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Mett Happy Mettwoch!

Zarte Hühnchenfilets, feine Putenstreifen: Frauen essen oft nur hübsches Fleisch. Warum greifen sie nicht einfach mal beherzt zum Mettbrötchen? Von

Mett ist für mich eine Portion Heimat, die ich großzügig auf meinem Brötchen verteile. Als Kind im Ruhrpott gehörte Fleisch zum Alltag. Beim Metzger gab es zu den 500 Gramm Mett eine Scheibe Kinderwurst auf die Hand. Durfte ich mir von meinem Papa etwas zu essen wünschen, war das Schweinefilet. Und zum Abendessen gab es Brote mit Mett, Leber- oder Fleischwurst. Dazu gehörten auch die Prügeleien um das letzte Mettbrot zwischen mir und meinen eigentlich schon erwachsenen Schwestern. Was es nicht gab, war ein schlechtes Gewissen. Kein Sportprogramm bei YouTube, mit dem ich versuchte, den Fettanteil wieder abzutrainieren. Keine Scheu, weil das Fleisch roh war.

Ich weiß nicht, wann genau es anfängt, dass Mädchen so viel darüber nachdenken, was sie essen. Vielleicht passiert es in der Pubertät, dass Essen plötzlich zu Ernährung wird? Vielleicht passiert es, weil Essen nicht mehr nur schmecken muss, sondern hauptsächlich gut genug aussehen soll, um alle Social-Media-Profile damit zu füttern? Irgendwann hat sich ein Stereotyp der sich bewusst ernährenden Frau durch Werbung, Frauenmagazine oder Instagram etabliert und damit auch die Ansprüche daran, was auf dem Teller landet. 

"Ihr mögt Bacon? Das essen doch nur Männer!", sagte eine Freundin kürzlich beim Abendessen in einer Frauenrunde, die sich um einen Raclette-Grill versammelt hatte. "Mögt ihr etwa auch Mett?!? Also ich esse nur hübsches Fleisch!"

Auch wenn Frauen nur halb so viel Fleisch essen wie Männer, sind sie scheinbar doppelt so anspruchsvoll. Hübsches Fleisch? Zartes Hühnchen in mundgerechte Happen geschnitten, Putenbrust in dünnen Scheiben, vielleicht ein Spießchen, so liegt das Fleisch zwischen verschiedenem Gemüse, das ist hübsch. Rohes Fleisch, das aussieht, als würden sich kleine Würmchen ineinander winden, dazu Zwiebelringe und grobkörniger Pfeffer, also ein Eins-A-Mettbrötchen? Nein danke, sagen die meisten Frauen. Frauen, die eigentlich gerne Fleisch essen.

Wurstragout in der Kantine? Yes!

Die meisten Männer scheinen da entspannter zu sein. Wenn sie Bock auf Fleisch haben, dann essen sie Fleisch. Döner beim Date, wieso nicht? Wurstragout in der Kantine? Yes! Mettbrötchen zum Frühstück? Mhmmm. Egal wie es aussieht, Hauptsache, es schmeckt. Warum sollte eine Frau nicht auch selbstbewusst und voller Leidenschaft ein Steak bearbeiten? Und ohne Selbstzweifel mehr Metthälften als der Rest am Tisch verdrücken. Mit Zwiebeln. In der Öffentlichkeit. Und mit der Gefahr, dass danach ein paar Reste noch zwischen den Zähnen hängen. Das kann bei Spinat auch passieren. Und das fällt viel mehr auf.

Vielleicht ist der kulinarische Zwang zur Schönheit auf dem Teller ja etwas Hausgemachtes, eine Vorstellung, die einige Frauen von sich selbst haben? Ein Freund hat sich gerade frisch verliebt und schwärmt von der neuen Frau unter anderem deswegen, weil sie Fleischsalat zum Frühstück mitgebracht hat: "Wie cool, ihr ist das voll egal!"

Nehmen wir uns doch ein Beispiel an dieser Frau. Dann darf sich der Mettigel wieder völlig scham- und ironiefrei auf Brötchen und Brote legen, und im besten Fall greifen selbst Frauen herzhaft zu. Ein bisschen hat sich das schon seit unserer letzten Raclette-Runde geändert. "Später Mett?", schreibt eine Freundin – eine Nachricht, die ich mir gerne einrahmen würde. 

Mett könnte echt wieder cool werden. Carolin Kebekus hat kürzlich in einer Wanne voller Mett gebadet. Und auch im Adidas-Flagship-Store in Berlin-Mitte hat man den wartenden Sammlern der limitierten BVG-Sneaker Mettbrote serviert. Vielleicht eröffnet ja bald noch ein Mett-Pop-up-Store: "Meat me at the Mettstore". Und wenn das erste Mettbrötchen mit dem Hashtag #MettToo von einer Frau auf Instagram erscheint, dann kann sich das schöne Fleisch gehackt legen.

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