Ein Beauty-Shot der besonderen Art © Rankin

Rankin "Ich tue alles für Heidi"

Rankin ist einer der bekanntesten Fotografen der Welt. Von Queen Elizabeth über Heidi Klum bis zu 1.800 Unbekannten von der Straße – vor seiner Kamera sind alle gleich. Von

Rankin hat es undercover nach Berlin geschafft. Dass der Fotograf aus Heidi Klums Germany's Next Topmodel sich im Prenzlauer Berg rumtreibt, hat keiner gemerkt. Klein, Dreitagebart, grauer Mantel, schwarze Jeans: Wer ihn nur aus dem Fernsehen kennt, erkennt Rankin nicht. Wir reden. Ziemlich lange. Denn irgendwie warten keine anderen Journalisten auf ein Interview.

ZEITmagazin ONLINE: Werden Sie wieder mit Heidi Klum zusammenarbeiten?

John Rankin Waddell: Oh ja.

ZEITmagazin ONLINE: Für die nächste Staffel von Germany’s Next Topmodel?

Rankin: Nein, ob ich da wieder mitmache, weiß ich noch nicht. Bisher haben die mich nicht gebucht.

ZEITmagazin ONLINE: Würden Sie denn gerne?

Rankin: Weiß nicht. Mein Eindruck ist, dass die Deutschen die Show eher negativ sehen. Obwohl ich das Gefühl habe, viele schauen es heimlich gerne.

ZEITmagazin ONLINE: Es stimmt, unter Kunst- und Modekennern ist die Show eher verpönt. Auch von Feministinnen wird sie kritisiert. Auch, weil Heidi Klum vorgibt, echte Models aus den Mädchen zu machen, was vermutlich eine Illusion ist.

Rankin

oder mit bürgerlichem Namen John Rankin Waddell, wurde 1966 in Paisley, nahe Glasgow als Sohn eines Kaufmanns geboren. Er studierte am London College of Communication und gründete 1991 mit Jefferson Hack das Magazin "Dazed and Confused". Er fotografierte unter anderem Kate Moss, Heidi Klum, Vivienne Westwood, David Bowie und viele mehr. Und gilt als einer der renommiertesten Mode- und Porträtfotografen der letzten 30 Jahre. Seit dem Jahr 2009 tritt er auch in Heidi Klums Show "Germany's Next Topmodel" auf.

Rankin: Es ist ja eine Fernsehshow. Die Mädchen, die mitmachen, wissen das. Die Wahrheit ist: Wer Model werden will, muss ziemlich verrückte Dinge tun. Es ist wirklich harte Arbeit. Ich selbst gucke die Show nicht. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie realistisch sie ist. Heidi hat mich zwar gefragt, ob ich wieder dabei bin, aber die Produktionsfirma bisher nicht (lacht). Wir werden sehen. Für eine Saison war es schön, eine Pause zu haben. Aber: Ich tue alles für Heidi. Das wäre der einzige Grund, wieder mitzumachen. Egal, worum Heidi mich bitten würde, eine Charity-Aktion, eine Show, ich würde es tun.

ZEITmagazin ONLINE: Wieso?

Rankin: Weil sie für mich die treueste und hilfsbereiteste Person im ganzen Geschäft ist. Sie ist wirklich eine Freundin, und ich bin in der Regel nicht mit berühmten Leuten befreundet. Ich denke eigentlich, das sollte man trennen. Aber sie ist ein sehr guter Mensch und verdammt schlau. Ich bekomme liebevolle Nachrichten von ihr, meiner Frau schickt sie Geschenke. Glauben Sie nichts, was Sie über Heidi lesen!

Der britische Modefotograf Rankin © Rankin

ZEITmagazin ONLINE: Als Porträtfotograf arbeiten Sie an der Schnittstelle zwischen Stars und normalen Menschen. Auf ihren Bildern sieht sogar die Königin von England nett aus. Was fasziniert Sie an dieser Übergangszone?

Rankin: Ich wollte immer, dass den Menschen die Arbeit mit mir Spaß macht. Egal, ob Celebrity oder nicht.

ZEITmagazin ONLINE: Das kann nicht das einzige Geheimnis Ihres Erfolgs sein.

Rankin: Meine Ästhetik, die man leicht als nichts Besonderes verurteilen kann, basiert auf der Zusammenarbeit mit der Person, die ich fotografiere. Natürlich ist jeder anders. Etwas, das mir besonders klar geworden ist, während ich für mein Projekt Rankin Live in drei Monaten 1.800 Menschen von der Straße porträtiert habe. Jeder hat seine eigene Art, wie er gesehen werden möchte. Und darum geht es: Um das, was die Leute wollen. Ich setze das um. Ich versuche nie, der Situation etwas aufzuzwingen.

ZEITmagazin ONLINE: Wie schaffen Sie es, dass die Menschen sich wohlfühlen?

