Paris Fashion Week Gebrochener Glanz

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Kim und Kanye, Gloria und Besuch aus dem Silicon Valley: Auf der Pariser Modewoche machen viele Lärm um Nichts, während andere leise leuchten. Von

Wenn in Paris Modewoche ist, wird das Café de Flore zum Konferenzraum der Branche. Wo früher Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir diskutierten, pausieren heute die Journalisten, Einkäufer und Stylisten. Es ist ein Schaulaufen abseits der Schauen. Nur der ältere Herr am Nebentisch scheint nicht dazuzugehören. Oder doch? "Kennen Sie Cristobal Balenciaga?", fragt er plötzlich. "Der war ein Meister der Eleganz. Bei ihm ging es um höchste Qualität und Zeitlosigkeit. Mais oui. So etwas gibt es heute nicht mehr. Alles ist so laut geworden. Laut und auffällig." Muss man Pariser sein, um solch einen skeptischen Blick auf die Mode zu haben? Hat Monsieur recht?

Im Jardin des Tuileries, einem der Austragungsorte der Fashion Week, ist neuerdings jedenfalls eine rothaarige Frau im Trenchcoat unterwegs. Sobald eine Schauenbesucherin fotografiert werden soll, reißt sie ihren Mantel auf und stellt sich nackt in den Bildhintergrund. Das ist wenig originell, aber wirkungsvoll. Die Streetstyle-Fotografen hassen sie.

Hauptsache nackt

Entwurf von Simon Porte Jacquemus © Getty Images

An der Grenze zum Vulgären bewegt sich auch manche Kollektion. Gleich zu Beginn der Modewoche präsentierte Anthony Vaccarello, Donatella Versaces jüngster Zögling und seit Januar Kreativdirektor ihrer Linie Versus, eine Kollektion in Schwarz, Blutrot und Kastanienbraun, mit der er die achtziger Jahre huldigte: Lederhemden, schwarze Miniröcke mit Plissees und Nieten und asymmetrische Kleider mit großen Sheriffsternen, die gerade so den Po bedecken. Noch mehr Haut gab es bei Simon Porte Jacquemus, nämlich blanke Brüste zu kastig um den Körper stehenden weiten Hosen. Die Models durften dafür unter Papiermasken inkognito gehen. 

Cocktails für den Nachwuchs

Immerhin hat es Jacquemus mit seiner mitunter bemüht wirkenden Konzeptualität unter die 26 Finalisten des begehrten LVMH-Preises für junge Modeschöpfer geschafft, die sich mit den Jurymitgliedern (darunter Raf Simons, Nicolas Ghesquière, Jonathan Anderson und Karl Lagerfeld) und geladenen Gästen am Mittwochabend zum Cocktail trafen. "Ich habe nie vergessen, dass auch meine Karriere mit dem Gewinn eines Wettbewerbs begann, nämlich 1954 bei der Verleihung des Woolmark Prize", erinnert sich Lagerfeld. Den Preis hält er für sehr wichtig. 

Blondie bei Balmain

Aus der Winterkollektion 2015 von Balmain © Getty Images

Kanye West, der neuerdings auch in Mode macht, ist allerdings nicht darunter. Zum Cocktail kam er trotzdem – und mit seiner Frau Kim Kardashian zur Show von Balmain, was am Donnerstagnachmittag zu einem mittelgroßen Verkehrschaos an der Opéra führte. Die Neuigkeit des Tages: Kim ist jetzt platinblond. Weniger bahnbrechend die Meldungen vom Laufsteg: transparente Spitzenhosen, Palazzo-Hosen mit Blockstreifen in Gelb, Violett und Grün und breitschultrige Kleider aus glitzernden Metallfransen. Disco-Looks inspiriert vom Paris der siebziger Jahre, wie der Designer Olivier Rousteing nach der Show erklärte. Eine Kollektion, die Lärm machte. Viel Lärm um Nichts. Aber Balmain scheint es damit gut zu gehen: über den Laufsteg liefen mit Karlie Kloss, Kendall Jenner und Adriana Lima nur die teuersten Supermodels.

