Konsumzwang Ein Porsche und ein Seidenhemd

Der Autor im Buchstabenstrampler und sein Vater, noch ohne Seidenhemd. © Gieselmann

Was wird aus einem Kind, das alles bekommt? Und was aus einem Vater, der immer nur gibt? Die Bilanz einer Konsumbeziehung. Von

Was tun mit 500 Euro? Verprassen, sinnvoll investieren, Urlaub, Kunst oder Luxus? In der Serie "Konsumzwang" statten wir unsere Autoren mit einem üppigen Taschengeld aus. Die einzige Bedingung: Sie müssen über den Entscheidungsprozess schreiben.

Mein Vater ist beileibe kein Träumer. Er sagt oft Sätze wie "Es hilft ja nichts" und "So ist es nun mal". Aber den Konjunktiv II hat er uns Kindern schon recht früh beigebracht: "Wenn ich Junggeselle geblieben wäre, dann würde ich einen Porsche fahren und ein Seidenhemd tragen."

Das war bestimmt nicht böse gemeint, vielmehr der gespielt resignierte Stoßseufzer eines gütigen Familienoberhaupts, regelmäßig zu hören vor Kindergeburtstagen und in der Vorweihnachtszeit, immer wenn er einfach nicht Nein sagen konnte und seine Brieftasche schließlich doch nach außen krempelte. Wenn…, dann… ach, es hilft ja nichts! Ihr sollt es besser haben als ich. Er war großzügig, vielleicht zu großzügig. Aber als Kind fällt einem ja nicht ein, das zu kritisieren.

In diesem Konjunktiv II schien mitunter sein nicht gelebtes Leben durch, zu dem ihm die Freiheit fehlte, das Geld, vielleicht der Mut und wahrscheinlich das Bedürfnis. Es war zusammengeschnurrt auf zwei Insignien des ungebundenen Hedonismus, auf das, was ein Mann von fünfzig Jahren sich damals, in den Achtzigern, eben so unter purem Luxus vorgestellt haben mag, wenn er keinerlei Berührung mit ihm gehabt hatte: ein Porsche und ein Seidenhemd. Man nennt diesen Modus ja auch Irrealis. Und in der Tat kam es mir recht unwirklich vor, mir meinen eigenen Vater, diesen lieben, gemütlichen Mann mit Schnauzbart und Haarkranz, als einen Sascha Hehn vorzustellen: Wie er, wenn er morgens früh zur Arbeit fuhr, in die Lagerhalle, in der er Schrauben zählte und sortierte, sich eben nicht umständlich in seinen VW Passat bugsiert hätte, sondern in der Manier des juvenilen Starchirurgen aus der Schwarzwaldklinik einfach in sein Cabrio gesprungen wäre, ohne vorher die Tür zu öffnen. Im Seidenhemd statt im grauen Parka.

Nie hat er sich etwas gegönnt

Irreal auch deswegen, weil meine Schwester und ich ja nun einmal existierten, das ließ sich nicht wegdeuteln. Ebenso wenig die Kosten, die wir durch unsere Existenz verursachten: 120.000 Euro sollen es Schätzungen zufolge sein, die Eltern für ihre Kinder bis zu deren Volljährigkeit aufbringen müssen. Ein Porsche und ein Seidenhemd kosten zusammen etwa das Gleiche. Mein Vater hätte sie sich also, wäre er tatsächlich Junggeselle und kinderlos geblieben, gleich in doppelter Ausführung leisten können: Zwei Porsches, einen davon als Cabrio, und – mindestens! – zwei Seidenhemden. Ich kann mich aber nur an besagten VW Passat und den immer gleichen Parka erinnern. Dazu die schwarze Bürotasche mit der Butterbrotdose und dem Tauchsieder für das Teewasser.

Dass er sich selbst einmal etwas gegönnt hätte, ist mir nicht erinnerlich. Wenn er uns Kinder aber beschenkte, mit Modelleisenbahnen, Fahrrädern, Schlagzeugen, Jugendzimmereinrichtungen, Plattenspielern, Wellensittichen, saß er mit leuchtenden Augen daneben, als freute er sich selbst am meisten. Er schaute jedoch, so kommt es mir heute vor, nicht auf die Geschenke, sondern auf uns, seine zumindest vorerst wunschlos glücklichen Kinder. Als hätte er für einen Moment einen Zustand des Friedens herstellen können, auch des inneren Friedens.

Drei Fußbälle für den Sohn

Es muss eine Kompensation gewesen sein: Als er selbst ein kleines Kind war, mitten im Krieg, die Mutter eine alleinerziehende Arbeiterin in einer Zigarrenfabrik, der Vater vermisst, waren zwei ausgediente Schlüssel, die ihm als Pferd und Pflug dienten, das einzige Spielzeug, das er hatte. Er erzählte uns das ohne Bitterkeit, ohne Neid und nie als mahnendes Beispiel dafür, wie gut wir es doch hätten. Er erzählte es, weil es nun mal so gewesen war. Er erzählte auch von seinem Freund, dem Sohn eines Möbelfabrikanten, der den einzigen Fußball im ganzen Dorf besaß. Wenn dieser im Begriff war, zu verlieren, schoss er den Ball über die Mauer der Möbelfabrik, und das Spiel war für alle vorbei. Ich besaß, wenn ich mich recht entsinne, drei Fußbälle. Einen roten sogar, nur für den Fall, dass es schneite. Was es so gut wie nie tat. Und wenn doch, saß ich in meinem warmen Kinderzimmer und spielte mit meiner weitverzweigten Modelleisenbahn.