Rankin: Einen generellen Trick? Gibt es nicht. Jemanden zum Lachen zu bringen, klappt bei einigen, bei anderen nicht. Ich bin sehr sensibel dafür, wie die Atmosphäre am Set ist und wie sich mein Gegenüber fühlt.

"Momento Butterflies", 2014 © Rankin

ZEITmagazin ONLINE: Sind Sie es nicht langsam leid?

Rankin: Oft sagen Leute zu mir: "Oh, du bist bestimmt erschöpft", aber ich treffe wirklich gerne Leute. Ich bin neugierig, ich interessiere mich. Ich habe eine ziemlich optimistische Einstellung zum Leben. Ich glaube, die Menschen spüren, dass ich nicht darauf aus bin, sie bloßzustellen. Jetzt, mit der Digitalfotografie, kann ich ihnen das Foto ja gleich auf dem Bildschirm zeigen. Wenn einer seins nicht mag, verwende ich es nicht – keine Diskussion.

ZEITmagazin ONLINE: Galt das auch für Tony Blair, den Sie 2003 porträtiert haben, kurz bevor Großbritannien in den Irak einmarschiert ist? Der damalige britische Premierminister schien von dem Bild nicht so begeistert zu sein, das am Ende auf dem Cover des Time Magazines erschien.

Rankin: Er hat das Bild nicht vorher gesehen. Politiker können die Fotos generell nicht auswählen. Aber ich überhöhe weder Menschen noch schaue ich auf sie herab. Am Ende sind alle gleich.

ZEITmagazin ONLINE: Diese Gleichheit aller – war das die Kernidee für die Dove-Kampagne, für die Sie Nicht-Models vor der Linse hatten?

Rankin: Ich finde alle Menschen schön. Für mich hat das nichts mit normal oder unnormal zu tun. Manche wollen stark geschminkt sein, andere lieber natürlich.

ZEITmagazin ONLINE: Und Models?

Rankin: Wenn ich für Beauty-Kampagnen fotografiere, bin ich damit beschäftigt, die Models lebendig aussehen zu lassen. Aber das sind Profis. Die wissen, was sie tun.

ZEITmagazin ONLINE: 1991 gründeten Sie mit Jefferson Hack das Magazin Dazed & Confused, eines der einflussreichsten Mode- und Kulturmagazine Großbritanniens. Vor ein paar Jahren verließen Sie das Heft, um sich stärker auf die Porträtfotografie zu konzentrieren. Warum?

Rankin: Von 2000 bis 2008 war ich ein bisschen desillusioniert von der Modefotografie. Ich hatte weder das Gefühl, sehr gut darin zu sein, noch, hineinzupassen. Damals hieß es: "Das ist cool, das ist nicht cool". Ich habe nie verstanden, was mit cool gemeint ist. Das hat mich genervt.

"Michael Jackson Lookalike I", 2001 © Rankin

ZEITmagazin ONLINE: Jetzt hat die Modewelt Sie zurück.

Rankin: Ich habe die Atmosphäre vermisst. Darum habe ich das Magazin The Hunger gegründet. Ich wollte wieder im Team arbeiten: Leute beauftragen, neue Fotografen und Stylisten suchen – all das ist ein spannender Teil meiner Arbeit, von dem die Leute wenig wissen. Und ehrlich gesagt: Ich bin älter geworden und habe mich wohler gefühlt mit mir selbst. Plötzlich habe ich mir nicht mehr solche Gedanken gemacht, darüber, wie ... (überlegt)

ZEITmagazin ONLINE: ... darüber, wie anderen Ihre Arbeit gefällt?

Rankin: Genau das. Es spielte keine Rolle mehr. Ich habe aufgehört, mich zu vergleichen. Ich habe mir auch angewöhnt, positiv über die Arbeit anderer zu sprechen. Das ist wirklich schwierig. Als Fotograf ist man instinktiv ziemlich rechthaberisch und kritisch, was die Sachen angeht, die andere machen. Heute bin ich da entspannter.

ZEITmagazin ONLINE: Durch das Netz hat sich die Modebranche verändert und mit ihr die Modefotografie und das Verlagswesen. Als Ihre Karriere anfing, war mehr Geld im Spiel, Zeitschriften druckten gigantische Modestrecken, Firmen gaben ein Vermögen für Kampagnen aus. Wie haben Sie sich an diese Entwicklung angepasst?

Rankin: Die erste dramatische Veränderung war für mich das digitale Fotografieren. Aber ich war schnell begeistert davon. Ich hatte keine Angst und auch keine negative Haltung gegenüber dem Internet. Bei Instagram habe ich aber den Zug verpasst. Da hätte ich früher mitmachen sollen.

ZEITmagazin ONLINE: Sie haben sich dann auch stärker auf Modefilme konzentriert. Wegen der digitalen Möglichkeiten?

