Video: Karl Lagerfeld

"Ich bin nicht intellektuell, nur ziemlich kultiviert"

12. Mai 2014 — Von Tillmann Prüfer

Er gibt Nietzsche-Bände heraus und lernt von seiner Katze. Im Interview spricht Karl Lagerfeld über schöne Hände und ewige Jugend.

ZEITmagazin ONLINE: Herr Lagerfeld, an was arbeiten Sie gerade?

Karl Lagerfeld: Unter anderem veröffentliche ich demnächst zwölf Bände Manuskripte von Friedrich Nietzsche bei Steidl. Tolles Zeug: Texte mit handschriftlichen Bemerkungen, teilweise mit neuen Texten, die noch niemand gelesen hat.

ZEITmagazin ONLINE: Zwölf Bände? Haben Sie die alle so nebenbei gelesen?

Lagerfeld: Natürlich! Ich schreib doch meinen Namen nicht auf Dinge, die ich nicht selbst gelesen habe.

ZEITmagazin ONLINE: Und wie stehen Sie zu Nietzsche?

Lagerfeld: Ich bin ja offiziell Modemensch, ich muss zu solchen Themen keinen Standpunkt haben.

ZEITmagazin ONLINE: Haben Sie aber doch!

Lagerfeld: Ja, aber meine Meinung ist nur zum Privatgebrauch. Ich hasse nichts mehr als Designer, die auf intellektuell machen. Ich bin nicht intellektuell, nur ziemlich kultiviert. Und die anderen in der Modewelt lesen sowieso nicht.

ZEITmagazin ONLINE: Sie müssen müde sein, es ist schon spät am Abend, Sie haben den ganzen Tag gearbeitet.

Lagerfeld: Ach, Müdigkeit ist doch etwas, das man sich selbst vormacht. Ich schlafe gut.

ZEITmagazin ONLINE: Sind Sie heute mit sich zufrieden? Sie pflegen ja zu sagen, Sie seien nie mit sich zufrieden.

Lagerfeld: Selbstgefälligkeit ist die schlimmste Bremse im Leben, die einem passieren kann.

ZEITmagazin ONLINE: Mit Ihrem Äußeren – sind Sie damit zufrieden?

Lagerfeld: Da gab es Zeiten, als ich nicht mit mir zufrieden war, aber heute bin ich derart stilisiert – das steht überhaupt nicht mehr zur Diskussion. So ist es, so bleibt es.

ZEITmagazin ONLINE: Sie altern ja tatsächlich auch nicht mehr ...

Ich habe nie Alkohol getrunken und nie geraucht. Karl Lagerfeld

Lagerfeld: Wie meinen Sie das?

ZEITmagazin ONLINE: Sie sehen seit 30 Jahren so aus wie Sie heute aussehen ...

Lagerfeld: Das ist eine Energiefrage. Man braucht Enthusiasmus für das, was man macht. Und eine gute Umgebung von Leuten, die nicht über Krankheit und über das Altern sprechen. Ich kenne niemanden aus meiner Generation. Ich finde diese Leute entsetzlich. Selbst Jüngere sprechen nun schon von Kreislaufproblemen. Ich pflege eine freiwillige Selbstdisziplin, die ich schon nicht mehr Selbstdisziplin nennen kann, weil ich keinen anderen Weg sehe, mich zu benehmen. Und ich lebe gesund. Ich habe nie Alkohol getrunken und nie geraucht oder Drogen genommen. So ein Tugendpinsel wie ich muss eigentlich furchtbar langweilig sein. Aber ich hoffe, ich schaffe das zu überpudern.

ZEITmagazin ONLINE: Sie haben nie Alkohol getrunken?

Lagerfeld: Ich schlafe sofort ein. Ich war nie betrunken, weil ich immer vorher eingeschlafen bin. Außerdem hasse ich Rausch. Er bringt einen aus dem eiskalten Beobachterstandort heraus. Und rauchen, das habe ich versucht anzufangen als ich 15 war, weil ich erwachsen sein wollte. Mein Vater hat ja geraucht wie ein Fabrikschlot. Meine Mutter sagte aber: Du solltest besser nicht rauchen. Deine Hände sind nicht so toll, das sieht man noch mehr, wenn du rauchst.

