Dass ethisch korrekt nicht spießig sein muss, beweisen die Entwürfe von Bobby Kolade. © Timothy Schaumburg

Berlin Fashion Week Öko ohne Ökis

Heute startet die Berlin Fashion Week. Es gibt wieder genug zu meckern. Dabei hat die Stadt endlich ihre Nische gefunden: ethisch korrekt produzierte Mode. Von

Notorische Berlin-Fashion-Week-Nörgler aufgepasst! Saison für Saison habt ihr die Provinzialität und mangelnde Anschlussfähigkeit Berlins an die internationalen Modestädte Paris, Mailand, New York und London mokiert. Dabei hat die Berliner Modewoche still und heimlich ein Thema gefunden, für das sie inzwischen sogar international gefeiert wird: ethisch produzierte Mode, also unter fairen ökologisch und sozialen Bedingungen produzierte Kleidung.

Mit dem Green Showroom und der Ethical Fashion Show existieren zwei Fachausstellungen, die sich ausschließlich der nachhaltigen Mode widmen, auf den Messen Premium, Seek und Bright gibt es eine Vielfalt internationaler Marken, wie die französische Turnschuhmarke Veja und das Schweizer Taschenlabel QWSTION, die transparent und nachhaltig produzieren. Dazu kommen junge Designer, die in Deutschland arbeiten, wie Isabell de Hillerin, Anne Gorke und Bobby Kolade, die auf ihren Laufstegen Mode zeigen, die unterschiedliche Aspekte und Herausforderungen ethischer Produktion ins Blickfeld rücken.

"Weder in Paris noch in London finden noch nachhaltige Messen statt", sagt Magdalena Schaffrin, Mitgründerin des Green Showroom und Creative Director der Ethical Fashion Show. "Deshalb ist Berlin mittlerweile der Ort, an dem sich neben den nationalen Marken auch die meisten internationalen ethisch korrekt produzierenden Marken präsentieren." Seit dem Jahr 2011 ist die Anzahl der Aussteller sowohl im Green Showroom als auch auf der Ethical Fashion Show konstant gestiegen, von 39 auf 167 Teilnehmer.

Auf der Ethical Fashion Show und dem Greenshowroom nehmen diese Saison 166 Aussteller teil – ein Rekord. © Thomas Lohnes/ gettyimages for Messe Frankfurt

Zu ihnen gehören Label wie Jan ’n June aus Hamburg, die ihre Kleidung in Polen produzieren lassen, aus ökozertifizierten Stoffen wie recyceltem Polyester, Micromodal oder Biobaumwolle. Ihre Mode ist geradlinig und minimalistisch. Stücke wie die schwarze Hemdbluse Evelyn oder das hellblaue Jerseykleid Shoshanna mit Cut-Out am Rücken haben das Zeug, eine breite Zielgruppe anzusprechen und sind trendunabhängig.

Auch das Kölner Label Lanius ist erfolgreich mit Mode für modische Frauen. Dazu gehören bretonische Streifenhemden im Sommer und weiße Mäntel aus Bouclèwolle im Winter. Alle Materialien sind GOTS-zertifiziert. GOTS steht für Global Organic Textile Standard und das Siegel wurde 2002 von Bio-Baumwollproduzenten, Textilindustrie, Nichtregierungsorganisationen und Zertifizierern entwickelt. Grundsätzlich müssen alle Produkte, die das GOTS-Siegel tragen, zu mindestens 70 Prozent aus biologisch erzeugten Naturfasern bestehen. Für die strengere GOTS-Kennzeichnung "Bio" ist ein Anteil von 95 Prozent erforderlich.

Ethisch korrekt, made in Germany

Öko ist schon lange nicht mehr spießig. Das beste Beispiel dafür sind die Kollektionen von Bobby Kolade. Für nächsten Winter empfiehlt er glitzernde Bodysuits aus rotem Lurexgarn, androgyne Hosenanzüge in Navyblau, die Ästhetik eines vom Himmel gefallenen Astronauten, mit Netztops, glänzenden Silberoberflächen und weit geschnittenen Hosen. Nachhaltigkeitszertifikate tragen seine Kleider nicht, aber er verzichtet auf Fell und Leder. "Man bekommt mittlerweile eine Lederjacke für 40 Euro. Das ist absurd, dahinter kann keine artgerechte Tierhaltung stehen und ich weigere mich, das zu unterstützen", sagt der im Sudan geborene Designer, der in Berlin lebt und arbeitet. Leder ersetzt er durch tree bark, einen Stoff, der aus der Baumrinde des Feigenbaumes gewonnen wird. Das Verfahren wurde in Uganda entwickelt, von dort importiert Kolade auch sein Material.

Ein Modell aus Bobby Kolades Herbst-/Winterkollektion für 2016. Leder ersetzt der Designer wie hier aus tree bark, einem Stoff, der aus der Rinde des Feigenbaums gewonnen wird. © Timothy Schaumburg

Auch wenn seine Kollektionen nicht ökologisch zertifiziert sind, achtet der Designer, der an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee studiert hat, auf Nachhaltigkeit. Alle seiner Entwürfe sind made in Germany, konkret steht dahinter sein Atelier in Berlin und eine familiengeführte Fabrik in Oberfranken.

