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"Tatort"-Kritikerspiegel Jesus wohnt hier nicht mehr

Die Wiener "Tatort"-Ermittler beschäftigen rätselhafte Ritualmorde und ein folgenschwerer Verdacht: Setzt der österreichische Staat Auftragskiller auf seine Bürger an?
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel

Ein mysteriöser Mörder stellt am Tatort seine geschändeten Opfer grausam zur Schau, hinterlässt aber keine verwertbaren Spuren. Handelt es sich um Ritualmorde oder verschleierte Sexualdelikte? Die Wiener Kommissare Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) beginnen im Tatort: Die Faust zu ermitteln, doch nicht einmal die Identität der Opfer scheint zunächst klar zu sein. Als dem Täter dann eine Verwechslung unterläuft, stoßen die Ermittler auf eine Spur, die sie staunen lässt. Handelt es sich beim Killer um ein staatlich sanktioniertes Tötungskommando?

1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: Über die Zumutungen von Wohnungsbesichtigungen und Mietpreisen in Städten wie Hamburg, München und natürlich Wien. In der Anfangsszene dieses Wien-Tatorts werden junge Menschen durch eine Bruchbude geführt, 55 Quadratmeter, 600 Euro kalt. Im ersten zu besichtigenden Zimmer hängt dann eine in Jesus-Pose arrangierte Leiche. Da freut sich der Wohnungssuchende: Eine Leiche ist ein guter Grund, ein bisschen bei der Kaltmiete runterzugehen.

Lars-Christian Daniels: Über tätowierte Serben, gärtnernde Georgier und verwechselte Ukrainerinnen – und über einen Mann im weißen Overall, der in diesem Tatort keine Gefangenen macht.

Matthias Dell: Über die CIA. Und die Russen. Und diesen Tatort.

Kirstin Lopau: Endlich, sagen wir aufatmend, endlich war das mal wieder ein richtiger Krimi, der von vorne bis hinten spannend war und dessen Auflösung sich sehen lassen kann.

2. Was haben Sie aus diesem "Tatort" gelernt?

Christian Buß: "Es gibt Vorschriften. Bei Mord gehen wir da doch nicht ungeschützt selbst rein." Ein junger energischer Polizeiaufsteiger erklärt den Oldschool-Ermittlern Eisner und Fellner, wie man einen Mordverdächtigen in seiner Wohnung aufsucht. Natürlich mit Spezialeinsatzkommando! Haben die Oldie-Ermittler und die Zuschauer wieder was gelernt.

Lars-Christian Daniels: Wenn Moritz Eisner fröhlich ist, dann sieht er genauso aus, wie wenn er nicht fröhlich ist.

Matthias Dell: Dass diese schicken weißen Spusi-Anzüge günstig für jedermann zu haben sind.

Kirstin Lopau: Wir sehen, wie man erfolgreich Phrasen-Bingo spielt. Wir sind erschrocken darüber, dass einer Gruppe von Menschen, die eine Leiche findet, als Erstes einfällt, das Handy zu zücken, um sie zu fotografieren. Außerdem lernen wir von Bibi fürs Leben. Sie erklärt uns, was es für Kriterien für eine erfolgreiche Polizeikarriere gibt (und mit Sicherheit nicht nur dort): "Ka Ahnung, kane Skrupel, kane Titten". Vor allem aber haben wir gelernt, dass der gute alte Sonntagabend-Krimi doch nicht tot ist. Er lebe hoch!

3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: Was hat jetzt noch mal die CIA genau mit dem Fall zu tun? Die geopolitischen Zusammenhänge sind hier doch sehr auf die Spitze getrieben.

Lars-Christian Daniels: Hätte die Geschichte nicht auch zwei Nummern kleiner funktioniert?

Matthias Dell: Wann wird der Steinwendtner irgendwas?

Kirstin Lopau: Was wird aus dem Baby in der Babyklappe?

4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Der Polizeiaufsteiger hätte gerne noch ein bisschen böser spielen dürfen. Die Grummelcops Eisner und Fellner brauchen extrem starke Gegenspieler.

Lars-Christian Daniels: Vielleicht hätte man überhaupt mal ein paar Rollen schaffen sollen, um sie dann ansprechend besetzen zu können. Verdächtige sind in diesem Krimi nämlich Mangelware – und so wird die Suche nach der Auflösung selbst für Tatort-Neulinge zum Kinderspiel.

Matthias Dell: Keine.

Kirstin Lopau: Keine. Bibi und Moritz sind wie immer traumhaft. Besonderes Augenmerk sollten Sie auf die Profilerin im Ruhestand werfen, sie ist einfach köstlich!

5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Von einer Wohnungsbesichtigung. Toter Jesus inklusive.

Lars-Christian Daniels: Vom netten Jump-Scare im Parkhaus, bei dem wir dem Serientäter ohne Vorwarnung erstmalig ins maskierte Gesicht blicken. Oder von dessen drittem Mord, den wir in Ego-Shooter-Perspektive hautnah miterleben dürfen.

Matthias Dell: Von dem Suspense bei Eisners Bullshit-Bingo zu Beginn: dem Warten auf das letzte, hoffentlich richtige Wort.

Kirstin Lopau: Vom Gespräch von Bibi mit ihrem Vorgesetzten zum Thema Bewerbung. Es gibt vielleicht doch noch Hoffnung für uns Frauen, zumindest beim Wiener BKA.

6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser "Tatort"?

Christian Buß:  3 Schlafmützen 😴😴😴

Lars-Christian Daniels:  5 Schlafmützen 😴😴😴😴😴

Matthias Dell:  1 Schlafmütze 😴

Kirstin Lopau:  2 Schlafmützen 😴😴

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