ZEITmagazin ONLINE: Das klingt aber nicht sehr nett ...

Lagerfeld: Ach, es kommt ja auch immer darauf an, wie man etwas sagt. Außerdem war ich ja auch größenwahnsinnig als Junge, da tat mir das ganz gut. Ich wurde zu Hause nie eingeschränkt, ich konnte machen, was ich wollte und wurde in keiner Weise unter Druck gesetzt. Ich wünsche jedem Kind solche Eltern, wie ich sie hatte. Sie waren in bestimmter Weise abwesend – aber gleichzeitig der beste Fallschirm, den man haben konnte.

ZEITmagazin ONLINE: Heute wäre Ihre Mutter stolz auf Ihre Hände. Sie sind makellos. Wegen der Handschuhe?

Lagerfeld: Ja, das ist der beste Weg, schöne Hände zu behalten. Keine Altersmale – nichts. Bei Leuten, die viel in die Sonne gehen, ist das ja eine Fleckenlandschaft. Ich komme mir ohne Handschuhe auch tatsächlich nackt vor. Neulich habe ich ein Foto gemacht von mir, ohne Handschuhe. Da hat meine Fotoassistentin gesagt, das sähe obszön aus.

ZEITmagazin ONLINE: Cremen Sie?

Lagerfeld: Nur eine gute Creme für die Nacht und eine für den Tag.

ZEITmagazin ONLINE: Soll man sich für das eigene Altern überhaupt interessieren?

Lagerfeld: Man muss sich für alles interessieren – aber man darf nie nur in eine Richtung gehen, man muss sich alle Türen offen halten. Man darf seine Neugierde nicht verlieren, sonst geht die Energie weg. Und ein Fußtritt in den Po ist das gesündeste, was man kriegen kann.

ZEITmagazin ONLINE: Haben Sie einen Tipp gegen das Altern?

Lagerfeld: Nichts macht älter, als wenn man versucht jung auszusehen. Man kann allen etwas vormachen. Nur den jungen Leuten nicht. Am schlimmsten sind diese Lippen-Operationen. Es gibt Leute, die das machen, die erkenne ich nicht wieder. Sie sehen aus, als wären die bei einem Autounfall durch die Scheibe gegangen und schlecht wieder zusammengenäht worden. Meinen Sie, ich sollte auch mal etwas an mir machen lassen?

ZEITmagazin ONLINE: Überhaupt nicht!

Lagerfeld: Tue ich auch nicht! Grauenhafte Vorstellung, dass man nachher nicht mehr sein Gesicht bewegen kann!

Karl Lagerfeld bei einer Fendi-Präsentation in Mailand, 2012 © Luca Bruno/dpa

ZEITmagazin ONLINE: Stimmt es, dass Sie sich schon als Junge sehr stilvoll gekleidet haben?

Lagerfeld: Man kann ja nicht in der Mode leben, wenn man selber Kleidung nicht mag. Ich wollte schon als Kind jeden Tag nach dem Mittagsschlaf etwas anderes anziehen.

ZEITmagazin ONLINE: Dann haben Sie tatsächlich immer Anzug und Krawatte getragen, während die anderen Jungs in der Klasse kurze Hosen angehabt haben?

Lagerfeld: Kurze Hosen fand ich schon immer erniedrigend – das ist etwas für dumme Jungs. Ich spielte nicht mit anderen Kindern, ich fand Kinder grauenhaft. Das Einzige, was ich gemacht habe, war lesen und Sprachen lernen und zeichnen. Als Kind hatte ich nur einen Wunsch: erwachsen zu sein – und Ernst genommen zu werden. Heute lege ich da keinen Wert mehr drauf.

ZEITmagazin ONLINE: Und wie waren die anderen Jungs zu Ihnen?

Lagerfeld: Die wussten, dass ich ein bisschen anders bin, aber ich hatte keine Probleme mit Ihnen. Ich war unerträglich altklug. Ich habe neulich in einem Artikel gelesen, dass ehemalige Mitschüler meinen, ich sei damals distanziert gewesen. Kam mir gar nicht so vor.

ZEITmagazin ONLINE: Warum reden Sie oft von Ihrer Mutter – aber fast nie von Ihrem Vater?

