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Fashion Week New York Auf der Suche nach Substanz

Apple Watch, Hologramme, ein Theaterstück von Spike Jonze: Die New York Fashion Week war ein Spektakel. Wer wollte da nach der Mode fragen – oder gar ihrer Herstellung? Von

Bei Modewochen ist die Uhrzeit ein ständiges Thema, so auch diese Woche in New York. Um wie viel Uhr war noch mal die Schau von Alexander Wang? Wow, schon fünfundzwanzig Minuten Verspätung bei Patrik Ervell! Schaffe ich es noch zum nächsten Termin? Ständig starren Redakteure und Einkäufer auf ihre Handys, nur die wenigsten blicken auf ihr Handgelenk. Armbanduhren scheinen hier wie ein ein Relikt aus der Vergangenheit.

Wenn es nach Apple geht, soll sich das wieder ändern. Zeitgleich mit der New York Fashion Week stellte der Konzern am Dienstag seine Apple Watch vor, eine viereckige, klobige Uhr mit Display und Rädchen zur Navigation, die es mit verschiedenen Armbändern gibt – und auf Wunsch in einem Gehäuse aus 18-karätigem Roségold. Apple will sein neuestes Gadget nicht als ein rein technisches, sondern vor allem als ein modisches Accessoire verstanden wissen, mit dem die zeitgenössische Erfolgsfrau ihre Mails checkt, die Rechnung des Onlineshoppings begleicht oder – ein esoterisches Schmankerl der Apple-Designer – den Mondzyklus in Bildern verfolgt. Das lästige Kramen in der Handtasche soll ein Ende haben, das Smartphone kann sich in Zukunft auf seine Kernkompetenzen konzentrieren: telefonieren und fotografieren.  

Die Reaktionen der Mode auf das neue Spielzeug waren gemischt. Während die bekannte Bloggerin Leandra Medine twitterte "Ok! Ich bin überzeugt! Gebt mir eine iWatch!", zeigten sich andere Schauenbesucher durchaus technologiekritisch: "Eine iWatch? Niemals. Ich trage ja auch keine Google-Glasses."

Das sollte den Apple-Konkurrenten Samsung aber nicht davon abhalten, sein eigenes Smartwatch-Modell Gear S an die schmalen Handgelenke zarter Models zu hängen, die dazu die Luxuslinie Black Gold von Diesel vorführten. Neben der schlauen, aber ebenfalls klobigen Uhr war unter sternenbekränzten Kleidern und funkelnden Nieten auf schwarzem Leder ein auf BH-Größe geschrumpftes Westchen das interessanteste Stück von Designer Andreas Melbostad.            

Zwischen Spektakel und dem persönlichen Kontakt

Aber wer wollte nach der Qualität der Entwürfe fragen, oder gar nach einer neuen Idee von Weiblichkeit abseits von Ostküsten-Sprödigkeit und Westküsten-Glamour, wenn in New York doch so viel Ablenkung geboten war. Ralph Lauren etwa bat seine Gäste nach Einbruch der Dunkelheit auf die westliche Seite des Central Parks, von wo sie den besten Blick auf eine Modenschau in 4D hatten. Hologramme, so groß wie ein vierstöckiges Haus, zeigten Models in weißen Kleidern, neonfarbenen Hosen, karierten Hemden und eleganten Abendkleidern, dazu wurden Champagnercocktails gereicht. Am nächsten Tag sprachen zumindest all jene New Yorker darüber, die in der Nähe wohnten und das leuchtende Spektakel auf dem Nachhauseweg oder aus dem Küchenfenster mitverfolgen konnten. So wenig tiefenscharf kann natürlich nur ein Designer präsentieren, der sich des kommerziellen Erfolgs seiner Polo Ralph Lauren Linie sicher sein kann, egal wie ein bestimmtes Teil denn nun genau aussah. Hinter der disneyschönen Inszenierung trat die Kollektion an zweite Stelle.

Die New York Fashion Week in Bildern: Hologramme von Ralph Lauren im Central Park; Shoperöffnung von Band of Outsiders; Sonnenbrillen von Suno und Rodarte; die Apple Watch und die Samsung S Gear; die Designer Humberto Leon und Carol Lim mit Schauspielerin Dakota Fanning; Bilder der Frühjahreskollektionen 2015 von Victoria Beckham, Suno, Rodarte, Diesel Black Gold und The Row.

