© Getty Images

London Fashion Week Plastik ist das neue Satin

Nur nach vorne schauen, so lautet das Erfolgsrezept der britischen Modemacher. Was sie dort für den Winter sehen? Eine Karambolage aus Wollpullovern, Erotik und Ornament. Von

Grenzübertritt nur in Cordhose

Für einen Modedesigner sei der Blick zurück gefährlich, sagte Karl Lagerfeld einmal. Die Gegenwart werde dann zweitrangig. Die Modestadt London mit ihren vielen aufstrebenden Talenten ist dieser Warnung stets am verlässlichsten gefolgt. Niemals zurück, sondern immer nur nach vorne schauen, so lautet das Erfolgsrezept der britischen Avantgarde, das Designer wie J.W. Anderson, Mary Katrantzou und Christopher Kane in wenigen Jahren zu internationalem Ruhm geführt hat.

Bei der gerade zu Ende gegangenen Londoner Modewoche nun die Überraschung: Jonathan Anderson hat sich für seine neue Kollektion vom Berlin der späten achtziger Jahre inspirieren lassen. "Wir haben viel über die Geschichte der Stadt recherchiert", sagte der Designer nach seiner Präsentation, "über den Fall der Mauer, die neu entdeckte Freiheit, die wilden Partymädchen dieser Zeit. Ich mochte ihre individuellen Looks". Aus der Lust an der Provokation, die in dieser Zeit in Berlin zum guten Ton gehörte, sei ein "smashup unterschiedlichster Texturen" entstanden, so Anderson. Smashup, das bedeutet: Karambolage. Seine Kollektion folgt diesem Motto: Weite Wollpullover mit Farbspritzern kombiniert er zu grünen Cordhosen, von Metallfäden durchwirkte Blusen haben breite Schulterkappen, voluminös drapierte Lederkleider Keulenärmel und seitliche Gürtelschnallen, eine Strickjacke mit Raubkatzendruck zieht er über einen braun-gestreiften Rollkragenpullover. Dazu links ein dreieckiger, rechts ein runder Ohrring und an den Füßen geraffte Lederstiefel. Um guten Geschmack macht Jonathan Anderson dabei einen weiten Bogen und aufgewärmt wirkt an dieser Mode gar nichts. Anderson hat nicht die Kleider von damals, sondern die Alles-ist-möglich-Mentalität ihrer Zeit in die Gegenwart gerettet.

Die Zukunft ist Technicolor

Noch weiter zurück, bis ins viktorianische Zeitalter, blickte Mary Katrantzou mit ihrer opulenten Kollektion. Ein Laufsteg aus rosa Schaumstoff ist die Bühne für ihre kontrastreichen Entwürfe. Darauf flanieren die Models in Röcken aus kelchförmig aufspringenden, teils doppelt geschichteten Volants, bedruckt mit Ornamenten in Bonbonrosa, Korallrot, Gelb oder Azurblau. Dazu tragen sie gerüschte Krägen aus farbigem Plastik, breite Gürtel in Waffeloptik oder geblümte Fellmäntel mit Kunststoffpailletten am Saum. "In Bezug auf Textilien und Applikationen bin ich Maximalistin", sagt Mary Katrantzou. "Meine Schnitte aber sind ganz puristisch." Sie gießt ihre wilden Muster und Texturen in strenge Silhouetten. Ein raffinierter Kniff, denn die schlichten Formen lassen ein Technicolor-Kleid mit Kunststoffvolants und passender Schaumstoff-Clutch plötzlich völlig selbstverständlich wirken. Plastik ist das neue Duchesse-Satin.

© Getty Images

Aber wer will diese Kleider eigentlich tragen?

