Dries van Noten "Perfektion macht mir Angst"

Seit knapp 30 Jahren macht Dries van Noten romantische Mode für moderne Menschen. Seine erste Werkschau in Paris ist ein Publikumsmagnet. Wie macht der Belgier das? Von

ZEITmagazin: Herr van Noten, 1986 haben Sie Ihre aller erste Kollektion, eine Männerkollektion, präsentiert. Hat sich der Mann seitdem verändert?

Dries van Noten: Ja, absolut, in jeder Hinsicht. Und nicht nur der Mann hat sich extrem verändert; in der Mode ist nichts mehr so, wie es einmal war. Das ist mir aber auch erst jetzt richtig bewusst geworden, als ich meine Ausstellung zusammengestellt habe. Als ich noch studierte, Ende der siebziger Jahre und dann, als ich anfing selbst zu entwerfen, Anfang der achtziger Jahre gab es jede Saison eine komplett neue und oft sehr radikale Mode-Ansage. Für mich sind die Jahre zwischen 1976 und 1986 mit die wichtigsten Jahre in der Mode: Armani und Versace machten Anzüge aus Leinen und aus Leder, eine Saison später kamen Montana und Mugler, dann die Japaner, Vivienne Westwood, Katherine Hamnett, Paul Smith. Das war eine starke, aufregende Zeit, vor allem für Männer.

ZEITmagazin: Warum vor allem für Männer?

Van Noten: Weil Männer damals viel spielerischer mit Mode umgingen und keine Angst hatten ihr Äußeres radikal zu verändern: von einer Saison zur nächsten schälten sie sich aus Armanis Leinenanzügen und schlüpften in Montanas Power-Schulter-Lederjacken und dann in Westwoods Punk-Look.

ZEITmagazin: Und Sie, haben Sie auch mitgespielt?

Van Noten: Natürlich, ich habe alles mitgemacht. Erst die Leinenanzüge, dann die Montana Popeline-Blousons. Ich hatte ein wahnsinnig tolles schwarzes Leder-Smoking-Jacket von Versace und sogar einen weißen Lederblouson von Armani.

ZEITmagazin: Welchen Männer-Typ haben Sie heute im Kopf, wenn Sie entwerfen?

Van Noten: Bei meiner letzten Männerkollektion ging es mir um Farben. Wenn du hübschen Jungs Farben anziehst, kann das schnell unmännlich aussehen. Ein Schönling kann keine pinke Jacke tragen. Ein grober, maskuliner, sportlicher Typ schon. Ich habe mein Männerbild stark verändert. Weg von den zarten, romantischen Jungen, hin zu mehr Männlichkeit.

ZEITmagazin: Was genau ist männlich?

Van Noten: Im richtigen Kontext kann alles männlich sein. Sogar die Farbe Pink.

ZEITmagazin: Haben Sie einen Traummann?

Van Noten: Zum Glück nicht. Ich mag unperfekte Männer. Perfektion macht mir Angst. Ich mag Makel, wenn etwas Verstörendes, Unerwartetes im Gesicht passiert.

ZEITmagazin: Zum Beispiel?

Van Noten: Die Nase ist ziemlich aussagekräftig.

ZEITmagazin: Stehen Sie auf Actionhelden?

Van Noten: Nein.

ZEITmagazin: Wenn Sie sich zwischen Batman oder Dorian Gray entscheiden müssten, wen würden Sie nehmen?

Van Noten: Beide.

ZEITmagazin: Können Männer Ihre Kleider in der Waschmaschine waschen?

Aus der Männerkollektion für Sommer 2015 © iMax Tree

Van Noten: Manche Sachen schon. Aber nicht viel, sonst gibt es ein Modedesaster.

ZEITmagazin: Warum?

Van Noten: Die Stoffe, Drucke und Stickereien sind empfindlich. Bei vielen Designern darf man kein einziges Teil selbst waschen.

ZEITmagazin: Stimmt es, dass Männer pragmatischer sind als Frauen?

