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Gender Wie männlich ist eine Brotdose?

Tussige Elfen für Mädchen, Krawallautos für Jungen: In Spielzeugläden und Kitas vollzieht sich die früheste Spaltung unserer Gesellschaft. Warum hat alles ein Geschlecht? Von

Als mein Sohn zwei Jahre alt war, interessierte er sich vor allem für zwei Dinge: Motorräder und Mädchen. Knatternde Auspuffrohre ließen ihn aufhorchen. Er starrte heranrasenden Motorrädern entgegen und taxierte die Fahrer voller Ehrfurcht. Vor kleinen Mädchen in Tüllkleidern blieb er ebenso angewurzelt stehen. Er betrachtete sie unverwandt, mit einer Mischung aus Faszination und Ungläubigkeit. Vor meinem geistigen Auge sah ich ihn schon den Pirelli-Kalender an die Wand seines Jugendzimmers hängen.

War er mit seinem Laufrad unterwegs, sauste er manchmal direkt auf ein Mädchen zu. Er bremste stark ab, so dass er durch den Schwung quer vor ihm zum Stehen kam. Dann lehnte er sich mit den Unterarmen auf den Holzlenker und schaute sie an wie James Dean.

Wo hatte er das nur her? Wie kommt ein Kitakind zu einer Männlichkeitspose, die man eigentlich nur noch aus alten Filmen kennt?

Er entwickelte auch großes Interesse an Fußball, Star-Wars-Lego und Detektivgeschichten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir Eltern ihn durch subtile Signale zu Interessen gedrängt hätten, die als männlich gelten. Im Gegenteil, ich hatte nicht die geringste Lust, ihm das Guinness-Buch der Rekorde vorzulesen, mit Leuchtschwertern zu kämpfen oder an den Wochenenden auf dem Fußballplatz herumzustehen. Trotzdem ist es so gekommen.

Ich kenne auch viele Eltern, die ihre Töchter noch nie in deren Liebe zu Pink bestärkt haben. Eher sehe ich, wie die Bad-Taste-Vorlieben mancher Töchter auf das ästhetische Understatement ihrer Eltern prallen. Leute, die ihre Babys in Stramplern aus gewalkter Ökowolle gewanden, müssen jetzt pinkfarbene Polyesterkleider made in China kaufen. Eltern, die ihre Töchter sonst gerne ins Theater bringen, sollen nun Hörspielen mit den sich überschlagenden Stimmen von Bibi und Tina lauschen.

Einmal habe ich in einem Berliner Park ein Mädchen mit einem Plüschhut gesehen in Form eines  regenbogenfarbenen Einhornkopfs, die süßsauer lächelnden Eltern mit Sicherheitsabstand dahinter. Fremdschämen fürs eigene Kind. Die meisten Eltern beruhigen sich bei so was mit dem Mantra, das gegen alle Unbilden der Elternschaft hilft: "Das ist alles nur eine Phase." Ja – und was, wenn das eine prägende Phase ist?

Im August hat die BBC das Video eines Experiments veröffentlicht. Es ging um die Frage, ob wir Jungen und Mädchen unbewusst unterschiedlich behandeln. Die Kleider eines weiblichen und eines männlichen Babys wurden vertauscht, ihre Namen entsprechend verändert. Nichtsahnende Erwachsene setzten sich mit ihnen auf eine Decke, umringt von Spielsachen. Sophie, der eigentlich Edward hieß, wurde eine Puppe angeboten. Mit ihm wurde sanfter gespielt als mit Oliver, in Wirklichkeit Marnie, die von den Probanden dagegen auf ein Feuerwehrauto gesetzt wurde. "Wenn Kinder oft räumliche Spiele spielen, verändern sich ihre Gehirne physisch in nur drei Monaten", merkte die BBC in dem Video an.

Wer spielt hier, ein Junge oder ein Mädchen? © Markus Spiske/unsplash.com

Mein Sohn hatte auch einen Puppenwagen und eine Puppe. Aber er hat sie nur im Zimmer herumgeschleudert. Wir haben ihm bestimmt nicht zu viele räumliche Spiele angeboten. Er hat sie uns angeboten.

Mädchen scheinen sich öfter einschränken zu müssen, zum Beispiel durch ihre Garderobe. Eine Mutter zweier Söhne, die dann noch eine Tochter bekam, erzählte mir, dass sie zum ersten Mal den Unterschied bemerkt hat, als sie mit ihren Kindern im Park war. Die Jungs durften rutschen, wie immer. Aber das Mädchen hatte ein Kleid mit weißen und rosa Streifen an. Die Flecken hätte sie nie wieder rausgekriegt.

Das Auffälligste an Klischees ist ja: Sie stimmen tatsächlich oft. Das Problem ist nur: Sie stimmen oft genug nicht. Das sind simple Wahrscheinlichkeitsrechnungen. Trotzdem hat die Kinderwarenindustrie für sich festgehalten, dass die meisten Jungs sich für Baukräne, Ritter und andere Männerdomänen interessieren. Und weil man sich damit den größten Absatz verspricht, werden die nun allen Jungen angeboten.

Für die anderen gibt es kein Entkommen mehr. Weil viele Jungen die Wohnung kurz und klein bolzen und viele Mädchen gerne Tische mit Puppenservices eindecken, ist das sogenannte Gender-Marketing völlig entfesselt. Man kann heutzutage noch nicht mal mehr ein paar Kinderschuhe kaufen, die nicht gegendert wären, also von ziemlich einseitigen Geschlechtervorstellungen ausgehen.

"Kein einziges Kleidungsstück meiner Tochter kann ich später noch ihrem kleinen Bruder anziehen", erzählt eine Mutter. "Immer gibt es noch einen Aufnäher oder irgendwo kräuselt sich etwas in Rosa." Deshalb schmirgelt sie Glitzer von Schuhen, hobelt Strasssteine von Jacken, schnippelt Rüschen von Ärmeln und zieht die Fäden aufgestickter Pferdeköpfe von der Jeans. "Ich musste zum ersten Mal das Handarbeitsrepertoire meiner Grundschulzeit reaktivieren", sagt sie.

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