Doch das Thema ethisch korrekt produzierter Mode gewinnt auch abseits der Messen und Schauen in Berlin an Fahrt. Das beobachtet zumindest Christina Wille, die in Berlin-Friedrichhain seit Ende 2014 den Laden Loveco führt, der ausschließlich ethisch korrekte und zum Teil auch vegane Modemarken führt. "Die Nachfrage steigt. Es kommen mehr Kunden und sie fragen gezielter nach, wie und wo die Mode, die sie hier sehen, produziert wurde", sagt sie. Und sie erzählt, dass allein in Berlin-Kreuzberg im vergangenen Jahr der Supermarché, ein Laden für ökofaire Mode, seine Ausstellungsfläche verdreifacht und mit dem Möon und Homage zwei weitere Läden eröffnet hat, die mit ihrem Angebot das gleiche Konzept verfolgen wie sie: Mode anzubieten, die gut aussieht, die man aber auch mit gutem Gewissen tragen kann. "Ich glaube, dass die Entwicklung, die sich im Bereich der Lebensmittel in Berlin vollzogen hat, sich auch in der Mode andeutet: Bio ist nicht nur massenkompatibel geworden, sondern auch angesagt", sagt sie.

Leihen statt kaufen

Dass sich das Thema in Berlin etabliert, dringt auch über die Landesgrenzen hinaus. Schweden beispielsweise nutzt Berlin als Bühne, um das Engagement des eigenen Landes für ethisch produzierte Mode zu unterstreichen. In der schwedischen Botschaft findet zum Auftakt der Modewoche der Sustainable Swedish Fashion Evening statt, auf dem Vertreter der Politik und der Industrie über den Stand ihrer Anstrengungen referieren.

Eine ihrer Ideen ist neu und gut: Die schwedische Marke Filippa K wird ab diesem Jahr in Deutschland einen Ausleihservice mit dem Namen Lease anbieten. Kollektionsteile muss man dann nicht länger kaufen, man kann sie auch gegen Gebühr leihen. "Wir wollen das Konsumverständnis unserer Kunden ändern", sagt Elin Larsson, Sustainability Managerin von Fillipa K. "Jeder glaubt, Mode besitzen zu müssen, aber das ermuntert die Industrie nur, immer mehr zu produzieren. Für unsere begrenzten natürlichen Ressourcen ist das zu viel."

Zu den Markenvertretern gehört an diesem Abend auch das schwedische Unternehmen H&M, die für ihre Fast Fashion bekannt sind. Ihr Engagement für die Umwelt mit Kleinkollektionen aus Biobaumwolle oder anteilig recycelter Baumwolle ist medial ebenso präsent und bekannt wie ihr Angebot, getragene Kleidung zurückzunehmen, um sie recyceln zu lassen. Was löblich ist, aber an H&Ms generellem Geschäftsmodell mit kleinen Preisen die Kauflust ihrer Kunden anzuheizen natürlich nichts ändert.

Auch die Haptik spielt bei ethisch korrekter Mode eine große Rolle, weil die Textilien nach strengeren Auflagen bearbeitet werden. Das verändert manchmal ihre Struktur. © Thomas Lohnes/ gettyimages for Messe Frankfurt

Trotzdem ist ihr Engagement, das mittlerweile auch Unternehmen wie Zara und C&A dazu inspiriert hat, ihre Lieferketten transparent zu machen, nennenswert. Denn es zeigt, dass sich die als unbeweglich geltende Modeindustrie langsam verändert. Nicht aus moralischen Einsichten, aber aus pragmatischen Notwendigkeiten.

Doch nicht nur die Industrie und die Konsumenten bewegen sich, auch die Politik tut etwas. Das zeigt das von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller 2014 ins Leben gerufene Textilbündnis, ein Zusammenschluss aus Politik, Spitzenverbänden der Textilindustrie und internationalen Unternehmen wie H&M, C&A, Adidas, Puma, Tchibo, ALDI, Lidl und die REWE-Gruppe. Das Bündnis hat seine Mitgliederzahl inzwischen verfünffacht und holt so unterschiedliche Protagonisten wie die Clean Clothes Campaign und den Textildiscounter Kik an einen Tisch, um soziale, ökologische und ökonomische Verbesserungen entlang der Textillieferkette zu erreichen und internationale Standards zu etablieren.

Designer, Handel, Konsumenten und Politik Hand in Hand

Und auch der Handel reagiert. "Inzwischen gibt es in Deutschland 50 Läden für nachhaltige Mode", sagt Magdalene Schaffrin vom Green Showroom und der Ethical Fashion Show. "Fast noch schöner ist: Auch der konventionelle Einzelhandel ordert immer mehr aus dem Segment der ethisch produzierenden Marken."

Es mag sein, dass Berlin keine Mode präsentiert, die in ihrer Kreativität und ihrem kommerziellen Erfolg an die internationalen Modestädte New York, Paris, Mailand und London anknüpfen kann. Was nicht heißt, dass die Stadt den anderen nicht vielleicht schon einen Schritt voraus ist. Den großen Modehäusern gehen nämlich gerade ihre Designer verlustig: Im vergangenen Jahr warf der Belgier Raf Simons bei Dior hin, der Franzose Jean Paul Gaultier kehrte seinem eigenen Haus den Rücken, die Holländer Viktor & Rolf verabschiedeten sich aus der Prêt-à-porter. Ihnen allen ist das Geschäft mit der Mode zu schnell geworden: Zu viel Masse, zu wenig Klasse.

Wenn sich Berlin nun als die Stadt etablieren kann, in der Mode gemacht und präsentiert wird, die zukunftsfähig ist, weil die Designer sich trauen über Materialien und Produktion neu nachzudenken und die natürlichen und kreativen Ressourcen bedachter einzusetzen. Wenn sich diese Tendenz bestätigen sollte, dann ist das ein Grund, die Berlin Fashion Week endlich einmal uneingeschränkt zu feiern. 


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