Nun bin ich längst aus dem Gröbsten raus, wie man so sagt, zumindest aus jener Art von Grobem, durch das meine Eltern mir hindurchhelfen konnten. Ich lebe schon fast so lange nicht mehr bei ihnen, wie ich dort gelebt habe, 16 Jahre sind es inzwischen. Ich verdiene mein eigenes Geld und habe selbst zwei Kinder. 16 Jahre: Zeit genug für meinen Vater, um Geld anzusparen für einen späten Kaufrausch. Er ist jetzt 78, in einem Alter also, da mancher ein letztes Mal Gas gibt und in einem polierten Neuwagen dem Horizont entgegenprescht, der dort, hinter dem Kreisverkehr, am Schild mit der Aufschrift "Alle Richtungen", ja schließlich irgendwo liegen muss. Was kostet die Welt? Oder wenigstens: Was kostet die Samtgemeinde?

48 Kommentare

kurz in den Kommentaren quergelesen. was haben die denn alle? ok - dass dirk gieselmann keine scheu hat, mit offenem visier zu schreiben, ist mittlerweile auch bei mir angekommen. aber soviel Bewegtheit im Zeitforum? Diverse Neuanmeldungen nur zum "danke" sagen?
dann den Artikel gelesen.
am ende mit leicht angefeuchteten augen.
danke!

Danke. Für mich ein sehr bemerkenswerter Artikel, der einem mal wieder vor Augen führt, wie selbstlos auch meine Eltern immer wieder handelten und es auch heute noch tun - inzwischen eben zusätzlich auch ihren Enkeln zuliebe.

Dieser als auch Ihre Artikel im 11 Freunde Magazin sind immer wieder lesenswert. Chapeau.

Nach 46 Jahren haben Sie es mit Ihrem wunderbaren, so tief berührenden Text geschafft, dass ich mich erstmalig registrierte um Ihnen dies mitteilen zu können.
Vielen Dank dafür, dass Sie und die Verfasser der Kommentare mir gezeigt haben, dass es "da draussen" doch noch so viele Menschen mit dem Herzen am rechten Fleck gibt.

Danke, Herr Gieselmann, für diesen schönen Text. Ich habe Rotz und Wasser geheult. Es scheint etwas Besonderes an dieser Vätergeneration zu sein. Mein Vater ist genauso. Und ihr Text hat mich daran erinnert, wie gern ich meinem Sohn ein so guter Vater wäre wie mein Vater es mir war.

Sehr schoener Artikel, vielen Dank.
Ein kleiner Tip an den Autor:
Man muss nicht immer kommerzielle Geschenke machen. Ich denke, Ihr Vater ist so wie ich. Man gibt eben lieber, als man nimmt.
Mir ist es immer genug, wenn mich meine Kinder einfach in den Arm nehmen und vielleicht noch ein ernstgemeintes "Ich liebe Dich" sagen. Mehr brauche ich wirklich nicht. Einfach mit kleinen Gesten seine Zuneigung zeigen.
Und noch etwas persoenliches: Ich wuenschte, meine Kinder haetten so einen Grossvater, wie Ihre Kinder. Beneidenswert!!

So berührend! Nach vielen Tagen endlich wieder Worte, die das Herz weiten und nicht enger machen. Selbst Mama, aufgewachsen in Armut, verstehe ich Ihren Vater, ohne Einschränkungen. Ich freue mich, dass ich meine Kinder beschenken kann und werde es als Großmutter mit der selben Leidenschaft tun.

Kompliment, eine sehr private Geschichte, mit vielen Abzweigungen zum eigenen Nachdenken. Zu einer der Verzweigungen nur die Nachbemerkung: Sie werden es nicht durchhalten mit dem Wenigerschenken den eigenen Kindern. Deren Vergleichsmaßstab ist nicht Ihr Erfahrungshorizont , sondern das eigene Umfeld. Reden wir mal nach Weihnachten darüber...

Eine Kindheit in den Achtzigern in Deutschland?

Bis zum Satz mit den Eltern ging ich davon aus, dass Gieselmanns Vater ein alleinerziehendes gütiges Familienoberhaupt war. Schließlich wuchs der Autor in Deutschland auf. Und hier sind Frauen und Männer gleich viel wert. Wenn eine deutsche Familie aus Kind(ern) und beiden Eltern besteht, gibt es zwei Familienoberhäupter. Im Übrigen schuldet der Autor seiner Mutter genau so viel Dank wie seinem Vater, auch wenn deren Arbeit möglicherweise unbezahlt war.

Ach Gottchen. Sie nun wieder. Blasen immer in die selbe Tröte.