Lagerfeld: Der war eben nicht so amüsant. Mein Vater war im Grunde viel netter. Er sagte: Wenn du etwas brauchst, frag mich einfach. Aber nicht vor deiner Mutter.

ZEITmagazin ONLINE: Er war als Konservenmilchfabrikant ein Entrepreneur, er hat Geschäfte in den USA gemacht ...

Garderobe war für meinen Vater immer eine gute Anlage. Karl Lagerfeld

Lagerfeld: Ja, ja schon – aber das war nichts, was mich interessiert hätte.

ZEITmagazin ONLINE: Hat Ihr Vater als Stilvorbild eine Rolle gespielt?

Lagerfeld: Mein Vater hat sehr viel Wert auf Kleidung gelegt. Er hat gesagt, wenn du gut angezogen bist, ist die Hälfte des Jobs schon getan. Und er hat mir bei seinem Schneider Anzüge machen lassen, da war ich kaum 16. Er hasste verschwendetes Geld. Aber Garderobe war für ihn immer eine gute Anlage.

ZEITmagazin ONLINE: Er hat also ihr Stilbewusstsein gefördert.

Lagerfeld: Ja, mein Vater war gepflegt und raffiniert. Und meine Eltern hatten so viel Garderobe, dass sie damit locker durch den Krieg kamen.

ZEITmagazin ONLINE: Sind Sie Ihrem Vater ähnlich?

Lagerfeld: Äußerlich nicht. Innerlich schon. Aber das wird kaschiert.

ZEITmagazin ONLINE: Was kaschieren Sie denn?

Lagerfeld: Mein Vater war sehr seriös. Und ich bin auch sehr seriös – ich will aber nicht seriös wirken.

ZEITmagazin ONLINE: Wie kaufen Sie eigentlich selbst ein?

Lagerfeld: Na ja, ich mache viel Geld mit Mode, dann muss ich auch viel Geld ausgeben. Meine Jacke zum Beispiel ist von Givenchy.

ZEITmagazin ONLINE: Wie wählen Sie aus?

Lagerfeld: Wissen Sie, ich bin so oberflächlich, ich will immer das, was gerade neu ist. Ich bin verschwenderisch und andere profitieren. Ich mag nicht auf Geld sitzen. Es soll zirkulieren. Früher habe ich maßschneidern lassen, aber das mache ich nicht mehr. Ich hasse es, wenn fremde Leute an mir herumfummeln. Ich habe aber auch Glück, mit meiner Figur passe ich überall hinein.

ZEITmagazin ONLINE: Was tragen Sie gerne?

Lagerfeld: Dior Homme, Raf Simons, Givenchy – das sind meine Hauptsachen. Und dann Saccai. Tolle Sachen. Und ich ziehe natürlich auch meine eigenen Sachen an. Mäntel, Jacken, Jeans von Lagerfeld. Ich lebe nur in Lagerfeld-Jeans. Habe 30 Paar. Im Anzug komme ich mir oft vor wie ein Beamter.

ZEITmagazin ONLINE: Lassen Sie alles zu sich kommen oder gehen Sie in die Läden?

Lagerfeld: Ich lasse viel schicken. Ich gehe aber auch zu Givenchy und Dior in die Läden – und ich gehe gern zu Colette. Das liebe ich. Es ist oft so, dass ich die Sachen einmal anziehe und dann verschenke. Und ich kaufe auch viel für andere ein.

ZEITmagazin ONLINE: Es gibt von Chanel keine Männerkollektion ...

Lagerfeld: Ich mache ein paar Modelle, die ziehe ich aber selber nicht an. Ich komme mir darin vor, als wäre ich meine Mutter ...

Letzte Handgriffe vor der Präsentation der Chanel-Sommerkollektion 2014 © Benoit Peverelli/Chanel

ZEITmagazin ONLINE: Hat es Sie nie interessiert, Männermode für Chanel zu machen?

Lagerfeld: Coco Chanel hatte sich selbst immer so für Männersachen interessiert, dass es nie nötig war, welche zu entwerfen. Und wissen Sie, ich mache schon so viel Kollektionen, da muss ich nicht noch mehr machen. Ich habe einen Vertrag für vier und ich mache acht. Ich bin mir auch nicht sicher, ob es mich interessiert. Bei Castings von Männermodels falle ich vor Langeweile tot um. Die sehen trostlos aus, man hat das Gefühl, der Sonnenstrahl eines Lustgreises hat sie für 15 Minuten ins Scheinwerferlicht getragen. Es gibt wenige Ausnahmen wie Brad Kroenig oder Baptiste Giabiconi.

