© Angelika Platen/bpk

Stefan Moses Mein großzügiger Menschenfreund

Stefan Moses war ein besonderer Fotograf: Er hat den Menschen vor seiner Kamera Mut gemacht und ihnen in seinen Fotos nichts abverlangt, sondern mitgegeben. Ein Nachruf. Von

Stefan Moses habe ich 1991 kennengelernt, zuerst seine Bilder, später den wunderbaren Menschen und Fotografen. Abschied und Anfang / Ostdeutsche Porträts hieß die Ausstellung im Berliner Museum für Deutsche Geschichte. Das war mein Thema, da glaubte ich mich auszukennen. Nur: So, wie er meine Landsleute gezeigt hat, so hatte ich sie nie vorher gesehen, so fröhlich und so offen. 

Das gab es in der DDR-Fotografie nicht – nur in der Propaganda der Deutschen Demokratischen Republik, von der sich alle anspruchsvollen Fotografen abwandten. Auf den Bildern vieler solcher DDR-Fotografen sind die Protagonisten meist verschlossen und vergrübelt, zu lachen gab es ja nicht viel. Auf den Fotografien von Stefan Moses war der Anfang der Nachwendezeit noch nicht sichtbar, aber der Menschenfreund Moses hat den Ostdeutschen einen Neuanfang zugetraut. Er hat ihnen mit seinen Bildern regelrecht Mut gemacht, diesen Anfang zu wagen.

Stefan Moses' Stärke waren zweifellos die Porträts seiner Mitmenschen, sein erster wichtiger Auftraggeber war das Magazin Stern. Im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Fotografen seiner Generation war er nicht so wild aufs Reisen. Er war im besten Sinne des Wortes ein Heimatfotograf. Stefan Moses wurde 1928 in Liegnitz (Niederschlesien) geboren, machte seine Ausbildung zum Fotografen in Breslau und München wurde schließlich zu seiner Heimatstadt. Seit 1950 lebte er dort und war fest verwurzelt. Das Münchner Stadtmuseum beherbergt seine wichtigsten Bilder und machte sie immer wieder in Ausstellungen zugänglich. Moses hatte die wichtigsten Figuren seiner Zeit vor der Kamera: Thomas Mann, Erich Kästner, Ilse Aichinger, Theodor W. Adorno, Otto Dix oder Max Frisch.

"Ich habe einen Traum": Hildegard Hamm-Brücher, fotografiert von Stefan Moses für das ZEITmagazin © Stefan Moses

Ich habe oft mit Stefan Moses am Telefon gesprochen und ihn später auch getroffen, in seinem Haus in Schwabing. Er hat mich immer "Lieber Herr Direktor" genannt, das war seine Bezeichnung für Art Director. Seine Körpergröße, er war gebaut wie ein großer Bär, stand im Widerspruch zu seiner etwas hohen Stimme. Er konnte am Telefon regelrecht flöten.

Stefan Moses war ein großzügiger Mensch, man wurde von ihm immer reich beschenkt. Bei einem meiner Besuche kam ich mit vielen mechanischen Spieluhren zurück. Darauf drehte sich eine Ballerina kunstvoll, dazu erklang eine Melodie, so zart wie seine Stimme.

"Ich habe einen Traum": Max Schmeling, fotografiert von Stefan Moses für das ZEITmagazin © Stefan Moses

Für mich waren diese Begegnungen mit ihm immer eine Offenbarung. Wir redeten nie über Technik und Kameras. Obwohl er ein exzellenter Dunkelkammer-Experte und die Schwarz-Weiß-Fotografie seine Domäne war. Doch wichtiger waren ihm die Menschen, die einfachen Leute, aber auch die ganz besonderen Begegnungen mit Künstlern. Für das ZEITmagazin sind zwei wunderbare Bilder von Hildegard Hamm-Brücher und Max Schmeling für die Kolumne "Ich habe einen Traum" entstanden.

Moses hat schon sehr früh konzeptuell gearbeitet, lange bevor der Begriff Mode wurde. Es gibt die Serien "Deutsche im Wald" und "Selbstporträts im Spiegel" – allen Bildern gemein ist eine Idee, die genauso wichtig wie die Ausführung des Bildes ist.

Fotografen verlangen ihren Protagonisten oft etwas ab, entlocken ihnen etwas – ganz anders war es bei Stefan Moses. Er fügte den Menschen vor seiner Kamera etwas hinzu. Diese Zugewandtheit war seine Stärke und unterschied ihn von vielen Kollegen.

Die Anrede "Lieber Herr Direktor" werde ich nie wieder hören, das macht mich traurig. Ein Glück für uns, dass wir diesen großen wunderbaren Schatz haben, seine Bilder.  



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