© Benyamin Reich

Benyamin Reich "Die Homophobie haben die Juden erst von den Christen gelernt"

Benyamin Reich fotografierte jahrelang ultraorthodoxe Juden bei einem politisch und emotional aufgeladenen Baderitual. Dabei ging es nicht nur um die Liebe zu Gott. Ein Interview von

Benyamin Reich wuchs in einer ultraorthodoxen Gemeinschaft nahe Jerusalem auf. Seit er sechs Jahre alt war, durfte er keine Bilder mehr malen. Nach seiner Bar Mizwa mit 13 Jahren trug er nur noch schwarz und weiß. Sein Vater ist Rabbi. Bei seinen Eltern zu Hause gab es kein Internet, kein Radio, kaum weltliche Bücher. Und Benyamin Reich spürte, dass er anders ist. Er liebt Männer. Lange empfand er das als Stigma. Seine Erlösung fand er schließlich in der Kunst. Mit 19 Jahren ging er nach Paris, um Fotografie zu studieren. Plötzlich stand ihm die Welt offen. Und doch blickt er immer wieder zurück nach Israel. Die hier gezeigten Bilder aus seiner Serie Friday Water sind in Lifta entstanden, einem ehemals arabisch-palästinensischen Dorf in der Peripherie von Jerusalem. Um das Jahr 1947, zur Zeit des Palästinakrieges, wurden seine Bewohner vertrieben. Heute stehen dort nur noch Ruinen, die langsam von der Natur zurückerobert werden. Lifta ist ein Symbol des Nahostkonfliktes und gleichzeitig ein wunderschöner Ort an den Hängen von zwei Hügeln. Darunter liegt ein Tal. In der Mitte entspringt eine Quelle, die in ein natürliches, steinernes Becken fließt und sich dort staut. Es ist ein Ort, an dem gottfürchtige Männer Männer begehren dürfen – solange sie nicht darüber sprechen.

ZEITmagazin ONLINE: Herr Reich, wer sind die jungen Männer, die man auf ihren Bildern baden sieht?

Reich: Die meisten von ihnen sind ultraorthodoxe Juden. Sie vollziehen ein Ritual, das sich Tevila nennt. Über die Jahrhunderte hat es sich sehr verändert. Das ist ja oft so mit Ritualen, sie lösen sich immer mehr von ihrem Ursprung ab und werden zu einem fast schon ästhetischen Akt. In diesem Fall geht es um ein Waschritual, das man vor dem Betreten des Tempels in Jerusalem vollzogen hat. Diesen gibt es seit 2.000 Jahren nicht mehr. An seiner Stelle steht heute der Felsendom.

ZEITmagazin ONLINE: Die Tevila ist ein Ritual der Reinigung?

Reich: Ja, der körperlichen wie der spirituellen. Im Judentum gibt es verschiedene Grade der Rein- und Unreinheit. Berührt man einen toten Körper oder auch eine Frau während der Menstruation, dann wird man für eine gewisse Zeit unrein. Erst wenn man sich danach gereinigt hatte, durfte man den Tempel betreten, um ein Opfer darzubringen. Da es den Tempel nicht mehr gibt, spielen die Grade der Rein- und Unreinheit praktisch keine Rolle mehr. Mit der Zunahme mystischer Tendenzen im Judentum, vor allem in den letzten 200 Jahren, hat man dieses Wasserbad sehr stark aufgeladen.

Das Reinigungsritual vor dem Schabbat erinnert an eine Taufe – ist aber als religiöse Praxis viel älter als diese. © Benyamin Reich

ZEITmagazin ONLINE: Die Reinheit, die man sich erhofft, ist eine spirituelle?