Können Sie es nicht verkraften, dass der Autor ausschließlich seinen Vater erwähnt? Dass Männer und Frauen vor dem Gesetz gleich sind (mit Ihnen wohlbekannten Ausnahmen), bedeutet doch nicht, dass jeder Mann und jede Frau als Vater oder Mutter oder auch nur als Mensch gleich gut oder gleich gut geeignet ist.

Falls der Autor meint, seiner Mutter etwas schulden zu müssen -nach Lesen des Artikels konnte ich dem Vater gegenüber keine Schuldgefühle erkennen-, dann wird er diese Schuld ihr gegenüber abtragen. Aber sicher nicht, weil sie es fordern oder es hierzu irgendeine Gleichstellungsmaßnahme gäbe.

Noch sind Menschen in Deutschland frei, wem sie ihre Liebe schenken und wem sie sich persönlich verpflichtet fühlen. Und das ist gut so. :-)

Gänsehaut. Tränen in den Augen. Habe mich auch nur registriert um mich für den tollen Artikel zu bedanken. Genauso geht es meinen Eltern heute auch noch - ich würde auch gerne soviel zurückgeben weil sie wirklich immer ihr letztes Hemd für meine Geschwister und mich gegeben haben auch heute noch. Sie nehmen es leider nicht an.

Auch ich habe mich erstmalig auf Grund Ihres einfühlsamen Artikels registrieren lassen. Als ich 16 Jahre alt war und meine Mutter arbeitslos wurde, hat sie mir von der Abfindung die sie bekam eine 5-wöchige Sprachreise nach Valencia finanziert. Sie hätte das Geld mit Sicherheit besser verwenden können. Das ist übrigens auch der Grund warum ich heute noch ausgezeichnet Spanisch spreche. Beim Lesen habe ich geweint! Danke!!!

Ich muss es gar nicht zu Ende lesen. Ich kenne das. Meine Eltern haben sich als Traum ihr Reihenhaus vom Mund abgespart. Ich war das Sandwichkind, von drei Geschwistern. Wenn Kirmes war, haben wir unseren Eltern EINE Karussell fahrt aus dem Kreuz leiern könnern. Ich kam mir so cool vor, als ich meinen zwei Mädels DREI davon spendierte. Meine Kinder konnten nicht verstehen, warum sie auch nicht noch ein VIERTES Mal fahren durften. Da habe ich etwas verstanden. 1. Damals war es einfacher, weil tatsächlich nicht genügend Geld vorhanden war, warum auch immer. 2. seinen Kindern zu sagen, wo die Grenze ist und aus welchem Grund ist um so schwerer.
3. Da hilft auch kein Erziehungsratgeber, denn das ist deine Familie, deine Kinder und deine Werte.

Sehr schöner Artikel, vielen Dank hierfür!
Das wichtigste sind die Menschen, die uns auf unseren Wegen begleiten.
Das realisiert man als junger Mann erst so wirklich mit den größer werdenden Zeitabständen in denen man diese Menschen sieht.

Wunderbarer Artikel...erinnert mich an meinen Vater, für den 1 goldene Armbanduhr & 1 Mercedes Ziel aller Sehnsüchte waren. Beide Ziele erreichte er nie. Und als er einmal, zu Weihnachten, eine zumindest vergoldete Herrenarmbanduhr aus dem Versandhauskatalog geschenkt bekam, reichte er sie an mich, seine damals 17jährige Tochter weiter. Er hätte mir sein letztes Hemd gegeben. Dass es ein Herrenhemd gewesen wäre, tut nichts zur Sache.

Ein sehr schöner Artikel, er hat mich sehr gerührt hat. Für einen Mann sind Sie ein wirklich guter Beobachter und nicht nur dass, Sie können einschätzen, abwägen, vordenken und sinnvoll beurteilen. Zudem können Sie zurückgeben. Was hätte manch anderer mit 500 Euro angestellt? Die Generation meiner Eltern macht für mich das Leben aus. Sie sind das Tüpfelchen auf dem i, weil Sie so zugewandt sind. "Leben lassen" können und nicht ständig ihre Kinder und sich selbst optimieren müssen. Sie sind es, die für andere da sein können, auch für die Nachbarn.
Leider ist dieser Typus heute nicht mehr gefragt und bald wird es sie nicht mehr geben, wie schade.

Scheint ein feiner Kerl zu sein, ihr Vater. Erinnert mich an meinen alten Herrn, der zwar nie von den Dingen gesprochen hat, die er sich unseretwegen nicht hat leisten können, aber immerhin Dinge behält, die man ihm schenkt.
Da wünscht man sich, dass man auch mal so wird...

Danke für diesen schönen Artikel. Sehr gut beobachtet, so sind wohl viele Eltern, meine ebenfalls. Sie haben immer nur uns Kindern gegeben und tun sich schwer mit dem Wünschen und etwas für sich zu beanspruchen. Man kann ihnen nichts Materielles zurück-schenken, nur zeigen, dass man dankbar ist und sie liebt. Und eines Tages mit ihnen das letzte Stück des gemeinsamen Weges gehen und sie nicht alleine lassen...danach sind wir keine Kinder mehr.

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