© Andreas Rentz/Getty Images for Mercedes-Benz

Berlin Fashion Week Die Kunst des richtigen Stützapparats

Bondage, Korsagen und Schmuck aus Wildschweinzähnen. Die Designerin Marina Hörmanseder überrascht in Berlin mit Sinn fürs Morbide und Orthopädische. Lady Gaga gefällt's. Von

Es riecht – und wie. Nach Farbe, Lösungsmittel, Terpentin, der Geruch betäubt beinahe die Sinne. Autolackiererei? Fotolabor? Tapetenkleisterbetrieb? Mode! In dieser weißgetünchten Kreuzberger Fabriketage arbeiten Modeschöpferin Marina Hörmanseder, drei Angestellte und ein Praktikant an Lederkorsetts, Bandagen, Schnallen, Röcken und Bustiers. Sie sehen aus wie Einfälle eines morbiden Menschen, ein bisschen Fetischware, ein wenig Horrorfilm-Utensil. Was Marina Hörmanseder alles überhaupt nicht darstellt. "Meine Mode ist avantgardistisch, aber ich will nicht mein Leben lang der Kunst dienen", sagt die Designerin.

Auftritt bei Jimmy Fallon: FKA Twigs in einer Corsage von Marina Hörmanseder © Douglas Gorenstein/NBC/NBCU Photo Bank via Getty Images

Hörmanseder, Wienerin, 28 Jahre jung, blond, ein Lachen, das manchmal so vom Herzen kommt wie bei einem Kind, wenn es das erste Mal den Zoo besucht. Sie hat guten Grund, froh zu sein. Gerade hat die schwer angesagte Sängerin FKA Twigs ein Korsett für einen Videodreh bei ihr bestellt, Model Eva Padberg wird demnächst eines tragen, und sogar Lady Gaga hat Korsett, Rock und eine Bandagenhose bei der Wahl-Berlinerin in Auftrag gegeben. Es läuft, auch wenn sie noch kein Geld verdient. "Das sind Investitionen", sagt Hörmanseder.

Ein Blick in ihr kleines Büro neben dem Atelier. Auf dem Schreibtisch ist irgendwo das Handy unter Papierbergen vergraben, das Licht des Computers strahlt auf gelbe Post-it-Zettel an der Wand, darauf steht unter anderem die Adresse von Nicola Formichetti, dem ehemaligen Stylisten von Lady Gaga, der mittlerweile zum Chefdesigner von Thierry Muglier aufgestiegen ist. Daneben die Adresse von Brandon Maxwell, dem neuen Stylisten des Popstars. Dem hat Hörmanseder einfach ein Lookbook per Post zugeschickt – und schon kam die Bestellung. Unter dem Tisch schnüffelt etwas, laute Schmatzgeräusche, es ist ihr zehnjähriger schwarzer Zwergpinscher, der einmal bellt – was aufgrund der Akustik so klingt, als stünde der Hund von Baskerville vor der Tür.

Mit Tieren hat alles angefangen. Hörmanseders Schule lag nahe dem Tierpark Schönbrunn, so oft es ging, besuchte sie die Anlage. Die Tiger hatten es ihr angetan und eigentlich wollte sie mit neun Jahren nichts lieber als Zoo-Direktorin werden. Hat dann nicht geklappt. Einfach, weil sie feststellte, dass sie den Tod eines Tieres nie ertragen könnte.

Ich trug einen Pagenschnitt und spielte in der Schülerliga als Mario Hörmanseder mit.
Marina Hörmanseder

Trotzdem, Tiere. Am Wochenende ging sie mit ihren Eltern, Mutter Übersetzerin, Vater Manager in einem Kartonagenkonzern, in den Wald, sammelte tote Hirschkäfer und bastelte aus den winzigen Geweihen Ketten. Wenn es der Herrgott auf diesen Wanderungen gut mit ihr meinte, legte er ein totes Wildschwein an den Wegesrand. Was tut so ein junges Mädchen? Reißt dem Tier die Zähne aus, kocht diese zu Hause aus und bastelt daraus wieder Schmuck.

Die Mutter, eine Französin, mochte das nicht. Dieser Geruch! Ob der schlimmer war als der im Berliner Atelier? Was ihre Mutter dem Mädchen allerdings beigebracht hat: Stil. "Sie lief sogar zu Hause immer mit hohen Schuhen herum", erzählt Hörmanseder. "Sie ist immer schwarz und rot gekleidet – und würde nie außer Haus gehen, wie ich das manchmal getan habe: mit Jogginghose und Pulli."

