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"Tatort" Dresden Vorbei mit lustig

Die Dresdner "Tatort"-Kommissarinnen Sieland und Gorniak ermitteln in einer Serie von Kindsmorden. Als schnelle Ergebnisse ausbleiben, droht eine öffentliche Hexenjagd.
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel

Die Leiche eines Jungen wird am Elbufer gefunden. Schnell geraten die Dresdner Kommissarinnen Henni Sieland (Alwara Höfels) und Karin Gorniak (Karin Hanczewski) im Tatort: Déjà-vu unter Druck. Schon vor drei Jahren war ein kleiner Junge spurlos verschwunden. Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Fällen? Als ein Schwimmtrainer mit angeblich pädophilen Tendenzen in Verdacht gerät, droht die öffentliche Stimmung zu kippen. Der Mann muss unter Polizeischutz gestellt werden. Eine Hexenjagd droht. Doch ist er wirklich der Täter?

1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: Über Martin Brambach, der hier aufgewühlt und zornig wie nie zuvor als Ermittler Schnabel aufspielen darf. Mit lustig ist es jetzt offensichtlich endgültig vorbei im Dresden-Tatort.

Lars-Christian Daniels: Über den nächsten Termin des Heizungsablesers – und vielleicht auch über den Schulweg der eigenen Kinder.

Matthias Dell: Vermutlich über innere Sicherheit, die diese Folge doch so stark emotionalisiert, dass am Ende nicht das gesellschaftliche Problem, das Verbrechen immer auch anzeigt, im Vordergrund stehen wird.

Kirstin Lopau: Wir diskutieren, ob die Menschheit wirklich so krank ist wie dargestellt (hier meine ich Gaffer, Lynchmob und Journalisten und nicht mal so sehr den Pädophilen). Und wieder wünsche ich mir persönlich keinen Tatort mit Kindern mehr in diesem Jahr.


2. Was haben Sie aus diesem Tatort gelernt?

Christian Buß: In Deutschland gibt es zu viel Datenschutz und zu wenig Polizisten. So sagt zumindest der erregte Schnabel, als er zu erklären versucht, weshalb die Aufklärungsrate bei Pädo-Verbrechen so gering ist. Dieser sein Thema sehr abwägende Tatort macht sich mit dieser Ansicht aber nicht gemein.

Lars-Christian Daniels: "Ich hatte den Eindruck, dass es inzwischen in Richtung eines ganz konventionellen Krimis geht", damit gab Drehbuchautor Ralf Husmann im Dezember wenige Tage nach Hauptdarstellerin Alwara Höfels seinen Ausstieg bekannt – doch der könnte sich für den Dresdner Tatort glatt als Gewinn erweisen. Denn der neue Krimi aus Sachsen stammt nicht aus seiner Feder, ist aber der bisher mit Abstand beste –  funktioniert hatte die eigenwillige Kombination aus Krimi und Komödie in den vergangenen Jahren nie wirklich. 

Matthias Dell: Dass der Verlust von Alwara Höfels als Kommissarin Henni Sieland, die hier zum vorletzten Mal zu sehen ist, schwer wiegen wird.

Kirstin Lopau: Zwei wichtige Dinge lernen wir, über die es nachzudenken gilt. Erstens: "Von 100 vermissten Kindern ist nur einem was passiert – laut Statistik." Wo sind denn dann die anderen 99 und wie lange dauert es, bis sie wieder auftauchen? Und zweitens: "Wann sind die Leute so krank geworden?" "Die waren immer schon so. Früher gab es nur keine Smartphones."


3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: Was passiert mit der von Alwara Höfels gespielten Ermittlerin? Höfels scheidet mit der nächsten Folge im Zorn vom Dresden-Tatort. Zuvor erfährt ihre Fernsehpolizistin, dass sie schwanger ist. 2018 doch wirklich kein Grund, den Dienst zu quittieren.

Lars-Christian Daniels: Fast alle im Hinblick auf die Psyche des pädophilen Triebtäters, was in diesem Tatort kein Manko ist: Die Drehbuchautoren Mark Monheim und Stephan Wagner variieren geschickt den Blickwinkel und beleuchten statt des Seelenlebens vor allem die Beziehung und das berufliche Umfeld des Täters. Mutiger Ansatz – und die Rechnung geht auf.

Matthias Dell: Keine.

Kirstin Lopau: Wird sich die Freundin des Mörders verantworten müssen? Und wie entscheidet sich Kommissarin Sieland in ihrer ganz persönlichen Angelegenheit?


4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Eigentlich spielen hier alle sehr gut. Besonders die Ermittlerdarsteller, die nach einigem Hickhack jetzt einen ernsten Ton gefunden haben.

Lars-Christian Daniels: Keine.

Matthias Dell: Keine.

Kirstin Lopau: Keine. Besonders hervorzuheben sei Benjamin Lillie, der hervorragend die innere Zerrissenheit eines Pädophilen darstellt.


5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Von der Szene, in der sich der Pädophile von seiner Lebensgefährtin erotische Geschichten von "holden Knaben" erzählen lässt – um danach mit ihr Geschlechtsverkehr zu haben.

Lars-Christian Daniels: Vom nackten toten Jungen in der Sporttasche – ein zutiefst bedrückendes Bild, das die Weichen in diesem Krimi früh in die richtige Richtung stellt.

Matthias Dell: Vom spannenden Schluss – das kann man doch keinem zumuten, diese Spannung.

Kirstin Lopau: Von den Jungen in der Badewanne.


6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser "Tatort"?

Christian Buß: 3 Schlafmützen 😴😴😴

Lars-Christian Daniels: 1 Schlafmütze 😴

Matthias Dell: 4 Schlafmützen 😴😴😴😴

Kirstin Lopau: 3 Schlafmützen. 😴😴😴

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