Reich: Ja. Vor allem chassidische Juden suchen in Lifta freitags vor dem Schabbat eine geistige Reinheit. Das Ritual ist sehr esoterisch und emotional. Aber es hat auch eine politische Dimension. Unter den Männern dort sind auch Siedler. Israel hat Lifta in einem Akt der abermaligen Aneignung in Mei Neftoach umbenannt – ein hebräischer Name für diesen Ort, der in der Bibel genannt wird. Aber wie es so ist, umgangssprachlich heißt es immer noch Lifta. Ich bin eine Weile lang jeden Freitag dort hingegangen – über Jahre hinweg. Irgendwann haben sich die Männer an mich gewöhnt. Nirgends sonst wäre es möglich gewesen, sie nackt zu fotografieren. Weder bei ihnen zu Hause noch in einem Fotostudio. In Lifta aber, während des Rituals, schon. Sie sind es gewöhnt, die Tevila nackt mit anderen Männern zu vollziehen. Das ist ein wenig wie in der DDR am FKK-Strand.

Zwei junge Männer stehen vor dem steinernen Pool im Tal von Lifta. Nicht alle kommen hierher, um spirituelle Reinheit zu finden. © Benyamin Reich

ZEITmagazin ONLINE: Das Eintauchen ins Wasser erinnert an eine Taufe.

Reich: Natürlich. Oder auch an eine Wiedergeburt. Darum muss man nackt und mit dem ganzen Körper unter Wasser tauchen. Das ist ein wenig wie die Rückkehr in den mütterlichen Bauch. Und wenn sie wieder aus dem Wasser steigen, dann sind sie eben wie neugeboren. Das erinnert an die christliche Figur Johannes des Täufers oder an die Taufe selbst – ist aber älter als diese. Das Ritual ist religiös, aber der Akt selbst ist fast schon romantisch. Damit spiele ich in meinen Bildern. Und natürlich geht es mir auch um das Homoerotische.

ZEITmagazin ONLINE: Kann es unter den Männern wirklich eine offen zur Schau gestellte Homosexualität geben?

Reich: Nein. Aber es gibt sie. Manche gehen nur zur Quelle, um andere Männer kennenzulernen. Diese Männer treffen sich dann in den Ruinen, manche gehen nur, um zu schauen, andere wollen Sex erleben – darunter auch religiöse Männer. Viele von ihnen haben danach starke Gewissensbisse.

Vor 1948 lebten in Lifta vor allem arabische Familien. Mittlerweile sind die meisten der Häuser an den Hängen verlassen. © Benyamin Reich

ZEITmagazin ONLINE: Wird das toleriert?

Reich: Wer unter den Religiösen nichts wissen will, übersieht es einfach. Die anderen sprechen nicht darüber. Das ist ein grundsätzliches Prinzip der ultraorthodoxen Welt. Dinge, die vermeintlich unschön sind und über die man nicht sprechen kann, darüber wird geschwiegen.

ZEITmagazin ONLINE: Don’t ask, don’t tell?

Reich: So ähnlich, ja. Darum empfinden so viele Ultraorthodoxe die Gay-Pride-Parade in Jerusalem als eine solche Provokation: Sie offenbart das Verdrängte, den weißen Elefanten im Raum. Aus der vermeintlich persönlichen Sünde, die man als nebensächlich abtun kann, wird eine Art gesellschaftliche Realität, die nicht mehr integrierbar scheint. Das ist für viele Konservative das eigentliche Problem.

Im Alltag oder in einem Fotostudio wäre es Benyamin Reich nicht möglich gewesen, die ultraorthodoxen Männer nackt zu fotografieren. Während des Rituals fühlten sich viele aber geschützt. © Benyamin Reich

ZEITmagazin ONLINE: Sie selbst lieben Männer, sind aber in einer konservativen und ultraorthodoxen Gemeinschaft in Israel aufgewachsen.

Reich: Sehr konservativ, ja. Wir hatten kein Internet, keine Popmusik, keinen Fernseher, keine Bücher, die nicht heilig waren. Wir sahen und hörten kaum Nachrichten.

ZEITmagazin ONLINE: Haben Sie damals jemand gekannt, mit dem Sie über Ihre Homosexualität sprechen konnten?

Reich: Nein. Das war ja das Problem. Ich hatte wirklich niemanden. Und doch habe ich schon sehr früh gespürt: Ich bin nicht allein. Es gab andere, die genau so waren wie ich.