Rankin: Nein, ich war schon in den neunziger Jahren Regisseur. Aber plötzlich wurden die Kameras billiger und viele Fotografen machten auch Filme. Ich war eher ein Regisseur, der auf günstigere Kameras umgestiegen ist. Ein Digital-Revolutionär bin ich aber nicht. Ich habe auch nicht geahnt, wie riesig YouTube werden würde. Ich war nur begeistert davon. Seltsam ist, dass ich seit 20 Jahren Filme mache und Producer oder Leute von Werbeagenturen das immer noch nicht wissen. Das kann sehr frustrierend sein. 

ZEITmagazin ONLINE: Heutzutage kann jeder online Bilder verbreiten und eine digitale Persönlichkeit aufbauen, ohne einen Herausgeber dafür zu brauchen. Haben Fotografen an Macht verloren?

Rankin: Nein. Gute Bilder haben immer noch die Macht, etwas Besonderes zu kommunizieren und die Menschen etwas fühlen zu lassen. Das wird immer so sein. Es gibt ein schönes Zitat des bekannten britischen Fotografen David Bailey. Als der mal gefragt wurde, was er davon halte, dass jetzt alle Welt Fotos mit dem Handy mache, sagte er: "Das heißt nur, es gibt jede Menge mehr Scheißbilder." Das stimmt. Wenn Sie einen Fotografen buchen, haben Sie die Wahl zwischen jemandem, der vielleicht ein gutes Bild macht und jemandem, der es garantiert hinbekommt. Ich mache immer ein gutes Bild. Sie können diese Art von Kerl für 5.000 Pfund mieten. Oder mich für 70.000 Pfund. Das ist Ihre Entscheidung.

"I'm only 13", 2001 © Rankin

ZEITmagazin ONLINE: Verstehen Menschen Bilder heute nicht besser?

Rankin: Absolut. Die Sprache der Fotografie wird durch das Internet stark weiter entwickelt. Für mich als Fotograf ist das wunderbar. Die Leute können einschätzen, was ein gutes Foto ist. Ich halte Social Media aber für gefährlich und aufregend zugleich. Gefährlich, weil zum Beispiel Kinder und Jugendliche durch Fotografie mit ihrer Sexualität experimentieren. Andererseits ist es unglaublich aufregend, wie sie ihre Erinnerungen an das Leben und die Liebe visuell teilen.

ZEITmagazin ONLINE: Wie geht es mit den Zeitschriften weiter?

Rankin: Ich denke, es wird für sie weiterhin einen Platz geben. Aber nur für die, die wie kleine Bücher sind. Etwas, das man sammeln und aufheben möchte, wie eine tolle Tasche. Das ist die Sphäre, in der ich als Fotograf arbeiten will. Sie kaufen diese Art von Zeitschrift, weil eine Idee dahinter steckt. Weil sie zum Nachdenken anregt, wie ein Roman.

ZEITmagazin ONLINE: Es geht also gar nicht darum, Mode zu verkaufen?

Rankin: Trends und Shopping – das ist etwas ganz anderes, als Leser etwas fühlen zu lassen. Darum werden Zeitschriften wie die Vogue überleben. Die Art und Weise, wie sie die Dinge zusammenstellen, ist speziell. Carine Roitfeld oder Katie Grand – diese Leute sind bedeutend, wegen der Art, wie sie denken. Das gilt auch für Designer wie Marc Jacobs. Wenn es um Klamotten geht, können Sie natürlich auch auf Susie Bubbles Blog gehen. Sie erzählt Ihnen alles über jede einzelne Karl-Lagerfeld-Show. Aber bringt Sie das zum Nachdenken? Ich glaube nicht.

ZEITmagazin ONLINE: Ist es denn wirklich entscheidend, ob etwas auf Papier gedruckt wird?

Rankin: Es wird immer Leute geben, die etwas Wichtiges oder Interessantes zu sagen haben. Darum geht es. Ich finde deshalb den Modefilm-Bereich spannend. Videos lassen sich im Netz leicht teilen. Manches davon ist heute schon atemberaubend. Ich würde prophezeien, dass aus diesem Bereich in ein paar Jahren Weltstars hervorgehen, die unglaublich tolle Geschichten erzählen; vergleichbar mit der Musikvideo-Industrie in den Achtzigern.

ZEITmagazin ONLINE: Würden Sie gerne öfter in Berlin arbeiten?

Rankin: Ich weiß nicht viel über Berlin. Für meinen Sohn ist Berlin das Größte. Er liebt Berlin. Wie er darüber spricht, in diesem gedämpften, ehrfürchtigen Ton: "Oh Dad, wenn du in Berlin bist, musst du zu diesem Italiener gehen!" Ich würde Berlin gerne besser kennenlernen. Ich mag Deutschland sehr. Was interessant ist: In Deutschland nehmen Kuratoren meine Arbeit ernster als in irgendeinem anderen Land der Welt.

Rankins aktuelle Ausstellung in Deutschland "Rankin - Less is More" ist seit dem 13. Dezember in der Kunsthalle Rostock zu sehen.

2 Kommentare
Neuere Kommentare anzeigenNeuere
Ältere Kommentare anzeigenÄltere