Van Noten: Die Frage kommt von einer Frau. Was soll ich da sagen, ich weiß es nicht. Aber stimmt schon, ich mag Klischees. Eine meiner Hauptaufgaben als Designer besteht für mich darin, Klischees zu brechen oder zumindest mit ihnen zu spielen. Das ist meiner Meinung nach der einzige Weg, wie sich Mode weiter entwickeln kann.

ZEITmagazin: Wann ist Ihnen das zuletzt gelungen?

Van Noten: Spitze beispielsweise, ein sehr unmännliches Material, richtig?

ZEITmagazin: Ja.

Van Noten: Falsch. Es kommt darauf an, wie Spitze verwendet wird. Meine Aufgabe ist es alles zu hinterfragen, um dann mit meiner Antwort zu überraschen.

ZEITmagazin: Und wie lautet die Antwort auf männliche Spitze?

Van Noten: Ich lege ein Camouflage-Muster drüber. Es gibt nichts Männlicheres als Camouflage. Und auf einmal ist die Spitze nicht nur männlich, sondern auch noch cool und sportlich.

ZEITmagazin: Stimmt es, dass sich Männer nicht für Trends, sondern für Mode interessieren?

Van Noten: Zum Glück geht es generell schon seit einiger Zeit in der Mode nicht mehr um Trends, sondern um Kleidung. Es geht um eine nachhaltige Garderobe, die jede Saison aufgefrischt werden kann. Männer, mehr als Frauen, suchen nach dem perfekten Teil. Sie können eine Obsession entwickeln und tagelang nach dem perfekten T-Shirt suchen, während Frauen auch zu H&M gehen, wenn sie schnell mal ein neues T-Shirt brauchen. Männer sind da viel überlegter.

ZEITmagazin: Ann Demeulemeester, Ihre Kollegin und Mitbegründerin der Gruppe Antwerp Six, hat nach über 26 Jahren Karriere verkündet, dass sie aufhört. Sie ist nach Martin Margiela die Zweite aus Ihrer Gruppe, die der Mode endgültig und eigentlich noch recht jung den Rücken kehrt. Wie denken Sie über ihren Rückzug?

Van Noten: Ich kenne Ann sehr gut, sie ist meine beste Freundin. Es ist ihre Entscheidung, und sie ist glücklich damit, genau wie Martin. Ich bin weit davon entfernt, aufzuhören.

ZEITmagazin: Was treibt Sie an?

Van Noten: Ich genieße es, zu kreieren. Es ist fast wie eine Sucht, ich verspüre konstant ein Verlangen, etwas Neues zu schaffen. Außerdem fordere ich mich gerne selbst heraus.

ZEITmagazin: Geht Ihnen Mode denn nie auf den Wecker?

Van Noten: Natürlich. Ihnen nicht?

ZEITmagazin: Ja, manchmal.

Van Noten: Das ist doch normal. Ist doch wie mit Kindern. Wie sehr man sie auch liebt, manchmal würde man sie am liebsten auf den Mond schießen. Richtig?

ZEITmagazin: Haben Sie denn Kinder?

Van Noten: Nein.

ZEITmagazin: Vergeht ein Tag, an dem Sie nicht an Mode denken?

Van Noten: Nein. Mode ist immer präsent. Ich weiß, dass viele die Mode für eine windige Branche halten. Ich nicht. Ich habe einen wundervollen Job. Ich liebe Mode.

Florale Muster aus der Winterkollektion 2014/15 © Francois Guillot/AFP/Getty Images

ZEITmagazin: Ihr Lebensgefährte Patrick Vangheluwe ist gleichzeitig Ihr Geschäftspartner, wie sexy ist das?

Van Noten: Er ist nicht wirklich mein Geschäftspartner. Patrick hilft mir. Er ist immer für mich da, immer an meiner Seite, und er ist mein bester und wichtigster Berater. Ich muss zugeben, das ist keine einfache Position, die er hat. Ich binde ihn in alles mit ein, aber am Ende liegen die Entscheidungen doch nur bei mir. Das ist keine einfache Ehe.

ZEITmagazin: Wenn man Bett und Büro teilt, wo lauert die Gefahr?

