Berlin Fashion Week "Die Mode ist von Schmerz und Unglück durchzogen"

Die Trendforscherin Li Edelkoort geht mit offenen Augen durch ihr eigenes Leben – und durch das der anderen. © PR

Lidewij Edelkoort ist die wichtigste Trendforscherin der Welt. Sie lebt für die Mode, liebt sie aber nicht mehr. Ein Gespräch über stolzes Beige und eine kranke Branche Von

Lidewij Edelkoort sieht aus wie eine Hohepriesterin: Sie trägt ein wadenlanges Gewand aus dunkeltürkisfarbenem Pannesamt, dazu eine schwarze Hose und Céline-Sandalen aus schwarzem Fell. Die weiß-gesträhnten Haare sind zu einem Bob frisiert, ihre Lippen leuchten rot. Dass sie immer dann, wenn sie eine Bemerkung als wichtig kennzeichnen will, mit einem großen, fellgedämpften Klöppel auf einen mannshohen Gebetsgong schlägt, unterstreicht den sakralen Eindruck noch. Sie hätte das gar nicht nötig – die 170 Besucher ihres Seminars hängen sowieso an ihren Lippen. Im Haus Ungarn in Berlin gibt die Trendforscherin Lidewij Edelkoort im Rahmen der Berlin Fashion Week ein Trendseminar.

Edelkoort berät seit Mitte der siebziger Jahre erfolgreich Unternehmen wie Siemens, Estèe Lauder oder Gucci bei der Entwicklung von Produkten. Sie führt zwei Trendbüros, Trend Union in Paris und Studio Edelkoort in New York und Tokio. Aufsehen erregte sie zuletzt mit der Feststellung, die Mode sei tot und zwar in jeder Hinsicht, von ihrer akademischen wie medialen Vermittlung bis hin zu den Marken und der Industrie, die dahintersteht. Für das Jahr 2016 kündigt sie die "Emancipation of Everything" an. Zu diesem allumfassenden Phänomen gehört für sie die Emanzipation des Mannes, der Frau, des Alters, des Landes und der Stadt und des Konsums.

ZEITmagazin ONLINE: Wo fängt man an, bei so viel Emanzipation?

Lidewij Edelkoort: Im Kleinen. Überdenken Sie, wie sie schlafen, wie Sie kochen, wie Sie ihre technischen Geräte verwenden. Wie und wofür Sie sich verantwortlich fühlen. Emanzipieren Sie sich von den Überzeugungen, die im 20. Jahrhundert galten, lassen Sie sich auf das 21. Jahrhundert ein. Das ist jetzt schon in seinem sechzehnten Jahr, "Sweet Sixteen", die beste Zeit, um sich gegen geltende Normen aufzulehnen und eigene Ideen zu entwickeln.

ZEITmagazin ONLINE: In Ihrem Vortrag lassen Sie in den ersten fünf Minuten große Frauen zu Wort kommen, von Virginia Woolf über Rosa Luxemburg, von Pina Bausch bis zu Patti Smith. Sie zitieren ihre Gedanken über Unabhängigkeit, Geschlecht und Kreativität. Das klingt eigentlich nach Feminismus. Aber in ihrem Seminar stehen dann die Männer als Gewinner da: Sie entdecken ihre feminine Seite, übernehmen die Fürsorge für die Kinder, erobern die Mode für sich. Über die Frauen sagen Sie nur, dass sie sich emanzipiert haben, aber die Machtpositionen, die sie sich mühevoll erobert haben, nun gar nicht besetzen wollen.

Edelkoort: Das stimmt. Es ist nicht der Moment der Frauen. Zwar müssen sie sich keine Männermode mehr borgen, um ihrer männlichen Seite Ausdruck zu verleihen, aber sie müssen Wege finden, die Errungenschaften der Emanzipation so zu füllen, dass sie ihnen gemäß sind. Sie müssen Durchsetzungskraft beweisen, ohne ihre Weiblichkeit zu verlieren.

ZEITmagazin ONLINE: Sie mutmaßen auch, dass die emanzipierten Männer ihre Energie nicht länger darauf verwenden werden, mehr Geld zu erwirtschaften, sondern eine lebenswerte Zukunft für ihre Kinder zu schaffen. Wenn Sie diesen Verdienst den Männern zuschreiben wollen – was machen dann die Frauen?

Edelkoort: Ich weiß es nicht. Frauen befinden sich im Übergang. Sie werden das Geld verdienen. Sie werden bodenständige Versorgerinnen sein. Aber ich bin mir nicht sicher, ob Männer und Frauen in Zukunft so viel miteinander zu tun haben werden.

Mark Zuckerberg läuft immer im gleichen T-Shirt rum

ZEITmagazin ONLINE: Ein anderes großes Thema, dass Sie ansprechen, ist der Konsum: Sie glauben, dass die Leute zukünftig weniger konsumieren wollen. Nicht, weil sie weniger Geld zur Verfügung haben, sondern weil ihnen die Lust auf mehr Besitz vergeht.

Edelkoort: Es ist eine Entwicklung, die sich klar abzeichnet. Vor allen Dingen bei Menschen, die sehr beschäftigt sind. Schauen Sie sich Mark Zuckerberg von Facebook an, der stets im gleichen grauen T-Shirt zu sehen ist. Oder Barack Obama, der nur dunkelblaue Anzüge trägt. Sie erschaffen sich eine Uniform, über die sie nicht nachdenken müssen und auf die sie sich verlassen können.

