Oscar-Nominierungen Die ungeschminkte Wahrheit

© BSM Studios

Unter Hollywoods Frauen kursiert die zynische Binsenweisheit: Wer Mut zur Hässlichkeit beweist, bekommt einen Oscar. Das hat bei Charlize Theron, Halle Berry, Kate Winslet, Hillary Swank und einigen anderen geklappt. Bei Renée Zellweger nicht ganz – die sah, man stelle sich das vor, als Bridget Jones mit Size-Zero-Plus immer noch zu gut aus.

In diesem Jahr finden sich unter den Oscar-Nominierungen für die beste weibliche Haupt- und Nebenrolle wieder einige, die Schauspielerinnen dafür belohnen wollen, dass sie sämtliche Hollywoodklischees hinter sich lassen. Weg mit den Glitzerkleidern, runter mit dem Make-up, Gesicht zeigen! Sicherlich möchte man keiner Drehbuchautorin, keinem Regisseur unterstellen, bereits bei der Konzeption einer möglichst naturidentischen weiblichen Filmfigur auf die großen Preise zu schielen. Doch ist die Riege der diesjährigen Anwärterinnen so bemerkenswert, dass wir darüber sprechen müssen.

Marion Cotillard spielt eine depressive Arbeitskämpferin in Zwei Tage, eine Nacht, Patricia Arquette dokumentiert in Boyhood das echte Leben einer alleinerziehenden Mutter, Julianne Moore verliert in Still Alice als Alzheimerkranke ihre New Yorker Upper-Class-Identität, und Reese Witherspoon geht in Der große Trip mit Rucksack aber ohne Spiegel auf Selbsterfahrungstour. Ganz nebenbei und nicht nominiert zeigt sich Jennifer Aniston, die Klatschmagazine sind ganz aufgeregt, in ihrem neuen Film Cake völlig ungeschminkt.

Die Frage, die man sich als Gesellschaftskritiker also stellen muss, liegt auf der Hand: Was hat das zu bedeuten? Nun haben wir Medien bekanntermaßen immer ein Herz für Verschwörungstheorien, ohne sie wäre die Lektüre unserer Kommentarspalten nur halb so lustig. Und weil uns die Wahrheit ohnehin nicht interessiert, befeuern wir die noch so absurden Hypothesen mit dem größten Vergnügen.

Hier also ein paar Theorien auf dem Weg zur Universalformel:

1. Nach dem Hackerangriff auf Sony hat der Konzern mit allen Filmverleihern einen Pakt geschlossen: "Dem Vorwurf des Sexismus in der Filmbranche beugen wir vor, indem wir Frauen endlich aussehen lassen wie Männer."

2. Dahinter steckt eine feministische Weltverschwörung: "Erst wenn wir die Gleichheit der Geschlechter hergestellt haben, werdet ihr lernen, dass man Lippenstift nicht essen kann."

3. Feministische Weltverschwörung II: Im Kampf gegen die sozialnormative Macht der Kosmetikkonzerne sorgt ein Frauenclub um Alice Schwarzer dafür, dass geschminkte und operierte weibliche Vorbildfiguren aus dem öffentlichen Leben verschwinden.

4. Die Befreiung der Frau von allem Dekorativen hat kapitalistische Gründe: Im Naturzustand ist sie in der ganzen Welt vermarktbar und nicht den lokalen Schönheitsidealen unterworfen.

5. Das ist lediglich eine weitere Stilblüte des Normcore-Trends, hat aber nichts mit diesem Authentizi-Dingsbums zu tun.

6. Hollywoods Schauspielerinnen geht das ganze Maskentheater schon lange ziemlich auf die Zwiebel. Sie wollen das Leben vor der Kamera darstellen, wie es eben aussieht, wenn die Kameras aus sind. Und weil das ein ziemlich komplizierter Gedanke ist, kehren alle zu ihrer Naturhaarfarbe zurück.

Kommentare

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Aus dem Schminkkästchen geplaudert ... Grau, teure Freundin, ist alle Theorie, und mau des Strebens besoldeter Traum (Mephisto, Außenszene Hollywood). Deshalb aus der Hüfte geschossen - wie von WüsteMojaveVisage Rooster Cogburn, unter Blinden ist der Einäugige Marshal - sechs kurze Statements vs. Universalformel:
1. Jedem Hacker die Hackfresse, die er verdient - Frauen hacken so nie - ergo: Hacking out of sexism.
2. Lippenstift stiftet Lippenbekenntnisse - ergo: Gleich und gleich gesellt schon lange gern.
3. Alice (samt Umständin) ist geschminkt (biete Augenzeugenschaft an) - falls doch nicht, Wahrnehmungsirrtum bei Außenstehenden.
4. Naturzustand sozialnormativ ungeeignet - ergo: High sein, frei sein, ein bißchen Terror muß dabei sein (nur gegen sich selbst, versteht sich).
5. Wer einen Wort-Koffer wie Normcore stehen läßt, muß Zwangstrolley hinter sich herrumpeln.
6. Kennen Hollywoodstars überhaupt noch ihre Naturhaarfarbe?

(Vor über 10 Jahren) Anweisung aus der Maske, ausgehängt in einem Studio-Aufenthaltsraum (direkt gegenüber der Besetzungscouch), jwd vom Dom, auf der grünen Container-Wiese: "Damen: 30 Min. - Herren: 15 Min. - Lilo Wanders: Standby".
Heutzutage lit.Cologne: "KritikerInnen 10 Min - Klatschvieh bleibt, wie es ist - Michel Houellebecq: Standby".