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Berlin Fashion Week Die Schönheit des Underdogs

Berlin müsste wissen, dass es nicht Paris, London oder New York ist. Sondern roher, jünger und experimentierfreudiger. Darin liegt das Potenzial für die Fashion Week. Von

Berlin ist Techno, Berlin ist Party, Berlin ist Mode. Jedenfalls in dieser Woche, wenn die Fashion Week acht Jahre nach ihrer Gründung in die 16. Runde geht. Zum 16. Mal: Beats auf dem Laufsteg, blubbernde Proseccoflöten und Herzrasen im Backstagebereich. Aber auch: gelangweilte Models, posierende Blogger und die Familien Becker und Ochsenknecht als Stargäste auf dem roten Teppich. Nach aufregenden ersten und vernünftigen letzten Jahren sollte man meinen, Berlin habe sich mittlerweile gefunden. Die Stadt müsste nun wissen, wie es ist, nicht Paris, nicht London, nicht New York zu sein – aber dafür eben Berlin, und deshalb ohnehin viel cooler. Roher. Jünger. Experimentierfreudiger. Doch noch immer schwebt über der Fashion Week die Frage: Wen interessiert’s?

Große Häuser wie Rena Lange oder Boss zeigen hier schon lange nicht mehr, eine junge Marke mit Potenzial wie Achtland, die in Berlin gegründet und groß wurde, wächst jetzt in London weiter. Wer es als junger Designer schaffen will, muss noch immer raus aus Deutschland. Labels der ersten Stunde wie Macqua, Pulver, Penkov oder Firma haben längst aufgegeben. Ein etablierter Berliner wie Vladimir Karaleev, der wie kaum ein anderer den Stil von Berlin als Stadt der losen Enden und offenen Kanten, der Dekonstruktion und aneckenden Formensprache geprägt hat, zeigt seine Kollektion ebenso wenig wie der junge Hoffnungsträger Martin Niklas Wieser. Zu teuer, nicht lohnenswert, unnötig. Noch immer kommen zu wenig internationale Einkäufer in die deutsche Hauptstadt und in Zukunft werden es vielleicht noch weniger werden, weil Zalando die Bread & Butter von einer Profi-Messe zu einer Verkaufsplattform umbauen will. Die internationale Presse sitzt diese Woche in Paris auf den Haute-Couture-Schauen. Dort schreiten auch die erfolgreichen Models die Laufstege auf und ab.

Die Berliner Fashion Week drohte in den vergangenen Jahren zu sehr in den Trash abzudriften – nicht die Talente und der Nachwuchs standen im Mittelpunkt, sondern Figuren wie der Fernsehdesigner Guido Maria Kretschmer oder der Partykönig Michael Michalsky, weil sie verstanden haben, wie sich Mode in Deutschland medienwirksam verkaufen lässt: als Vision aus Hysterie und Drama, Pink, Pomp und billigen Ratschlägen.

Berlin kämpft seit nunmehr acht Jahren darum, relevant zu werden. Dabei liegt die größte Chance vielleicht in seiner Irrelevanz. In der Rolle als Underdog, in dem, was an den Seitenlinien passiert, neben dem offiziellen Highheel-Tamtam im Zelt der Veranstalter IMG und Mercedes Benz. Im Kronprinzenpalais zum Beispiel, wo Marken wie Hien Le und Perret Schaad ihre eigene Modewelt erschaffen, mit Stil und Verstand. Oder auf der Fashiontech-Konferenz, eine Schnittstelle zwischen Mode und Technik, die an die Messe Premium angedockt ist, und genau die Themen verhandelt, die die Branche derzeit umtreiben: Wie verändern technische Möglichkeiten die Art, wie wir Kleidung tragen, kaufen und verbreiten? Wie verändert das Internet den Umgang mit dem, was wir anziehen und damit nicht nur unseren Körper, sondern vor allem uns?

Models bei einer Show des Designers Hien Le auf der Fashion Week Berlin 2014 © Frazer Harrison / Staff

Auch die Veranstalter IMG und Mercedes Benz scheinen mittlerweile verstanden zu haben, dass der Charme von Berlin nicht in der großen Geste, sondern in den Hinterhöfen, den Galerien, in der Nähe zur Kunst liegt. Als Alternative zum Zelt werden diese Saison auch Kollektionen im Me Collectors Room, dem Privatmuseum des Wella-Erben und Kunstsammlers Thomas Olbricht veranstaltet. Außerdem gibt es seit letztem Jahr auch eine Lobby für die deutsche Mode, das German Fashion Council, gegründet von Christiane Arp, Chefredakteurin der deutschen Vogue. Denn das ist vielleicht eines der größten Missverständnisse nach acht Jahren Berlin Fashion Week: Die deutsche Mode ist keine lokale Angelegenheit, sondern eine nationale. Die Gründung einer Lobbyorganisation, die Mode in Deutschland als Wirtschaftsfaktor und Kulturgut stärkt, war lange überfällig. Mode ist kein Firlefanz, vor allem nicht in Deutschland, das eines der kaufkräftigsten Länder Europas ist.

In Berlin ist es Zeit für einen Neuanfang. Weg vom Kommerz, hin zur Kunst und zurück zum Handwerk. Denn die Fashion Week ist nur das sichtbarste Symptom der erkrankten deutschen Modebranche, in der es Investoren und Branchenvertreter bisher nicht geschafft haben, gute Leute rechtzeitig und nachhaltig zu fördern. Designer, zumal solche, die sich selbstständig machen, sind keine Künstler im luftleeren Raum, sondern Unternehmer. Darauf sollten sie an den Schulen, an denen noch immer zu wenig BWL unterrichtet wird, auch vorbereitet werden. Die Fashion Week lebt von denjenigen, die hier präsentieren. Von den Marken, die bleiben. Von den Menschen, die bereit sind, sich für ihren Traum von Schönheit und Komfort aufzureiben und im schlimmsten Fall auch zu verschulden. Viele Nachwuchsdesigner müssen aufgeben, weil sie es nicht geschafft haben, kompromissloses Design und ökonomische Kompromisse in Einklang zu bringen.

Aus aller Welt strömen junge Menschen nach Berlin, um sich selbst zu finden und jemand anderes zu werden: Sie wollen sich inspirieren lassen. In dieser Woche haben sie hoffentlich die Chance dazu. Bei Bobby Kolade und Marina Hoermanseder, bei Hien Le, Perret Schaad und Julian Zigerli. Berlin ist Mode. Wenn man es lässt.  

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