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Dass einem wohl der Ort, nicht aber die Mode im Gedächtnis blieb, galt auch für die Präsentation von Carol Lim und Humberto Leon für ihr Label Opening Ceremony. Nachdem deren Gäste sich durch einen nachtschwarzen Durchgang auf der Amsterdam Avenue geschlängelt hatten, saßen sie plötzlich auf der Bühne der Metropolitan Opera. Und sahen sich die Aufführung aus der Perspektive an, die sonst ein Opernsänger auf sein Publikum hat. Statt einer Modenschau ließen Lim und Leon ein Theaterstück inszenieren, von den Hollywoodstars Spike Jonze und Jonah Hill. Thema: die Kollektion. Kostüme: die Kollektion. In den Hauptrollen von 100 Percent Lost Cotton waren Elle Fanning und Dree Hemingway zu sehen. Im Vergleich zu so viel Wille zum Spektakel wirkten die Ralph Lauren Hologramme fast harmlos.

Eine ganz andere Form der Inszenierung seiner Mode wählte Scott Sternberg aus Los Angeles. Der Designer hinter dem Label Band of Outsiders, der seine Interpretation amerikanischer Sportswear stets in liebevoll ausgestalteten Sets mit Glitzerregen gezeigt hatte, verzichtete ganz auf eine Laufstegschau und lud stattdessen zu Bier und Snacks in seinen neuen Laden in Soho. Dort konnte man Sternberg mit dem Schauspieler Jason Schwartzman plaudern sehen. Wer dann immer noch Mode sehen wollte, konnte sich die Sommerkollektion für 2015 im Showroom nebenan erklären lassen. Statt einer Dog-and-Pony-Show, wie Sternberg die Eventexzesse nach der letzten Schauensaison genannt hatte, bekam man hier den persönlichen Kontakt.

Nischenthema Nachhaltigkeit

Auf den setzte auch Victoria Beckham, die ihre Mode im altehrwürdigen Cunard Building an der Wall Street zeigte. Vor der Show schwenkten die iPhones erst nach oben, um das hübsche Deckenmosaik zu fotografieren, und dann in die erste Reihe, wo ein gutgelaunter Mister Beckham Platz nahm. Dann flanierten die Models in ungewöhnlich lässigen Silhouetten vorüber. Sie trugen weite Hemdkleider und überschnittene Zweiteiler, deren Details von Uniformen inspiriert waren – Schulterklappen, aufgesetzte Taschen, breite Ledergürtel bestimmten das Bild. Wie auch The Row, das mehrfach vom amerikanischen Designerverband ausgezeichnete Luxuslabel der Zwillingsschwestern Ashley und Mary-Kate Olsen, nutzte Victoria Beckham viel Leinen, klassisch in weiß, jutebeutelfarben, schwarz oder bordeaux.      

Um kreativen Wagemut zu finden, der über Blumendrucke hinausging, musste man nicht nur bei dieser Schau genau hinsehen. Hübsch und tragbar ist immer fast alles in New York, auch bei dieser Modewoche.

Fast exotisch muten da Labels an, die sich um mehr scheren, als nur den eigenen kommerziellen Erfolg. Beispielsweise um die Nachhaltigkeit ihrer Produktion. Dazu gehört Edun, ein Modelabel, das 2005 von der Aktivistin Ali Hewson und ihrem Mann, dem U2-Musiker Bono, gegründet wurde. Mehr als 90 Prozent einer Edun-Kollektion werden in afrikanischen Ländern produziert, um dort Kleinunternehmer in Lohn und Brot zu halten. Seit zwei Saisons ist Danielle Sherman, die zuvor eine treibende Kraft hinter dem Nischenerfolg von The Row war, als Creative Director bei Edun und dank ihr wird die Kollektion langsam auch modisch interessant. Sherman zeigte Silhouetten, die an Judoka-Uniformen erinnerten, ihre Muster erwiesen sich als Referenz auf die gepunkteten Kponyungo-Masken afrikanischer Stämme.

Auch die beiden Designer Erin Beatty und Max Osterweis machen sich Gedanken um die Produktion für ihr Label Suno. Die Stoffe für ihre Kollektion stammen ebenfalls stets aus Afrika, wo auch ein Großteil der Herstellung stattfindet. Das Anliegen von Suno ähnelt dem von Edun: Beatty und Osterweis wollen das Handwerk vor Ort unterstützen und vor dem Aussterben bewahren. In dieser Saison bedeutete das einmal mehr kräftig gemusterte Baumwollstoffe in klaren Farben, die zu aufgeräumten Silhouetten geschneidert wurden. Intellektuelle Mode nennt das die New Yorker Modepresse. Vielleicht ist es auch einfach nur durchdacht.

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