New York Fashion Week Der Mode so nah

In New York beginnt die Fashion Week. Auch die Deutsche Julia Jentzsch zeigt ihre neue Kollektion. Wie die Designerin in New York lebt und Mode macht, erzählt sie hier.

© Julia Jentzsch
© Julia Jentzsch
© Julia Jentzsch
© Julia Jentzsch
© Julia Jentzsch
© Julia Jentzsch
© Julia Jentzsch
© Julia Jentzsch
© Julia Jentzsch
© Julia Jentzsch
© Julia Jentzsch
© Julia Jentzsch
© Julia Jentzsch
© Julia Jentzsch
© Julia Jentzsch
© Julia Jentzsch

Ein Blick in die Ideenwelt von Julia Jentzsch: Das Atelier im Garment District, die Farben und Stoffe der Sommerkollektion, die Arbeiten und Portraits des deutschen Künstlerpaars Josef und Anni Albers, eine Vorschau auf die Werbekampagne "Summer in New York City" und die fast fertigen Entwürfe für den Sommer 2015
© Julia Jentzsch (alle Bilder)

Eigentlich hatte ich nie vor, nach New York zu ziehen. Ich habe mich vor der Stadt gefürchtet. Viele verrückte Menschen, dachte ich immer, viel Kriminalität. New York war für mich nicht das große Ziel, im Gegenteil! Ich habe mich in Europa immer zu Hause gefühlt.

Im Jahr 2001 bekam ich dann ein Angebot von Calvin Klein, das ich nicht ausschlagen konnte. Sie boten mir an, Design Director in New York zu werden. Ich sollte das Design der Frauenkollektion verantworten, bestimmen, was auf dem Laufsteg gezeigt wird. Es war ein richtig fettes Angebot, eine riesige Herausforderung. Ich dachte damals: "Ok, ich mache das jetzt mal zwei Jahre." Nie hätte ich gedacht, dass ich so lange hierbleiben würde.

Bevor ich nach New York kam, war ich Designerin bei Yves Saint Laurent, mein Chef war Stefano Pilati. Das war eine tolle Zeit: Paris ist meine Stadt, ich bin dort geboren. Bei Yves Saint Laurent herrschte eine familiäre und sehr künstlerische Arbeitsatmosphäre. Es machte mir unglaublichen Spaß, mit Franzosen zusammen zu arbeiten. Wir deutschen Modedesigner sind ja immer so ein bisschen ernsthaft, die Pariser vermitteln eine gewisse Leichtigkeit, die wir gut vertragen können.

Die Designerin Julia Jentzsch © Julia Jentzsch

Danach war es eine große Umstellung, in New York bei Calvin Klein zu designen. Auf einmal arbeitete ich in einem Riesenteam, saß in Konferenzzimmern, Meeting nach Meeting nach Meeting. Calvin Klein ist ein großer amerikanischer Konzern, mit Hunderten von Mitarbeitern. Ich arbeitete 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.

Die Leute sind völlig harmlos

Aber die Sache mit New York ist die: Wenn man sich erst mal auf das Tempo und die viele Arbeit eingelassen hat, dann ist das Leben hier so super, dass man total hängen bleibt. Die Stadt ist dermaßen multikulturell,  spannend und interessant, dass man nicht mehr weiß, wie man hier je wieder wegkommen soll.

Ich wohne in Midtown Manhattan und hier trifft man die wildeste Mischung an Menschen: Von superreich bis superarm, Bettler, Verrückte, Cracksüchtige und Millionäre. Am Anfang wechselte ich immer noch die Straßenseite, wenn mir ein Obdachloser entgegenkam. Ich habe lange gebraucht, um auf den Straßen keine Angst mehr zu haben. Irgendwann habe ich dann gemerkt: Die Leute hier sind völlig harmlos.

Seit über zehn Jahren wohne und arbeite ich in meinem Loft in der 39. Straße. Es liegt im neunten Stock eines Fabrikgebäudes aus den zwanziger Jahren, mitten im sogenannten Garment District. Hier habe ich 2007 schließlich mein eigenes Label gegründet. Viele Manufakturen sind in den letzten Jahren weggezogen, nach China und so weiter. Da ich für meine Kollektionen aber noch in kleinen Mengen produziere, ist die Lage meiner Firma perfekt.

Das ist für mich der größte Vorteil von New York: Dass ich alles, was ich für meine Kollektionen brauche, in den nächsten drei oder vier Blocks finden kann – Stoffe, Schulterpolster, Knöpfe. Alles da. Wenn es in der Schneiderei ein Problem gibt, rufen die mich an und ich kann einfach schnell rübergehen. Ich begleite den gesamten Herstellungsprozess, prüfe immer wieder, dass die Qualität so ist, wie ich sie haben möchte. 

Make-Up-Töne, apricot, Pastell

Julia Jentzsch

wurde in Paris geboren und kam zur Einschulung nach Deutschland. Nach ihrem Abschluss am Royal College of Art in London arbeitete sie bei Jil Sander und Wolfgang Joop, später entwarf sie Prêt-à-porter bei Yves Saint Laurent. Vor 13 Jahren zog sie von Paris nach New York, um die Womenswear-Kollektion von Calvin Klein zu übernehmen. Ihr eigenes Label Julia Jentzsch gründete sie im Jahr 2007. Die Designerin wohnt und arbeitet in Manhattan.

In jeder Kollektion beschäftige ich mich mit etwas, das ich vorher so noch nicht gemacht habe. Für meine Sommerkollektion 2015 experimentiere ich viel mit Plissee. Ich habe aus Japan eine Reihe von Polyesterstoffen bestellt, mit denen ich arbeite. Außerdem mit leichten, natürlichen Stoffen, zum Beispiel eine transparente Seidenorganza, die in Lagen vernäht ganz verschiedene Farben ergibt. Auch die Farben meiner Kollektion, die ich auf der Fashion Week zeige – Make-Up-Töne, apricot, Pastell – sind ganz neu für mich. 

Parallel zu diesen Experimenten arbeite ich weiter an meinen klassischen Designs: Jacken und Hosen in bequemen, praktischen und neuen Materialien. Da inspiriert mich das deutsche Bauhaus, und diese Saison besonders das Künstlerpaar Josef und Anni Albers, die Farben und Geometrie ihrer Arbeiten.

Für mich bedeutet die Zeit der New Yorker Modewoche immer wahnsinnig viel Arbeit, alles muss rechtzeitig fertig sein, damit es im Showroom ab dem ersten Tag den Einkäufern gezeigt werden kann. Trotzdem gibt es einige Shows von befreundeten Designern, die ich mir anschaue, die von Diesel Black Gold zum Beispiel. Dass die Fashion Week in New York wirklich angefangen hat, merke ich immer daran, dass es plötzlich unmöglich wird, ein Taxi zu bekommen.

Protokoll: Livia Valensise