Gebrochener Glanz

Aus der Winterkollektion 2015 von Dries von Noten © Getty Images

Doch je lauter die einen schreien, umso heller leuchten andere wie Dries van Noten. Der Belgier lud am Mittwochnachmittag ins Pariser Rathaus zum Défilee unter Kronleuchtern. Und er weiß, Glas funkelt am schönsten, wenn es gebrochen wird. Seine Kollektion war ein Clash der Kulturen: er zeigte leuchtende Jacquardstoffe in Blutrot und Gold zu khakifarbenen Safarihosen, ausladende Fellkragen und Stickereien von chinesischen Dörfern des 19. Jahrhunderts. Üppige Materialien, androgyne Silhouetten. Eine Garderobe wie aus Jules Vernes' In 80 Tagen um die Welt

Herzlichen Glückwunsch zum 125. Geburtstag!

Doch unter den Pariser Legenden ist der "erst" seit 1991 für seine Eigenmarke tätige van Noten geradezu ein Neuling. Jeanne Lanvin gründete ihr heute weltberühmtes Haus bereits vor 125 Jahren und wird dafür in diesem Jahr mit einer Retrospektive im Palais Galliera geehrt. Auch Alber Elbaz, der Chefdesigner des Hauses, blickt mit seiner Kollektion für den Winter 2015 zurück. Ihn inspirierten seine Wurzeln im marokkanischen Casablanca. Die übersetzte er in Mäntel mit Fransenbordüren, Berberhosen mit Quastengürteln und goldene Seidenpyjamas. Wie van Noten entwirft auch Elbaz für die intellektuelle Frau von Welt und lässt die lärmenden Kleider von Balmain damit geradezu provinziell wirken.

Garderobe für die "femme animale"

Aus der Winterkollektion 2015 von Raf Simons für Dior © Getty Images

Exotik ist in Paris in dieser Woche ein beliebtes Thema. Die Kundschaft kommt mittlerweile schließlich aus aller Welt, vor allem aus Fernost – unter den angereisten Gästen sind die chinesischen und japanischen Journalisten und Einkäufer am zahlreichsten. Die Kollektion von Dior, zu deren Präsentation Raf Simons am Freitagnachmittag in einen eigens aufgebauten, rosafarbenen Raum im Innenhof des Musée du Louvre geladen hat, ist entsprechend feine Garderobe für den Streifzug durch Stadt und Dschungel. 1947 verwendete Christian Dior zum ersten Mal den damals noch revolutionären Leopardenprint, Simons legt ihn nun in abstrahierten Mustern und leuchtenden Orange-, Blau- und Zinobertönen neu auf. Dazu gibt's maskulin-geschnittene Tweedblazer, Lacklederstiefel, knallenge Bodysuits aus gestricktem Jacquard und Fuchspelz in Smaragdgrün.

Besuch aus dem Silicon Valley

Erst Fashion Week, dann French Cup: Instagram-Chef Kevin Systrom und seine Freundin zu Gast in Paris © Jean Catuffe/Getty Images

Für internationales Flair sorgte auch der Besuch von Instagram-Chef Kevin Systrom, für den der Designer Jean Paul Gaultier am Dienstagabend ein Essen ausrichtete. Wie gut sich die Foto-App Instagram mit der Welt der Mode verträgt, beweisen Millionen User jeden Tag. Tausende Einkäufe, Outfits und Must-Haves werden täglich gepostet, gehashtagt und geteilt. Seit die App seit November 2013 auch Werbung erlaubt, ist sie für die Modeunternehmen noch interessanter geworden. Grund genug für Systrom, Paris zur Fashion Week einen Besuch abzustatten. Sein erster Stop: die Chanel-Boutique in der Rue Cambon. "I took a selfie", berichtet er. Und verhalf danach noch schnell Catherine Deneuve zu ihrem eigenen Instagramkonto. 

So ist das in Paris: Legenden treffen auf Visionäre. Das Leise auf das Laute. Muss man da nostalgisch werden, wie Monsieur aus dem Café de Flore? Nein, Mode und Moderne gehören schließlich untrennbar zusammen.

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