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Esoterik Und, wie fühlst du dich dabei?

Man übt sich in Herzensgüte und macht sich dabei zu einem quengelnden Kind. Achtsamkeit klingt zwar wenig ichbezogen, aber Esoterik hilft oft nur dem eigenen Egoismus. Von

Möge ich frei von Ärger und Krankheiten sein. Möge es mir gutgehen. Möge ich glücklich sein. So fängt man an mit der Metta-Meditation, einer der populärsten und ältesten Formen buddhistischer Meditation: Man übt, sich selbst etwas Gutes zu wünschen und landet dann bald schon bei: Erst denkst du mal an dich und dann an die anderen.

Schön, solche Streicheleinheiten für das Ego. Danach fühlt man sich wie in Kaschmir gewickelt, und genau das erwarten sich viele Menschen heutzutage ja: Dass sie, geschützt vor den Unbilden der Welt, ganz bei sich sein können. Horcht man aber beständig in sich hinein, vernimmt man immer irgendeinen Ton, und manchmal sogar einen Misston, denn schließlich will die Welt ja immer gerade irgendetwas und lässt einen nicht zur Ruhe kommen. Wer sich in die Spiritualität hineinbegibt, den erwartet permanentes Summen. Nicht das Gebrummsel frühlingsberauschter Bienen, nein, eher so etwas wie von einem Tinnitus: Ich kann mir selbst etwas Gutes tun, ich will mir selbst etwas Gutes tun, ich muss mir selbst etwas Gutes tun …

Und weil das Gute nie gut genug ist, wird auch dieses Geräusch nicht so schnell verstummen. So kann das Ganze leicht zu einem Egotrip in der Esoterik werden. Ego statt Eso: Man übt sich in Herzensgüte und macht sich dabei schnell zu einem quengelnden Kind, das das eigene Wohlbefinden über sehr viele andere Belange stellt. Zur Kaschierung spricht man dann von Achtsamkeit, weil das weniger ichbezogen klingt.

Diese Haltung kann man, als einfachstes Beispiel, regelmäßig in der Schlange im Biosupermarkt besichtigen: Wenn die Kundin oder der Kunde vor einem völlig selbstvergessen die Einkäufe beäugt und erst sehr spät von dem Gedanken durchströmt wird, dass sie oder er ja auch zahlen muss. Eventuell hält das Suchen nach dem Portemonnaie und das Kramen nach Kleingeld den Rest der Kundschaft ziemlich auf, aber das ficht die Auszubildenden im Fach der Bedächtigkeit nicht an – schließlich entspricht das Herumkramen genau ihren momentanen Bedürfnissen. Wer in dieser Situation zugibt, dass ihn das nervt, der wird sehr sicher mit der esoterischen Standard-Wohlfühlfrage konfrontiert werden: Und, wie fühlst du dich dabei? Die Frage soll Angenommen-Sein und Verstanden-Werden ausdrücken, ist aber zugleich eine wirksame Blockadetechnik. Sie lässt jede Kritik ins Leere laufen.

Der aus dem Altgriechischen abgeleitete Begriff Esoterik bedeutet "dem inneren Kreis zugehörig" und beschreibt damit, dass eine philosophische Lehre nur einem begrenzten Personenkreis zugänglich ist. Die anderen versuchen es einfach fleißig weiter mit Seminaren, Büchern, Retreats und Workshops: Eike Wenzel, Gründer des Instituts für Trend- und Zukunftsforschung, schätzt den Gesamtumsatz in der Esoterikbranche in Deutschland auf bis zu 20 Milliarden Euro, das ist das Vierfache der Fitnessbranche. Für die Hoffnung, zu den happy few, den geistig mit sich im Reinen Menschen, zu gehören, ist nichts teuer genug.

Für manche ist das Universum eine Art spirituelles Amazon Prime, das jetzt mal hurtig einen schönen Abend liefern soll. Man sollte doch annehmen, dass das Universum Besseres zu tun hat.

Innerlich wachsen nennt man das, auch wenn damit eigentlich immer erst mal finanzielle Aufwendungen verbunden sind. Fühlt man sich gerade ein wenig unruhig oder müde, wenn man von der Arbeit nach Hause kommt? Dann wäre eine Neuausrichtung der Wohnung nach Feng-Shui-Maximen gewiss das Richtige, um spitze Ecken und unelegant zusammenstoßende Energien zu vermeiden. In China bauen sie Häuser mit einem Loch in der Mitte, damit – dem Glauben nach – die von den Bergen kommenden Drachen nicht am freien Flug zum Wasser gehindert werden. Aber auch kleinere häusliche Unpässlichkeiten lassen sich mit diesen ästhetisch ja sehr ansehnlichen Prinzipien sicher vermeiden.

Wenn man mal dabei ist, dann gibt es kein Halten mehr: Der Sorge, das Leitungswasser sei dem empfindsamen Leib nicht wertvoll genug, begegnet man, indem man Edelsteine wie Amethyst, Rosenquarz oder Bergkristall zur Vitalisierung hineingibt. Das wird empfohlen mit dem Hinweis, so könne man die sieben Chakren stabilisieren, jene Energiezentren, die in der hinduistischen Lehre den physischen mit dem feinstofflichen Körper verbinden sollen. Ähnlich verhält es sich mit Reiki, das durch Handauflegen an verschiedenen Stellen des Körpers die "universale Energie" strömen lassen und spürbar machen soll. Man kann sich auch einen mit positiven Losungen aufgeladenen Spiegel kaufen. Oder sich gegenseitig die Aura abtasten, indem man an den Körperseiten des Anderen entlang eine Geste vollzieht, mit der Männer vor der #MeToo-Debatte die Silhouette einer kurvigen Frau anzudeuten pflegten.

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