ZEITmagazin ONLINE: Dem gegenüber stehen Modemarken, die bis zu acht Kollektionen im Jahr produzieren, von denen jede im Schnitt aus 30 unterschiedlichen Looks besteht.

Edelkoort: Zu viel Auswahl wird in Zukunft immer unattraktiver werden. Schon heute produzieren die jungen Designer nur noch kleine Kollektionen. Die Menschen wollen weniger besitzen, das gibt ihnen ein Gefühl der Freiheit zurück.

ZEITmagazin ONLINE: Wie sehen Sie das? Schließlich beraten Sie Kunden, die am Ende des Tages Produkte verkaufen wollen und so zu dem Übermaß an Angebot beitragen.

Edelkoort: Ich finde es wichtiger, bessere Produkte zu erschaffen, als an schlechten festzuhalten. Die Menschen wollen weniger, aber die Dinge, mit denen sie sich umgeben, sollen perfekt sein. Sie ziehen aus großen Wohnungen in kleinere und sorgen dafür, dass mit Einbauschränken und Ähnlichem der Platz maximal nutzwertig ist.

ZEITmagazin ONLINE: Warum hält die Modeindustrie so stur an der Idee der Überproduktion und Beschleunigung fest, obwohl ihr inzwischen selbst die Designer davonlaufen, so wie im Fall des Belgiers Raf Simons bei Dior im letzten Jahr?

Die Mode ist durchzogen von Schmerz und Unglück

Edelkoort: Die Gier der Investoren ist Schuld. Das jüngste Beispiel ist Christopher Bailey, der das altmodische Haus Burberry modernisiert hat. Kaum fallen die Gewinne um drei Prozent, steht er als Chefdesigner infrage. Für Alessandro Michele von Gucci, der gerade so bejubelt wird, gilt das Gleiche. Wenn seine Ideen sich nicht in gute Verkaufszahlen übersetzen, wird er gehen müssen. Die Modeindustrie ist durchzogen von Schmerz und Unglück. Schauen Sie sich mal den Abspann eines Films an – jeder, der auch nur irgendwie beteiligt ist, wird hier gewürdigt. Die Modeindustrie hingegen nimmt die Menschen, die an ihrer Produktion beteiligt sind, nicht einmal wahr.

ZEITmagazin ONLINE: Was ist denn Ihre Antwort auf diesen Zustand?

Edelkoort: Die Mode ist zu einer Zunft verkommen, deren Mitglieder Angst vor der Zukunft haben. Ausgerechnet die Mode! Geld hat eine zerstörerische Kraft. Damit sich etwas ändert, müssen die Märkte sich ändern; es muss einen Markt für Innovation geben. Und bei den Modemarken muss es eine Quote für Innovation geben.

ZEITmagazin ONLINE: In Ihrem Vortrag sagen Sie auch lustige Sätze wie "Die Beiges sind müde" oder "Pink ist in seinem neunzehnten Jahr". Was bedeutet das?

Edelkoort: Beige hat es satt, das Mauerblümchen zu spielen. 2016 trauen sich die Beigetöne, die erste Geige zu spielen. Sie sind nicht schmuddelig mit Schwarz vermengt, sondern fröhlich, mit Blau- und Rottönen gemischt. Sie sind nicht der Akzent, der ein Outfit komplettiert, sondern die Hauptsache. Pink habe ich vor neunzehn Jahren zum ersten Mal als wichtig wahrgenommen, inzwischen hat es sich von seiner Mädchenhaftigkeit befreit. Bei den Indern ist Pink das, was Dunkelblau bei uns ist. So werden wir es auch kennenlernen.

ZEITmagazin ONLINE: Wie kommen Sie eigentlich auf Ihre Trendempfehlungen?

Edelkoort: Sie beruhen gänzlich auf meiner Intuition. Erst vor Kurzem habe ich erkannt, dass diese Intuition nicht einmal mir gehört. Ich habe nur das Talent, sie verständlich zu kommunizieren.

6 Kommentare

"Die Menschen wollen weniger besitzen, das gibt ihnen ein Gefühl der Freiheit zurück." - Für mich ist jenes das eigentlich zentrale Thema unserer heutigen Zeit, dass Frau Edelkoort bewundernswerterweise durch ihre lupenreine Röntgenbrille richtig erkannt hat. - Ich glaube, ich werde mich auch so langsam auf ein gut bezahltes 'Trendseminar' vorbereiten.. super, Danke!

"Zu viel Auswahl wird in Zukunft immer unattraktiver werden."
Das mag vielleicht stimmen, aber die Quantität, das kurzlebige Neue wird, wie an den Primark-Tüten hier bei uns zu sehen, anscheinend immer attraktiver. Der Hype zieht sich durch beide Geschlechter und fast alle Altersklassen.
Es mag auch stimmen, dass es Menschen gibt, die wenige, aber dafür hochwertige Produkte bevorzugen (zu denen ich auch gehöre), aber dies muss man sich entweder -sofort- leisten können oder bereit sein, eine längere Zeit Verzicht zu üben. Vor Allem muss das Wissen vorhanden sein, wie diese Produkte gepflegt werden.
In einem hat sie absolut Recht: Beige ist schön, wenn es mit frischen Farben kombiniert wird, genauso wie hellgrau. Allerdings ist Beige nicht gleich Beige.

Beige? Wirklich?
Wie mir mal eine finnische Freundin sagte: "Sag mal, warum tragen in Deutschland eigentlich fast alle Rentner beige?"
Leider kann man, wenn man einmal darauf geachtet hat, beige nicht mehr ungesehen machen. Es ist hierzulande tatsächlich die Farbe des Alters.

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