© Tom Hines

Vanessa Friedman "Die mächtigste Modefrau? Sagen Sie das nicht!"

Noch ein Personalwechsel bei der "New York Times": Die Modekritikerin Vanessa Friedman richtet nun über Stil und Trends. ZEITmagazin ONLINE war zu Besuch in Brooklyn. Von

Das Imperium ist erschüttert. Bis vor Kurzem teilte sich ein weibliches Trio die Deutungsmacht in der Modewelt: Anna Wintour, 64, die Chefredakteurin der amerikanischen Vogue. Suzy Menkes, 70, die Modekritikerin der International Herald Tribune. Und Cathy Horyn, 57, die langjährige Chefkritikerin der New York Times. Visionär oder Nachläufer, Novum oder Retro, kunstvoll oder banal – diese drei Frauen richteten vom Rand der Laufstege über Design und Designer.

Doch im Oktober 2013 entschied die New York Times Company, seine beiden Zeitungen New York Times und International Herald Tribune zur International New York Times zu vereinen. Darüber war vor allem Suzy Menkes nicht erfreut und flüchtete im März auf einen Alterssitz als Online-Kritikerin zur International Vogue. Schon im Januar hatte sich Cathy Horyn ins Privatleben zurückgezogen. Und plötzlich stand die New York Times ohne Modechefin da. 

Nur wenige kamen infrage, diese Aufgabe zu übernehmen. Vanessa Friedman von der amerikanischen Financial Times soll nun die Urteilskraft von Menkes und Horyn vereinen. Es sind aufregende Wochen im Medienhaus: Die Zeitung hat gerade ihre Chefredakteurin ausgewechselt. Vanessa Friedman hingegen hat noch ein paar ruhige Tage. Sie bezieht erst Ende Mai ihr neues Büro. Dann soll sie den Modejournalismus der New York Times als Chefkritikerin nach ihrem Stil prägen.

Friedman, Mitte 40, nennt die Dinge beim Namen und macht kein großes Getöse um ihre Person. Zu Hause in Brooklyn sollten wir sie bitte treffen, das sei praktisch. Sie öffnet die Tür ihres Stadthauses im wohlhabenden Park Slope und führt den Besuch durch Wohnzimmer und Küche auf die kleine Veranda. Vorbei an Einrichtungsklassikern wie Arne Jacobsens Eierstuhl, Wahrhols Marilyn, einem Kontrabass und zwei Katzenfressnäpfchen. Sympathische Unordnung. Im Vorübergehen streichelt sie der Haushälterin den Rücken und klemmt sich eine Flasche Mineralwasser unter den Arm.

ZEITmagazin ONLINE: Mrs. Friedman, was liegt hinter Ihnen?

Vanessa Friedman: Ich hinterlasse eine großartige Mannschaft, die in den vergangenen Jahren sehr gewachsen ist. Die Financial Times fühlt sich nun auch verantwortlich für Mode- und Luxusthemen. Als ich dort vor elf Jahren anfing und ich mich den Redaktionskollegen vorstellte, haben mich einige laut ausgelacht: "Oh, ich wusste gar nicht, dass die Financial Times auch Mode macht!"

ZEITmagazin ONLINE: Wie haben Sie die Wirtschaftsreporter überzeugt?

Friedman: Mode ist ein tolles Thema, so ergiebig und von wachsender Bedeutung. Sie spielt eine wichtige Rolle in der Popkultur und der Markenbildung, die entscheidend geworden ist für jede Person des öffentlichen Lebens. Wenn Sie über die Kleidung von Lloyd Blankfein, den Chef von Goldman Sachs, schreiben, werden Ihre Artikel auch von Leuten bei Goldman Sachs gelesen.

ZEITmagazin ONLINE: Und Mode ist nicht zuletzt selbst ein bedeutender Wirtschaftszweig.

Friedman: Ja, in den letzten zehn Jahren sind der kreative und der geschäftliche Teil der Mode viel näher zusammengerückt. Man kann gar nicht über Modetrends und Kleidung schreiben, ohne zu verstehen, wie das Geschäft funktioniert. Und wenn man es doch tut, ignoriert man die Hälfte der Geschichte.

ZEITmagazin ONLINE: Erzählen viele Modemagazine also nur die halbe Wahrheit?

Friedman: Sie haben vielleicht eine andere Auffassung von der Rolle des Journalisten. Sie meinen vielleicht, es ginge um Unterhaltung und Geschichten vom Roten Teppich. Das ist okay, aber es ist etwas anderes als die Modeberichterstattung der Financial Times und der New York Times. Ich habe mich immer den Lesern gegenüber verpflichtet gefühlt, gerecht und genau zu sein und die Dinge einzuordnen.

ZEITmagazin ONLINE: Wie verstehen Sie sich mit Cathy Horyn und Suzy Menkes?

Friedman: Ich sitze sehr gern neben ihnen bei den Modenschauen. Wir sind Freundinnen, glaube ich.

ZEITmagazin ONLINE: Hat ihre Art zu schreiben Sie beeinflusst?