Diese Frage muss inmitten all des retro-inspirierten Londoner Futurismus gelegentlich gestellt werden. Die Entwürfe der Londoner Modegenies werden von Saison zu Saison ausgefallener – und zunehmend wie begehrte Kunstwerke gehandelt. Wenn man bedenkt, dass ein aufwendig besticktes Kleid von Mary Katrantzou fast so viele Arbeitsstunden wie eine Haute-Couture-Robe verschlingt, kein Wunder. Frauen, die solche Entwürfe kaufen, verlangen mehr, als nur gut auszusehen. "Artsy" ist diese Mode, sie soll ihrer Trägerin die Kennerschaft des Zeitgeists attestieren und nicht unbedingt auf den ersten Blick verstanden werden. Miss Artsy ist eine Exzentrikerin, sie will aussehen, als sei sie ihrer Zeit mehr als nur eine Nasenlänge voraus. Auch bei Jonathan Saunders wird sie fündig werden. Für seine intensiv farbigen, grafisch bedruckten Kleider, A-Linienröcke und geometrisch-gemusterte Rollkragenpullover ließ sich Saunders von den Werken britischer Künstler wie Bridget Riley oder Allen Jones inspirieren. Letzterer ist bekannt für Couchtische und Sessel aus knienden oder liegenden Domina-Figuren. Jones' Einfluss ist in den hochgeschnürten Overknee-Stiefeln zu sehen, die Jonathan Saunders mit einer betont weiblichen Silhouette und, höchst ironisch, exzentrischen Sonnenbrillen im Stil der sechziger Jahre kombiniert.

© Getty Images

Das feuerrote Kleid

Christopher Kane präsentierte seine Entwürfe gleich dort, wo sie in ein paar Jahrzehnten vermutlich wieder landen werden: im Museum, genauer in der Turbinenhalle der Tate Modern. Bis seine Entwürfe reif für die Vitrinen sind, werden sie aber hoffentlich den Weg in viele Kleiderschränke finden.

© Getty Images

Denn diese Kollektion feiert, was die zeitgenössische Mode gern verneint: weibliche Erotik. Kane druckt Scherenschnitte nackter Frauenkörper auf schmale Etuikleider, veredelt transparente Roben mit fein aufgestickten schwarzen und violetten Linien, die bei näherer Betrachtung die Umrisse von Brüsten und Beinen ergeben. Seine scharf geschnittenen, schwarzen Anzüge mit feuerroten Revers sind ebenso rasant wie kleidsam. Rote Blütenspitzen setzt er in schillernden Pailletten an den Körper und den Zackenprint auf einem kastig geschnittenen Mantel bezeichnet der Designer selbst als visualisierten "electric orgasm". Sinnlichkeit in diese Kleider zu übersetzen  – nicht ohne Grund gilt Christopher Kane als der derzeit genialste Modemacher der Stadt.

Wer Visionen hat, soll nach London gehen

Bei aller Fortschrittlichkeit wissen die dynamischen Briten aber auch, im richtigen Moment innezuhalten. Vor knapp einem Jahr verstarb die Designprofessorin Louise Wilson, die mehr als 20 Jahre lang am renommierten Central Saint Martins College den Masterstudiengang Mode führte. Viele der international erfolgreichsten Modedesigner, darunter Phoebe Philo, Stella McCartney und der 2010 verstorbene Alexander McQueen, gingen einst bei der strengen Meisterin in die Lehre. Sie schenkte dem als Modestadt lange belächelten London einige seiner wichtigsten Kreativen. In der St Paul's Cathedral wurde Louise Wilson gleich am Eröffnungstag der Modewoche gedacht. Parallel wurde ein Projekt gestartet, dass der Verstorbenen sehr am Herzen lag: Der Louise Wilson MA Fashion Fund soll Bewerbern mit geringen finanziellen Mitteln das Studium am teuren Central Saint Martins College ermöglichen. Für hungrigen Nachwuchs und neue Visionen ist also gesorgt – was alteingesessene Häuser wie etwa Burberry Prorsum zunehmend, nun ja, alt aussehen lässt. Außer dem aktuellen Fußgängerzonentrend Seventies, frisch aufgegossen mit Fransenponchos, knöchellangen Blumenkleidern und braunen Wildledermänteln, war auf dem Laufsteg des britischen Luxusgiganten wenig zu sehen. Ein kleiner Skandal am Rande: Zehn Minuten nach Beginn der Show quetschte sich noch schnell Naomi Campbell in die erste Reihe. Ganz schön spät dran, Frau Campbell – aber es passte wohl zu den Kleidern auf dem Laufsteg.

Eine Reiterin in einem Kleid von Sarah Burton für Alexander McQueen hält in London Mahnwache für Louise Wilson. © Getty Images

Kommentare

5 Kommentare Kommentieren