Selbstoptimierung Einfach mal nichts müssen

Unser Leben ist getrieben vom Verbessern unseres Selbsts. Warum man sich einfach mal nichts vornehmen sollte für das neue Jahr: Bekenntnis eines Gleichmütigen Von

Könnte mal abnehmen. Überhaupt wieder Sport treiben. Mit dem Rauchen aufhören. Besser, nein, gesünder essen. Das Feierabendbier weglassen, das wie das sogenannte Wegbier ja in seiner Spezifizierung schon eine fadenscheinige Ausrede für den Verzehr eines Genussmittels enthält. Ach, es gäbe noch so viele weitere gute Vorsätze, die man fassen könnte fürs nächste Jahr.

Ein Mal etwas für sich selbst tun zum Beispiel, wie es in der Werbung für Wellness heißt, mit der Leute sich zum Chillen drillen lassen. Ich persönlich lehne das dummerweise aus ideologischen wie ästhetischen Gründen ab: Danke, bin als moderner Mensch schon selbstbezogen genug verfasst – außer beim Blick in den Spiegel. Körper, Geist, Seele, Karma, Ego – alles könnte ständig gepflegt, bearbeitet und verbessert werden. Indes: Mir reichen drei bis vier Kosmetikartikel zur Aufrechterhaltung der Fassade. Und beim betreuten Faulenzen und schlimmstenfalls Erleuchtet-Werden oder gar Zu-sich-selbst-Finden möchte ich lieber nicht mittun. Vor allem nicht in Gruppen. Mein Leid, wo vorhanden, ist leider offenbar nicht teilbar.

Ansonsten scheine ich irgendwie von Natur aus entspannt zu sein. Ja, ich ruhe für die zeitgenössische Dauererregungsbekämpfungsindustrie auf geradezu geschäftsschädigende Weise: in mir selbst. Was mache ich nur falsch, dass ich es nicht schaffe, mich mal ordentlich entfremdet zu fühlen? Ist vielleicht bloß mein Blutdruck zu niedrig?

Okay, diese Trump-Tweets an jedem verdammten Tag dieses aus politischer Sicht durchaus furchteinflößenden Jahres 2017, die haben mich schon sehr aufgeregt. Obwohl sie mich gar nicht betrafen, so als deutschen Bürger. Meine Empörung war, wie so oft bei sozial-medial ausgelöster, eine rein virtuelle und später folgenlos verrauchende. Vielleicht sollte ich doch politisch aktiv werden, mich mal endlich nützlich machen. Oder künftig wenigstens seltener ins Internet gehen.

Die Welt ist längst leergestarrt, deshalb wurde doch Instagram erfunden.

"Digitales Detox" aber: ein weiterer praxisuntauglicher Vorsatz fürs neue Jahr. Entgiftung ist ja bereits ein wackliges Behandlungskonzept, wenn es um den Körper geht, da fragt man sich doch, ob Detoxen dem Bewusstsein wirklich weiterhilft. Und was sollte man mit all dem Zeitgewinn außerhalb des Netzes anfangen, während die drei bis fünf Social-Media-Profile, die man so zu unterhalten und mit persönlichen Leistungsnachweisen, bitte witzigen, aber manchmal auch nachdenklichen Alltagsbeobachtungen und überaus starken Meinungen zu bestücken hat, inaktuell werden, schließlich verwaisen? Aus dem Fenster gucken? Die Welt ist längst leergestarrt, deshalb wurde doch Instagram erfunden. Damit wir was zum Glotzen haben, wenn gerade nichts im Fernsehen läuft. Und uns ein bisschen mehr Mühe dabei geben, unser Leben wenigstens auf Fotos gut aussehen zu lassen.

Hat nicht Facebook zuletzt wissenschaftlich belegen lassen, dass der passive Konsum von sozialen Medien schlechte Laune mache? Aktive Nutzer seien viel besser drauf, so Facebooks frohe Botschaft. Plumper wurde das offenkundige Produktproblem eines Wirtschaftsunternehmens mit Hinweis auf wissenschaftliche Studien zwar selten benannt: dass die Leute nämlich scheinbar nicht genug posten für Facebooks Geschmack. Aber da tue ich doch gern mit, wenn es nebenbei auch meine völlig grundlose Heiterkeit erhöht!

Tatsächlich, und an der Stelle wird es jetzt ernst, frage ich mich, ob mein Geschlecht, meine Herkunft, Erziehung und Alltagserfahrungen mich zwar nicht vor Selbstzweifeln, aber doch vor äußeren Einflüssen abschirmen, die zum Ergreifen von Vorsätzen führen könnten. Freundinnen und Kolleginnen beschreiben immer wieder in Unterhaltungen, wie schwer es ihnen fällt, sich als Frauen zum Beispiel gegen gesellschaftliche Erwartungen und Schönheitsideale zu wehren: Jeder Blick in eine Frauenzeitschrift, jeder Gang an Plakatwänden vorbei, jeder dumme Kommentar übers Körpergewicht, jedes Öffnen von Instagram, all das wird potenziell als persönliche Herausforderung empfunden.

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