ZEITmagazin ONLINE: Aber in Ihren eigenen Lagerfeld-Läden gibt es doch Männermode.

Lagerfeld: Das ist aber eben nicht Chanel. Das ist das, was ich selbst gerne anziehe. Da hat es eine Realität, bei Chanel hätte es keine. Bei Männermode habe ich eher Kundenmentalität.

ZEITmagazin ONLINE: Sprechen wir über Männer und ihre Kleidung. Klaus Wowereit ...

Lagerfeld: ...kenne ich, frecher Junge, aber nett ...

ZEITmagazin ONLINE: ...ist vor einiger Zeit auf der SPD-Klausurtagung im beigen Schluffi-Pullover erschienen.

Lagerfeld: Da wollte er wohl betont einen auf links machen. Normalerweise ist er ganz gut angezogen. Herr Westerwelle ist besser angezogen. Bei Wowereit kann es eine Art Jugendfieber sein. Man meint, wenn man schlampig ist, wirkt man jung. Aber das ist ein Fehler.

ZEITmagazin ONLINE: Fällt Ihnen ein Mann, der gut angezogen ist?

Lagerfeld: Kommt immer auf die Umstände an, der Fiat-Erbe Lapo Elkann ist gut angezogen. Der trägt Farbe und sieht trotzdem gut aus. Tom Ford sieht in seinen klassischen Anzügen auch gut aus. Aber ich möchte nicht so angezogen sein.

ZEITmagazin ONLINE: Und wie gefällt Ihnen Hollande?

Lagerfeld: Ach, haben Sie keine andere Frage?

ZEITmagazin ONLINE: Sigmar Gabriel?

Lagerfeld: Da finde ich Merkels Ehemann besser. Ich kann dazu nichts sagen, ich möchte ja nicht bösartig sein.

ZEITmagazin ONLINE: Aber Westerwelle ist schick?

Lagerfeld: Für seine Rolle, ja. Ich finde auch Joachim Gauck, den Präsidenten, toll. Aber ich weiß eigentlich gar nicht, wie er angezogen ist.

ZEITmagazin ONLINE: Sie leben jetzt ja schon eine ganze Zeit mit ihrer Katze Choupette zusammen. Haben Sie etwas von ihr gelernt?

Karl Lagerfeld

Die Angaben zum Alter des Modedesigners variieren, nach eigener Aussage wurde er 1935 in Hamburg geboren. Karl Lagerfeld besucht das Gymnasium in Paris und wurde mit Anfang 20 Assistent von Pierre Balmain. Später entwarf er für Jean Patou und Chloé. Seit 1972 verantwortet Lagerfeld die Frauenkollektion von Fendi, seit 1983 ist er Chefdesigner von Chanel. Zudem tragen die Marken Lagerfeld Jeans und Karl seinen Namen. Er selbst hat 400.000 Follower bei Twitter – seine Katze Choupette immerhin knapp 37.000.

Lagerfeld: Vielleicht hätte ich mehr von ihr lernen können – zum Beispiel, wie man manchmal den Mund hält. Sie hat eine gewisse Serenität, die toll ist. Sie hat das Gefühl, ihr kann nichts passieren. Es geht immer Zufriedenheit von ihr aus. Das bewundere ich.

ZEITmagazin ONLINE: Sie sind der letzte Designer, der alles darf und dem von seinem Arbeitgeber keine Grenzen gesetzt werden. Bei anderen Marken werden die Kreativen stark eingegrenzt. Warum?

Lagerfeld: Die anderen sind schwierig, ich bin nicht schwierig. Meine Art, nett zu sein, grenzt schon an Gleichgültigkeit.

ZEITmagazin ONLINE: Glauben Sie, eine Figur wie Sie könnte es heute noch einmal geben?

Lagerfeld: Das ist mir völlig gleichgültig. Lilian Harvey sang in Der Kongress tanzt: "Das gibt's nur einmal, das kommt nicht wieder ..." Ha-ha-ha. Es wird andere geben.