Der Fotograf Benyamin Reich verbrachte seine Freitage immer wieder in Lifta. Seine Porträts junger Männer wirken spontan und melancholisch. © Benyamin Reich

ZEITmagazin ONLINE: Was fühlten Sie damals?

Reich: Ich fühlte mich … unrein. Es war wie ein Kainsmal, ein Stigma. Der Prozess, dieses schlechte Gefühl abzustreifen, hält bis heute an.

ZEITmagazin ONLINE: Ihr Vater ist ein ultraorthodoxer Rabbi. Kann er Ihre Homosexualität akzeptieren?

Reich: Meine Eltern akzeptieren mich heute. Aber ich sagen ihnen nicht, dass ich homosexuell bin – jedenfalls nicht in diesen Worten. Es gibt dafür keinen Platz im Glauben meiner Eltern. Aber sie mögen meinen Freund sehr.

ZEITmagazin ONLINE: Wirklich?

Reich: Ja. Meine Mutter nennt ihn immer "mein Engel".

Homosexualität ist in der ultaorthodoxen Gemeinschaft ein stricktes Tabu. Dabei wurde die Liebe unter Männern im Judentum jahrhundertelang toleriert. © Benyamin Reich

ZEITmagazin ONLINE: Wie sieht das im Alltag aus?

Reich: Sie weiß, wir wohnen zusammen, und sie kommt auch mit meinem Vater öfters in Berlin zu Besuch. Aber sie möchte darüber nicht sprechen. Die Homosexualität ist für sie abnormal, denn die Tradition erlaubt sie nicht. Eine "Abscheulichkeit" in der Sprache der Bibel. Ich muss dazu sagen, dass die Ultraorthodoxie in ihrer radikalen Absonderung eine recht junge Bewegung ist. Über Jahrtausende war das Judentum darum bemüht, inklusiver zu sein und auch mit der Zeit zu gehen.

ZEITmagazin ONLINE: Warum hat sich das geändert?

Reich: Es entstand eine Gegenbewegung zur Aufklärung, aber die Homophobie haben die Juden erst von den Christen gelernt. In der arabischen Welt gab es, wie auch im Judentum, über Jahrhunderte hinweg eine viel größere Toleranz der Homosexualität. Sie war zwar offiziell verpönt und natürlich kein Ideal, wurde aber nicht verfolgt. Man hat darüber eher gelacht. Heute ist die orthodoxe Welt eher wie ein Ghetto. Um sie herum wurde eine Mauer gezogen.

Nach der Vetreibung der arabisch-palästinesischen Familien im Jahr 1947 siedelten in Lifta jüdische Familien. Auch sie verließen das Tal bis 1971. Heute ist die Gegend ein Naturreservat. © Benyamin Reich

ZEITmagazin ONLINE: Sie sind mit 19 Jahren für ein Kunststudium nach Paris gegangen. Was es schwierig, die Mauer Ihrer Gemeinschaft zu überwinden und in die Welt hinaus zu ziehen?

Reich: Mein Vater hat immer gespürt, dass ich anders bin als der Rest meiner Familie. Über die Homosexualität konnten wir nicht sprechen, aber über die Kunst schon. Innerhalb der konservativen Ultraorthodoxie gehört er zu den Liberalen. Das kam mir sehr entgegen.

ZEITmagazin ONLINE: Es braucht Stärke und Mut, sich selbst gegenüber streng zu sein, aber seinen Kindern eine größere Freiheit zuzugestehen.

Reich: Ja, da haben Sie wohl recht. Ich bin ihm und meiner Mutter jedenfalls sehr dankbar dafür.

Nach dem Baden treffen sich viele der Männer in den Ruinen an den Hängen des Tals. © Benyamin Reich

Neue Arbeiten von Benyamin Reich sind ab dem 13. Januar in der Gruppenausstellung Eigenleben in der Galerie neurotitan in Berlin zu sehen.

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