Van Noten: Das ist kniffelig. Beide müssen Verantwortung übernehmen können und auch übernehmen wollen, und vor allem muss man sich gegenseitig respektieren. Nicht nur als Floskel, du musst lernen, die Vision, die der andere hat, zu respektieren. Außerdem muss man lernen, nicht alles miteinander zu teilen. Geheimnisse haben ist sehr wichtig. Man sollte die Grenzen kennen und wissen, wann Schluss ist.

ZEITmagazin: Gelingt Ihnen das?

Van Noten: Nein, natürlich nicht. Es gab einen Moment, da musste ich feststellen, dass unsere Beziehung unter unseren Lebensumständen leidet. Es ging ja nur noch um die Firma und um Mode. Also haben wir uns ein Haus mit einem großen Garten gekauft.

ZEITmagazin: Sie haben ein Haus gekauft, um Ihre Beziehung zu retten?

Van Noten: Es hat uns geholfen, eine Auszeit von der Mode und der Firma zu nehmen. Und es hat uns geholfen, eine Leidenschaft für etwas anderes als Mode zu entwickeln; das Haus restaurieren, einen Garten anlegen – es tut gut, nicht immer nur über Stoffe oder Lieferanten zu sprechen. Schöner ist es, über ganz alltägliche Dinge zu reden.

Dries van Noten in Paris

ZEITmagazin: Was hat Ihnen an Patrick Vangheluwe gefallen?

Van Noten: Das ist so lange her. Ich kann das nicht an einer bestimmten Szene fest machen. Aber als ich Patrick kennen lernte, wusste ich, das ist der Mann, mit dem ich mein Leben verbringen möchte.

ZEITmagazin: Wie lange ist das her?

Van Noten: 28 Jahre.

ZEITmagazin: Welcher Körperteil eines Mannes ist am interessantesten?

Van Noten: Das Gesicht.

ZEITmagazin: Das Romantischste, was Sie je für einen Mann hingelegt haben?

Van Noten: Ich hoffe doch, dass ich sehr oft etwas Romantisches für meinen Mann mache.

ZEITmagazin: Zum Beispiel?

Van Noten: Blumen in unserem Garten pflücken, für ihn kochen.

ZEITmagazin: Die amerikanische Künstlerin Jenny Holzer sagt: "Romantic love was invented to manipulate women", Romantik wurde erfunden, um Frauen zu manipulieren. Sie stimmen da also nicht zu?

Van Noten: Nein. Ich liebe Romantik. Es ist so ein schöner Zustand.

ZEITmagazin: Der letzte Film, der Sie bewegt hat?

Van Noten: Das war ein Fernsehfilm, ist schon eine Weile her, Sherlock mit Martin Freeman. Als Watson heiratet, hält Sherlock eine Rede, unglaublich diese Rede – das ist das beste Skript, das je geschrieben wurde.

ZEITmagazin: Wirklich? Warum?

Van Noten: Es geht um alle menschlichen Schwächen, so sensibel, so brillant in Worte gefasst. Sehr klug, sehr poetisch.

ZEITmagazin: Seit über 30 Jahren entwerfen Sie Mode für Frauen und für Männer, was haben Sie in all den Jahren über Ihre Geschlechtsgenossen gelernt?

Van Noten: Nicht genug. Ich muss noch viel über Männer lernen.

ZEITmagazin: Und was haben Sie über Frauen gelernt?

Van Noten: Oh je, noch viel weniger als über Männer.

ZEITmagazin: Über Prominente?

Van Noten: Dass ich darüber gar nichts lernen will.

ZEITmagazin: Models?

Van Noten: Das sind überraschenderweise sehr nette Menschen.

ZEITmagazin: Haben Sie ein Lieblingsmodel?

Van Noten: Nein. Aber jede Saison sticht eines besonders hervor. Und das ist dann meistens das Model, mit dem ich die Show eröffne.

Stacheldrahtkleid aus der Sommerkollektion 2014 © Joel Saget/AFP/Getty Images

ZEITmagazin: Warum ist gerade das so wichtig?

Van Noten: Die Modenschau ist für den Designer das Fenster zur Welt. Es muss ihm gelingen zu überzeugen. Darauf begründet sich sein Geschäft für die gesamte Saison. Das Publikum, die Journalisten, die Einkäufer, sie entscheiden während der ersten fünf Silhouetten, ob ihnen die Show, die Kollektion gefällt, oder nicht.