Mit 15 Jahren war Hörmanseder weit entfernt davon, eine Stilikone zu sein. Sie spielte Schultheater, den alten Gutsbesitzer Klapproth im Lustspiel Pension Schöller, und kickte gern auf dem Fußballplatz. "Ich trug einen Pagenschnitt und spielte in der Schülerliga als Mario Hörmanseder mit."

Aus der Sommerkollektion 2015 © Andreas Rentz/Getty Images for Mercedes-Benz

Nach der Matura folgten ein Jahr Schauspielunterricht am Konservatorium Wien (abgebrochen) und fünf Jahre Wirtschaftsstudium auf Drängen der Eltern (abgeschlossen). Der Deal war einfach: Wenn sie das schaffte, unterstützten ihre Eltern ein Modestudium. Denn das wollte Hörmanseder lieber machen, nicht weil sie stundenlang durch Zeitschriften blätterte und Glamour aufsog, sondern weil sie tagelang stickte, nähte und stopfte – und das Handwerk unendlich liebte. "Sonst hätte ich eine Tischlerlehre gemacht."

Am Tag der Freiheit, dem 10. Juni 2010, als sie endlich den Magistertitel in Wirtschaft trug, war sie bereits für die Esmod-Modeschule in Berlin zugelassen. Drei Jahre vergrub sie sich, ging kaum aus in dieser großen Stadt, in der es Wiener, Londoner, Römer jedes Wochenende zu Ausschweifungen zog, und perfektionierte ihr Können. Vier Monate arbeitete sie noch als Praktikantin bei Alexander McQueen, 18-Stunden-Tage in London und Paris, manchmal weinte sie, oft musste sie alles wieder auftrennen, was sie gerade genäht hatte. Noch einmal, noch einmal, 26-mal dasselbe probieren. Wenn sie davon erzählt, klingt es ein wenig wie ein Straflager in den Katakomben der Luxusindustrie. Aber es schwingt Trotz mit: "Ich war stolz darauf, nicht gut behandelt zu werden."

Aus dem Studio McQueen nahm sie einen entscheidenden Impuls mit: sich mehr mit Korsetts zu beschäftigen. Die Marke produzierte viele Lederkorsetts, hing die Entwürfe an sogenannte Körperkäfige. "Ich habe viel recherchiert, wie die klassischen Renaissancekostüme zum Festschnüren gemacht wurden – und dadurch bin ich auf die Orthopädie gestoßen." Richtig gehört, Hörmanseder inspiriert seitdem die Kunst des richtigen Stützapparates.

Noch ein Blick an die Wand in Kreuzberg. Da hängen Bilder aus einem orthopädischen Handbuch, Fotos von Bandagen an Arm- und Fußgelenk. Was die Designerin daran fasziniert? "Die Technik, die richtige Verschlussmöglichkeit zu finden, wie ich einen Schlitz in das Leder hineinarbeite, damit ich es noch einmal umwickeln kann."

Sie zeigt ihre aktuellen Entwürfe. Kleider, die aus unendlich vielen Schnallen und Gürteln zu bestehen scheinen. Cremefarbene Lederjäckchen, die an der Schulter mit hellblauen Schnallen zusammengehalten werden. Seit Kurzem macht sie auch Taschen in dem typischen Gürtelmuster. "Da versuche ich, kundenorientiert zu sein", gibt sie zu. In drei Jahren möchte sie schwarze Zahlen schreiben. Accessoires sind wie bei jedem großen Modehaus der Schlüssel dazu.

Im September eröffnete sie zum ersten Mal einen Showroom in Paris – während der Fashion Week. Franzosen, Berliner und ein großer arabischer Onlineshop gaben Bestellungen auf. Jetzt muss Hörmanseder für die Schau auf der Berliner Fashion Week am 22. Januar schuften, jeden Morgen von ihrer Wohnung im verschlafenen Prenzlauer Berg ("zu Hause darf es ruhig etwas spießig sein") die U-Bahn-Linie 8 zum Moritzplatz nehmen und schneidern, denken oder Leder mit Lösungsmittel bearbeiten. Stört sie der Gestank nicht? "Echt, das riecht? Ich merke das gar nicht mehr."

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