Friedman: Sie haben ihre Kritikerinnenrolle ernst genommen, sind integer und prinzipientreu. Sie waren immer Kolleginnen und Frauen, die ich bewundert und deren Artikel ich gelesen habe. Vorbilder für alle, die nach ihnen kamen.

ZEITmagazin ONLINE: Ihr neuer Posten bei der New York Times ist möglicherweise der einflussreichste der weltweiten Modeberichterstattung.

Friedman: Sagen Sie das nicht! Ich versuche, es auszublenden.

Vanessa Friedman

studierte Geschichte an der Princeton University. Sie schrieb als Moderedakteurin für die britische In Style sowie für die amerikanische Vogue und war u.a. als Kulturreporterin für The Economist und The New Yorker tätig. 2002 begann sie als erste Moderedakteurin bei der amerikanischen Financial Times. Am 27. Mai 2014 nimmt sie ihre Tätigkeit als Mode-Ressortleiterin und Mode-Chefkritikerin der New York Times auf.


Vanessa Friedman zieht die Knie an und setzt ihre schwarzen Ballerinaschuhe auf dem Gartentisch ab. Sie hat die Statur einer Tänzerin, das rote Haar zum Dutt geschnürt. Im linken Ohr blitzen drei goldene Ringe, rechts bloß ein Stecker. Sie schminkt sich wenig, heute umranden nur etwas Kajal und Mascara ihre Augen. Die Haut ist fein, die Zähne sind weiß. Sie trägt Reiterleggins mit Military-Anleihen, eine dunkelgraue Bluse aus fließendem Stoff und eine schwarz-weiß-gemusterte Steppjacke. Nichts Auffälliges. Das Theater sollen andere spielen. Friedman schaut ihnen zu. Sie sitzt auf allen großen Modeschauen in der ersten Reihe und nimmt trotzdem größtmöglichen Abstand vom Geschehen.


ZEITmagazin ONLINE:
Besuchen Sie die Berlin Fashion Week?

Friedman: Es ist lange her, dass ich mal in Berlin war. Noch nie zu einer Fashion Week. Zu wenig Zeit.

ZEITmagazin ONLINE: Welche Stadt ist derzeit die wichtigste Modestadt der Welt?

Friedman: Ich weiß gar nicht, ob es überhaupt noch eine Modehauptstadt gibt. Die Mode hat ihre Wurzeln und vielleicht auch ihr Herz in Paris. Aber mittlerweile ist sie weltumspannend, Marken agieren global und sind sehr beweglich, sodass nationale Mode-Identitäten beinahe gar nicht angebracht erscheinen. Man sieht das bei nationalen Fashion Awards, die nur Amerikanische oder Britische Designer auszeichnen: Das ergibt keinen Sinn mehr.

Für den Herbst 2006 entwarf Stefano Pilati Tulpenröcke für Yves Saint Laurent. Bis heute wurde diese Rockform tausendfach kopiert. © Pierre Verdy/AFP/Getty Images

ZEITmagazin ONLINE: Gibt es etwas, das Sie niemals anziehen würden?

Friedman: Wenn ich das jetzt sage, finden Sie wahrscheinlich in zehn Jahren ein Foto von mir, auf dem ich es trage. Sag niemals nie. Als ich den ersten Tulpenrock von Stefano Pilati für Yves Saint Laurent sah, gefiel mir das gar nicht. Aber er wurde unglaublich einflussreich. Drei Saisons später hatte ich so viele gesehen, dass ich mich bei dem Gedanken ertappte: "Hm, vielleicht ist ein Tulpenrock doch gar nicht so schlecht."

ZEITmagazin ONLINE: Haben Sie dann einen getragen?

Friedman: Nein, ich trenne zwischen meiner Person und dem, was ich auf dem Laufsteg sehe. Ich bewerte die Sachen nicht nach meinem Geschmack. Das unterscheidet Kritiker von Bloggern. Die reagieren sehr persönlich auf Kleidung und Modeschauen.

ZEITmagazin ONLINE: Wahrscheinlich haben Sie trotzdem einen großen Kleiderschrank und sortieren vieles in kurzen Zyklen aus. Gibt es etwas, das Sie immer wieder anziehen?

Friedman: Ich trage die meisten meiner Klamotten immer wieder. Diese Jacke ist 15 oder 20 Jahre alt. Man sollte Kleider kaufen, die man ewig tragen möchte.

ZEITmagazin ONLINE: Das widerspricht allerdings dem, was die Modeindustrie uns Käufern beibringen möchte.

Friedman: Ich bin diesbezüglich eine echte Enttäuschung. Während der Modewochen in Paris treffe ich jedes Jahr dieselben japanischen Street-Fashion-Fotografen. Sie fragen immer, was ich anhabe. Und ich fühle mich ziemlich schlecht dabei. "Haben Sie doch gestern schon gesehen. Und letztes Jahr!" Ich trage immer dieselbe Tasche, denselben Mantel. Erleichtert das Kofferpacken. Ein paar Kleider von Azzedine Alaïa trage ich das ganze Jahr hindurch. Und ich mag die Jacken von Dries van Noten.

ZEITmagazin ONLINE: Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?