ZEITmagazin: Was wissen Sie über Make-up?

Van Noten: Make-up ist sehr wichtig. Man unterstreicht eine Persönlichkeit. Gleichzeitig kann man unter dem Make-up eine Menge verstecken, was auch nicht uninteressant ist.

ZEITmagazin: Haare?

Van Noten: Schwieriges Thema. Haare und Hüte können ein Outfit vollenden, oder, wenn es schlecht läuft, ruinieren. Dazwischen gibt es nichts.

ZEITmagazin: Musik?

Van Noten: Ich liebe Musik. Musik spielt in meinem Leben eine sehr wichtige Rolle. Ich kann mich in einem Lied vollkommen verlieren.

ZEITmagazin: Was haben Sie über Kleidung gelernt?

Van Noten: Dass ich Kleidung liebe.

ZEITmagazin: Und über Essen?

Van Noten: Das liebe ich noch mehr als Kleidung.

ZEITmagazin: Kochen Sie oder Patrick?

Van Noten: Ich.

ZEITmagazin: Wie groß genau ist Ihr Garten?

Van Noten: Sieben Hektar.

ZEITmagazin: Haben Sie eine Lieblingsblume?

Van Noten: Jeder Monat hat seine Blüte. Am liebsten aber entdecke ich Blumen, die aus der Mode gekommen sind.

ZEITmagazin: Zum Beispiel?

Van Noten: Gladiolen. Die gelten ja eigentlich als sehr hässliche Blume, dabei sind sie so schön, oder Dalien.

ZEITmagazin: Ein großes Thema Ihrer Kollektionen ist die Reise, oder, wie Sie es nennen, "voyages phantasmés". Fahren Sie an all diese Ziele selbst?

Van Noten: Ich reise vor allem in meinem Kopf. Ich nehme nicht viel Urlaub. Außerdem ist es besser, nicht zu viele Informationen zu haben. Je mehr man weiß, desto mehr tendiert man zum Kopieren. Manchmal blockiert Wissen auch die Kreativität. Mir reicht es, eine Ahnung zu haben, den Rest erfinde ich dazu. Ist ja schließlich als Designer Teil meiner Aufgabe. Und es ist auch viel interessanter seine eigene Geschichte zu erzählen.

ZEITmagazin: Woher rührt Ihre Leidenschaft für Folklore?

Van Noten: Ich mag Tradition und Handwerk. Ich habe einen enormen Respekt vor der Vergangenheit. Ich bin nicht nostalgisch, ich mag die Zukunft, aber ich finde es wichtig, die Vergangenheit in der Zukunft sichtbar zu machen. Es wäre eine Schande, wenn eine Tages niemand mehr weiß, wie man etwas von Hand stickt.

ZEITmagazin: Ihr Vater hatte eine Geschäft für Herrenbekleidung. Was haben Sie von ihm gelernt?

Van Noten: Hart zu arbeiten.

Kommentare

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Das einzige Ziel der Perfektion kann es sein, Interims-Perfektion sein.
Die Perfektion besteht nur, um daraufhin wieder etwas nicht-perfektes schaffen zu können, das ein Korrektiv bildet, einen Widerspruch gegen das vorherige, das perfekte.
Man sieht es oft bei Marken, bei Herstellern von irgendwas. Sie schaffen ein Produkt, wo sich jeder fragt: "Warum haben die so ein Produkt geschaffen, das so rausfällt aus allem Guten?"
Nun ja, so kann in der nächsten Produktgeneration wieder etwas geschaffen werden, was auffällt, womit sich wieder punkten lässt.

Ähnelt dem Konzept des absichtlichen Fehlpasses im Fußball. Ballbesitz ist im Grunde gut. Ständiger Ballbesitz ohne Torchancen führt zu nichts. Man verliert absichtlich den Ball, um daraufhin wieder angreifen zu können.

So ist das auch bei Produkten. Man schafft absichtlich etwas leicht schwaches und kann dann wieder angreifen.