sich das Ding ans Ohr, um das Gespräch anzunehmen. "Hallo?" Ein Gag, so originell wie vieles im Münster-Tatort der letzten Jahre: gar nicht.

Matthias Dell:  Vom Schluss.

Kirstin Lopau:  Von der Frage "War das jetzt Kunst?".

6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser Tatort?

Christian Buß:  3 Schlafmützen 😴😴😴

Lars-Christian Daniels: 5 Schlafmützen 😴😴😴😴😴

Matthias Dell: 5 Schlafmützen 😴😴😴😴😴

Kirstin Lopau: 4 Schlafmützen 😴😴😴😴

Kommentare

11 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Die Overbeck-Nummer geht mir langsam echt auf den Keks - über all die Jahre hinweg null Charakterentwicklung zu zeigen ist schon sehr uninspiriert. Wobei man ja nichtmal von „Charakter“ sprechen kann, die Wilsberg-Figuren sind eher eindimensionierte Klischees, derart kalauerartig unterkomplex kommt Overbeck daher.
Das Problem hat sich mMn aber in der Vergangenheit auch bei den Münsteranern gezeigt, schaun wir mal, ob sie das in den Griff bekommen haben.

Vorsicht, werter Nauarch, wenn Sie im Münster-Tatort-Becken "on water" (Ayse Erkman) wandeln, dann werden Ihnen die versteckten gesellschaftlichen Schrecken wie Stegrippen in die bloßen Füße schneiden. Der Kommissar verhört Sie mit lakonischer "War-da-was?"-Attitüde - der Pathologe hingegen legt Ihnen den blanken Nervus Ironimus offen und attestiert meisterhaft das moralingesäuerte Wonnegeflecht, gleich unterhalb der Kunstverächter-Gürtellinie.