Friedman: Ich mag Kleidung, die funktional und bequem ist. Die ich einfach anziehe, ohne nochmal darüber nachdenken zu müssen. Die ich auch nicht tausendmal bügeln muss. Und die Leute nicht sofort erkennen, sodass niemand kommt und sagt: "Oh, tolles Prada-Teil, Frühling/Sommer 2013!"

Zwei Monate im Jahr, im Frühjahr und im Herbst, fliegt Vanessa Friedman von einer Fashion Week zur anderen, London, Paris, Mailand und zurück nach New York. Alles gar nicht so leicht zu organisieren, sagt sie. Im Job wie im Privaten.

Ihr Mann David lugt durch die Terrassentür. Die Lehrerin hat gerade angerufen, der Jüngste klage über Bauchweh und möchte abgeholt werden. Mama ist gefragt. Ein kleiner Spaziergang wird eingeschoben. Es sind nur zehn Minuten Fußweg zur Schule. Park Slope, mit seinen denkmalgeschützten Brownstone-Häusern und den liebevoll begrünten Straßen, zeigt sich von seiner schönsten Seite. Endlich ein paar warme Tage Ende April, nach einem langen Winter. Seit sechs Jahren wohnt die Familie hier, etwa 200 Meter vom Prospect Park entfernt. Vanessa Friedman aus New York und David Stewart aus Toronto haben sich auf der Uni in Princeton kennengelernt. Sie studierte Geschichte und schloss cum laude mit einer Arbeit über Bauhaus in Weimar ab. Seit 1996 ist das Paar verheiratet, die Hochzeitsanzeige stand damals in der New York Times. Mittlerweile haben die beiden einen Sohn, 9, und zwei Töchter 11 und 13. Mit im Haus leben zwei Fische und zwei Katzen.

ZEITmagazin ONLINE: Sie sind Historikerin. Wie passt das zu Ihrem heutigen Beruf?

Friedman: Ich möchte verstehen, wie die Welt funktioniert. Geschichte gehört eben dazu. Ich hoffe, dass ich etwas über die Modewelt zu sagen habe, das den Lesern hilft, sie in all ihren Dimensionen zu begreifen. Mode wird oft als flauschige Unterhaltung abgetan, aber sie ist so viel mehr. Alltag, Konsum, Industrie. Man muss nicht modebesessen sein, um mit Mode zu tun zu haben. Jeder zieht Kleidung an, jeder hat etwas damit zu tun. Alles, was man seinem Körper hinzufügt, ist ein Mittel der Kommunikation.

ZEITmagazin ONLINE: Gibt es eine Grenze zwischen Mode und Bekleidung?

Friedman: Ich definiere Mode als Ausdruck einer sozialen, politischen und kulturellen Identität zu einem bestimmten Zeitpunkt. Dieser Zeitpunkt verändert sich. Bekleidung hingegen zieht sich ganz grundlegend durch alle Zeit.

Bodenlanges Kleid von Azzedine Alaïa aus einer Couture-Kollektion 2003 © Peter Lindbergh pour Alaïa, 2013

ZEITmagazin ONLINE: Ist Mode Kunst?

Friedman: Nein, sie kann Kunsthandwerk sein, aber keine Kunst. Das ist auch gut so. Kunst hat eine andere Aufgabe. Man trägt sie nicht. Mode hat etwas Funktionales, das sie von der Kunst unterscheidet.

ZEITmagazin ONLINE: Michelle Obama, eine andere Princeton-Absolventin, hat den Blick für die Funktionalität und Symbolkraft der Mode in den vergangenen Jahren neu geschärft.

Friedman: Ich beobachte gern, wie sie und ihr Mann Mode als Kommunikationsmittel nutzen. Sie gehen damit bewusster um als andere Führungsfiguren. Sie verstehen, wie man ein Image aufbaut, wie es sich über die Sozialen Medien überträgt und wie die Reaktionen zu ihrem Vor- oder Nachteil ausfallen können. Ich finde es auch interessant, Prominente dabei zu beobachten, wie sie sich für den Roten Teppich kleiden. Dass man eine Karriere allein darauf aufbauen kann, auf Premierenfeiern großartig auszusehen, ist ein neues Phänomen.

Auch Vanessa Friedman verrät viel über sich selbst durch die Mode, die sie wählt. Wie Alaïa, der Designer ihrer Lieblingskleider, legt sie Wert auf Formenreinheit. Keine Schnörkel, kein Getue, keine Allüren. Sie spricht deutlich und direkt. Genauso schreibt sie. Ihre pointierten Kolumnen, bisher in der Financial Times, bald in der New York Times, gestatten der Mode nie, sich an sich selbst zu berauschen. Friedman sucht stets die Hintergründe in all dem Prunk. Sie dreht jede Paillette um und fragt, wer sie warum und von wessen Geld aufgenäht hat. Friedman, kühl und abgeklärt, beobachtet das Geschehen und zieht ihre Schlüsse. Sie lehnt sich zurück und nimmt Haltung an. Wer Mode verstehen will, kann ihr dafür dankbar sein.

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